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Und nebenbei Auto fahren

Lüneburg. Es gibt einen besonders schaurigen Unfall in der Region, bei dem das Handy eine Rolle gespielt haben dürfte: Direkt neben der Hand des getöteten Autof ahrers fanden Polizisten ein Handy. Es liege nahe, dass der Mann wahrscheinlich eher auf das Display als auf den Verkehr geachtet habe, mutmaßen Ermittler. Genau wissen sie es nicht: Aus rechtlichen Gründen dürfen sie das Mobiltelefon nicht auslesen.

Es ist nur eins von vielen Beispielen, die darauf schließen lassen, dass Autofahrer sich am Steuer gern ablenken lassen. Bei Kontrollen stoppt die Polizei regelmäßig Männer und Frauen, die während der Fahrt mit dem Smartphone beschäftigt sind.

Das Handy am Steuer sei Unfallursache Nummer 1 in Deutschland, behauptet nun der Verein Mobil in Deutschland und geht dabei jährlich von 500 Toten im Straßenverkehr aus, die wegen mangelnder Aufmerksamkeit verunglückten. Bei der Lüneburger Polizei ist der Verkehrsexperte Andreas Dobslaw erstaunt, dass die Organisation derart genaue Zahlen nennt. Denn die Polizeistatistik erfasse diese gesonderten Daten nicht.

Er verweist auf eine Studie der Allianz-Versicherung aus dem vergangenen Jahr. Dort heißt es: „Nach Expertenmeinung ist jeder zehnte Unfall mit Getöteten im Straßenverkehr auf Ablenkung zurückzuführen. Im vergangenen Jahr starben fast 3500 Verkehrsteilnehmer auf deutschen Straßen, 256 davon, weil einer der Unfallbeteiligten alkoholisiert war. Deutlich mehr Personen (etwa 350) kamen durch Ablenkungsunfälle ums Leben.“ Nahezu jeder zweite Fahrer, genau 46 Prozent, habe bei einer Befragung zugegeben, während der Fahrt das Handy zu nutzen.

Der Hauptkommissar ist sich sicher, dass mancher während der Fahrt eine SMS schreibt oder ein Selfies schießt und dann beispielsweise einen Auffahrunfall baut. Doch Dobslaw sagt, dass Fachleute den Begriff weiter fassen und lieber von Ablenkung sprechen: „Es ist ja nicht nur das Handy. Es kann auch Navi oder das Radio sein. Dazu kommen Rauchen und Essen während der Fahrt. Da fällt etwas nach unten, und man ist abgelenkt.“

Der Beamte kennt noch skurrilere Beispiele. Untersuchungen aus den USA und Österreich würden belegen, dass mancher Körperpflege am Steuer treibt, vom Nägel schneiden bis zum Schminken sei alles dabei. Aus eigenem Erleben nennt er eine weitere Unart: „Wenn Sie in Berlin ins Taxi steigen, haben manche Fahrer auf einem eingebauten Display das Fernsehprogramm laufen.“ Das sei bei einer Pause ja kein Problem, aber im wuseligen Verkehr durchaus.

Verstoß wird als Ordnungswidrigkeit geahndet

Bei möglichen „Handy-Unfällen“ seien der Polizei die Hände gebunden. Ein Verstoß werde lediglich als Ordnungswidrigkeit geahndet. Das bedeute, dass Ermittler eben nicht überprüfen dürften, ob jemand mit seinem Mobiltelefon im Funknetz eingeloggt war. Fahrer hätten auch kein Interesse zuzugeben, dass sie abgelenkt gewesen seien: „Sie hätten dann vermutlich Probleme bei ihrer Versicherung.“

Die Polizei setzt auf Aufklärung und Kontrollen: Doch eben diese Kontrollen seien nicht so einfach. „Wir brauchen dafür immer zwei Teams“, sagt Dobslaw. „Die einen müssen den Verstoß beobachten und Zeugen sein, die anderen müssen den Fahrer stoppen.“

Der Erfolg der Strategie ist überschaubar. Das kann jeder beobachten, der mit seinem Wagen unterwegs ist – wenn er vom eigenen Smartphone aufblickt.
Von Carlo Eggeling