Aktuell
Home | Lokales | Das Vamos und der Facebook-Schneeball: Der Einfluss sozialer Netzwerke auf unseren Nachrichtenkonsum
Das Vamos ist ein beliebter Ort zum Feiern. Über einen Vorfall, der sich dort im September ereignet hat, wurde im Internet heftig diskutiert. Vor allem auch deshalb, weil das Sicherheitspersonal nicht richtig reagiert hat, wie auch der Chef einräumt. (Foto: A/t&w)

Das Vamos und der Facebook-Schneeball: Der Einfluss sozialer Netzwerke auf unseren Nachrichtenkonsum

Ein Mann soll eine Frau im Lüneburger Club Vamos sexuell belästigt haben. Auf Facebook entbrennt über diesem Vorwurf eine Debatte zum Thema Glaubwürdigkeit. Die LZ hat mit den betreffenden Parteien gesprochen und ist zudem der Frage nachgegangen, wie soziale Medien unseren Nachrichtenkonsum verändern. Lesen Sie dazu unten ein Interview mit dem Kommunikationswissenschaftler und Journalisten Prof. Dr. Andreas Bernard. 

Lüneburg. Sonntag, 3. September, 2 Uhr morgens. Eine junge Frau steht mit vier Freundinnen im Lüneburger Club Vamos am Tresen, die Stimmung ist gut. Als plötzlich jemand von hinten um sie herumgreift, denkt sie noch, es sei eine ihrer Freundinnen. Doch dann wird die „Umarmung“ fester, zwei Hände wandern an ihrem Körper hinunter und fassen ihr direkt in den Schritt. So schildert es die 19-Jährige, die den Vorfall einige Tage später anonym bei Facebook auf dem Partyportal „Spotted: Lüneburg Nightlife“ veröffentlicht. 60 000 Nutzer haben den Beitrag bislang gelesen, er wurde knapp 400 Mal kommentiert und 172 Mal geteilt.

Die Kommentare gehen in ganz unterschiedliche Richtungen: Viele halten die Schilderungen für unglaubwürdig, andere verteidigen die junge Frau. Sie soll sexuell belästigt worden sein, das behaupten Zeugen, Mitarbeiter und auch Vamos-Chef Klaus Hoppe halten den Vorfall für glaubhaft.

19-Jährige fühlt sich dort nicht mehr sicher

Marie D. kommt aus Bispingen, zwei Mal im Monat feiert sie mit Freundinnen im Vamos. „Jetzt werde ich da nicht mehr hingehen. Ich fühle mich da nicht mehr sicher.“ Was sie schlimm findet: Der Grapscher sei nicht der Disco verwiesen worden. Marie D. beschreibt ihn als Südländer, etwas älter als 30, an dem Abend habe er eine schwarze Jeans und ein weißes Hemd getragen. „Nachdem ich mich umgedreht, geschrien und ihn weggestoßen hatte, streckte er mir die Zunge raus“, schildert sie der LZ.

Was sagt der Seiten-Betreiber?

Die LZ sprach auch mit dem Betreiber der Seite „Spotted: Lüneburg Nightlife“. Den Beitrag habe er öffentlich gemacht, um die „Leute darüber in Kenntnis zu setzen, wie schlecht das Security-Personal im Vamos arbeitet und wie dort mit solchen Aktionen umgegangen wird“.

Eigentlich sei Spotted dazu da, Personen zu finden, denen man beispielsweise im Lüneburger Nachtleben begegnet, sich aber nicht traut, sie direkt anzusprechen. „Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen wie diesen Beitrag.“ Zur Überprüfung des Wahrheitsgehalts sagt er, er habe Marie D. vertraut. “

Die Bispingerin sagt, sie habe die Security informiert und gebeten, dass der Mann rausgeworfen werden soll. Die beiden Sicherheitsmitarbeiter hätten ihn für ein klärendes Gespräch aus dem Club gebeten. Marie D. und ihre Freundinnen, die mitgingen, erinnern sich so an das Gespräch: „Er sagte, dass er neu in Deutschland sei und gegen mich geschubst wurde. Später meinte er dann noch, dass er gar nicht am Tresen war.“ Mit ihren Freundinnen hat sie gleich vier Zeuginnen, die das gesehen haben wollen. Und die waren sich einig: „Wir wollten einfach nur, dass er nicht wieder hinein darf und die nächste Frau anfasst.“

Letztlich, so heißt es von den Mädchen, soll sich der an dem Abend zuständige Teamleiter gegen einen Rausschmiss ausgesprochen haben. Im Vamos heißt es, dass der Grapscher zu einer Gruppe gehöre, die regelmäßig käme und stets viel Geld lasse. Maries Freundin Alina S. war empört: „Das ist doch kein angemessenes Verhalten. Darf man sich heute alles erlauben?“ Doch auch die Kritik sei auf taube Ohren gestoßen. Für die jungen Frauen war der Abend gelaufen, sie verließen das Gelände kurz darauf.

