Donnerstag , 20. September 2018
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Medienandrang im Gerichtssaal: Der Angeklagte Kristian G. verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktenordner. Neben im stehen seine Verteidiger Norbert Lösing und Hennig Jonas. (Foto: phs)

Tödlicher Streit um eine Zeitung

Lüneburg. Der Anlass wirkt schrecklich banal: Das kostenlose Anzeigenblatt kommt nicht, der Kunde beschwert sich, der Zeitungsbote sticht ihn nieder, später verblutet das Opfer, obwohl ihm ein Nachbar, ein Arzt, sofort hilft. Doch gibt es ein Motiv, dass alles erklärbar macht? Seit Donnerstag rollt die 4. Große Strafkammer am Landgericht Lüneburg das Geschehen auf. Angeklagt ist Kristian G. Die beiden Staatsanwälte legen ihm einen Mord zur Last, werfen dem 42-Jährigen Heimtücke und niedere Beweggründe vor.

G. soll am 1. April in Oedeme mit einem 51-Jährigen in Streit geraten, nach Hause gefahren sein, um ein Küchenmesser mit einer 15 Zentimeter langen Klinge zu holen: Dann radelte er zurück, es kam wieder zu einer Auseinandersetzung, G. stach dem Opfer in Bauch und Rücken, das Opfer starb später im Klinikum.

Sohn hat Vater am Boden liegen sehen

Der Sohn des Getöteten war seinem Vater unmittelbar nach der Tat zu Hilfe gekommen, ohne ihn noch retten zu können. Der 23-Jährige schildert es vor Gericht so: Er sei mit seinem Vater im Garten gewesen, als Kristian G. auf seinem Rad samt Packtaschen vorbeigefahren sei. Der Vater habe ihn nach der „Lünepost“ gefragt, G. habe eine ablehnende Geste gemacht und sei weitergefahren.

Der Sohn sei in sein Zimmer im ersten Stock des Hauses gegangen. Der Vater habe unten noch etwas erledigt. G. sei zurückgekommen. „Ich habe Beleidigungen gehört und aus dem Fenster gesehen“, sagt er dem Richter. Sein Vater habe G. am Arm genommen und zur Straße gedrängt und gesagt: „Wenn Du mich beleidigen willst, verlass mein Grundstück.“ Am Fahrrad angekommen, habe der Vater eine „Lünepost“ aus einer Packtasche nehmen wollen, plötzlich seien Zeitungen durch die Luft geflogen, G. habe plötzlich ein Messer gehabt und zugestochen. Der Vater habe „Messer, Messer, Messer“ geschrien. Er, der Sohn, sei runtergelaufen, sein Vater habe am Boden gelegen und sei von G. attackiert worden. Schließlich habe er G. das Messer aus der Hand geschlagen, ihn am Boden gehalten und ihm mit dem