Vamos-Chef will sein Personal besser schulen

Inzwischen hat sich auch Klaus Hoppe, Geschäftsführer der Campus Management GmbH, eingeschaltet. Er hat sich mit Marie D., ihrem Vater und Freundin Alina S. getroffen. Gegenüber der LZ kritisiert der Vamos-Chef das Vorgehen seines Sicherheitspersonals und kündigt Schulungen an. Bei einem Übergriff müsse der Opferschutz immer oberstes Gebot haben, „auch in unklaren Situationen.“ Jeder einzelne Übergriff eines Gastes müsse klar geahndet und vom Opfer zur Anzeige gebracht werden, betont er, schließlich sei es eine Straftat.

Facebook-Reaktionen

▶ Wir Frauen müssen diesen „Personen“ zeigen, dass wir auch zuschlagen können, wenn die sich nicht benehmen.

▶ Nette Lügengeschichte, und ihr fallt alle drauf rein? Das ist feinste Hass-Propaganda der sogenannten Alternative so kurz vor der Wahl… Lasst euch nicht einlullen und wehrt euch gegen Hass und Menschenfeindlichkeit!

▶ Wäre es ein normaler Gast gewesen, wäre dieser im hohen Bogen rausgeflogen… Ich habe gerade meine Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit angefangen und habe nach einer Woche Berufsschule anscheinend schon einiges mehr gelernt als euer Team.

▶ Unglaublich, was manche „Männer“ von sich geben. Ich warte noch auf Aussagen wie: Was hattest du an? Hast du Alkohol getrunken? Doll geschminkt gewesen?

▶ Nie im Leben ist das echt. Warum lässt eine Seite wie Spotted eigentlich solche Storys zu? Das ist einfach nur Rufmord und hat hier nichts verloren.

▶ Wieso wird die Polizei nicht dazu geholt? Es passt nicht zusammen, sorry.

Nach dem Gespräch mit den beiden jungen Frauen könne er nun „jenseits der vielfältigsten Fehlinformationen im Netz die notwendigen Konsequenzen ziehen“. Auch würden zurzeit Nachforschungen zu dem bislang unbekannten Mann angestellt. Für Hoppe ist klar: Solche Gäste wolle man im Vamos ganz sicher nicht haben.

Auf die Frage, warum sie nicht sofort die Polizei informiert und den Vorfall zur Anzeige gebracht hat, sagt Marie D., dass sie darüber in dem Moment nicht nachgedacht habe. „Ich war viel zu sauer und auch geschockt, dass das Vamos nichts unternimmt.“ Die Frage taucht auch unter dem Beitrag bei Spotted häufig auf, ebenso wie Kommentare, die ihr Flüchtlingshetze unterstellen. Das bestreitet Marie D. vehement: „Das hätte ich doch auch gemacht, wenn mich ein Deutscher angefasst hätte. Manche Männer meinen einfach, sich so etwas erlauben zu dürfen.“

Von Anna Paarmann

Die schwierige Frage der Glaubwürdigkeit

Was stimmt und was sind Fake-News? Das ist nicht mehr so leicht zu beantworten

Lüneburg. Über die im sozialen Netzwerk Facebook veröffentlichte Behauptung von Marie D., sie sei auf einer Lüneburger Party sexuell belästigt worden, entfacht eine Diskussion: Ist die Geschichte so geschehen oder erfunden, eine Falschmeldung – „Fake News“? Jeder, der mag und über einen Facebook-Zugang verfügt, kann hier per Mausklick zum Volljuristen werden, kommentieren und alles wiederum mit den eigenen virtuellen Freunden teilen. So gewinnt der Stoff an Fahrt, inhaltlich und in Sachen Reichweite. Wahrheit zum Selberbasteln.

Prof. Dr. Andreas Bernard

Wie verändert das neue Mediensystem unseren Nachrichtenkonsum? Und wie groß ist die Bedrohung einer Nachrichtenmanipulation? Die LZ hat hierzu mit Prof. Dr. Andreas Bernard gesprochen, Journalist, Kommunikationswissenschaftler und Sprecher des Zentrums für Digitale Kulturen an der Leuphana.

Interview

Herr Bernard, welche Rolle spielen soziale Netzwerke im Verbreitungsprozess von Nachrichten?

Andreas Bernard: Bis vor etwa 25 Jahren war die Herstellung von Öffentlichkeit nur einer privilegierten und komplizierten Maschinerie vorbehalten – also den Massenmedien. Für die Einzelperson war es damals extrem schwierig bis unmöglich, Öffentlichkeit zu erzeugen. Durch die rasante Entwicklung des Internets ist dazu inzwischen jeder Einzelne in der Lage. Damit kann er stärker wahrgenommen werden und ist zum Teil einflussreicher als die herkömmlichen Medien. Das ist die Grundkonstellation dieser Medienform. Einerseits hat das alles etwas Befreiendes, Emanzipiertes und auch Demokratisches, weil jeder Mensch die Öffentlichkeit über Dinge informieren kann.

Andererseits birgt diese Entwicklung aber auch eine Gefahr, denn Filtermöglichkeiten zur Überprüfung gibt es so nicht mehr. Die Vorgehensweise eines Journalisten funktioniert so: Man hat einen Fall, man spricht mit den entsprechenden Parteien, gegebenenfalls mit der Polizei, schreibt etwas, ein anderer Redakteur korrigiert es, schließlich noch ein Schlussredakteur und dann erscheint es. Heute kann einfach jeder irgendetwas in ein Medium reintippen, und wenn er sehr aktiv ist und vielleicht 500, 1000 oder sogar 20 000 Follower hat, also genauso viele oder sogar mehr Menschen erreicht als die Auflage des herkömmlichen Mediums, sind das ungeschützte Informationen.

Ist der Nachrichtenkonsument heute misstrauischer oder neigt er dazu, Inhalte schneller zu schlucken?

Der Begriff „Fake News“ kann nach Belieben in jede Richtung gewendet werden, er meint erstmal das, was mir als Gegenstand der Berichterstattung nicht passt. Für Donald Trump sind die New York Times oder CNN Fake News, weil sie ihm nachweisen, dass er bei seiner Amtseinführung die Publikumszahlen geschönt hat. Man kann also sagen, für ihn sind Fake News gleichbedeutend mit der etablierten Medienlandschaft oder der „Lügenpresse“. Aus einer Perspektive, die den herkömmlichen Arbeitsmethoden des Journalismus vertraut, würde man hingegen sagen, das neue Mediensystem in Form von Foren, Netzwerken etc. neigt eher dazu, Fake News zu sein. Weil es weniger Verifizierungs- und Kontrollfilter gibt. Da streiten also zwei Parteien.

Medieninstitutionen und damit verbindliche Kontrollen über den Wahrheitsgehalt spielen heute keine so bedeutende Rolle mehr wie noch vor zehn Jahren – also eine Zeitung, ein Magazin, ein TV- oder Radiosender, wo ausgebildete Leute arbeiten, um eine Faktensicherung zu gewährleisten. Man kann sagen, dass – in aller Vorsicht – die Kategorien von „Wahrheit“ oder „Lüge“, Stabilität oder Instabilität des Nachrichtenwerts in den neuen Mediensystemen sehr brüchig sind. In dem konkreten Fall aus Lüneburg würde ich also sagen, dass das neue Mediensystem die Gefahr von Fake News eher unterstützt.

Was bedeutet das für Wahlkampfzeiten?

Im US-Wahlkampf oder auch vor der Brexit-Entscheidung hat sich gezeigt, dass der Wahlkampf vornehmlich in neuen Mediensystemen geführt wird. Der Vorteil liegt in der Adressierbarkeit von Wahlwerbung. Alte Medien, wie ein Wahlplakat, eine Rede auf dem Marktplatz, ein Spot im Fernsehen, bieten allen Betrachtern den gleichen Inhalt. Durch die neuen Wahlkampfpraktiken ist es anhand von Algorithmen möglich, Werbung nach den Geschmäckern und Bedürfnissen des Einzelnen zu berechnen und auf ihn zuzuschneiden.

Das kann eine Wahl prägen. Haben Sie eine Empfehlung für den Umgang mit sozialen Netzwerken und Nachrichten?

Bei all den Informationen, die über soziale Medien gestreut werden, empfiehlt es sich zu schauen, woher diese Nachrichten kommen. Wer ist der Urheber? Das schafft man ja mit ein, zwei Mausklicks. Nicht zwangsläufig sind viele Likes, geteilte Inhalte oder viele Kommentare ein Zeichen für die Vertrauenswürdigkeit des Inhalts.

Von Julia Drewes

4 Kommentare

  1. fake news? die angeblich sozialen medien , kommen in meinen augen überwiegend assozial daher und deswegen ignoriere ich sie. wir brauchten sowas früher auch nicht und kamen auch so zurecht. die vielen überflüssigen nachrichten mit unpassenden fotos sind überflüssig wie ein kropf und reine zeitverschwendung. wen interessiert es wirklich, ob jemand auf dem ,,klo,, sitzt, oder nicht?

    • Sehe ich auch so, Klaus Bruns. Und über echt Wichtiges erfährt man nichts. Neulich bekam ich einen Brief vom Vermieter: Bei mir im Haus komme es zu »lautstarken Trinkgelagen«. Leider stand nicht drin, wann das nächste stattfindet.

  2. @ Klaus Bruns 29. September 2017 at 11:20
    fake news? die angeblich sozialen medien , kommen in meinen augen überwiegend assozial daher und deswegen ignoriere ich sie
    .
    .
    .. deswegen sieht man dich in diesen Medien hier auch nicht , eigentlich schade .. lol lol lol

    • Andy
      sie sind in meinen augen ein fehlgeleiteter kleingeist. soziale medien wie facebook , twitter usw. sind gemeint. eine online-zeitung ist eine feine einrichtung. es wird viel papier gespart.hier gibt es wenigstens noch eine kontrolle, dass hass und beleidigungen nicht überhand nimmt. reizen sie mich lieber nicht, bei facebook würde ich mich anpassen und sie anders bezeichnen. da wäre ich ja anonym , so wie sie sich hier nur trauen.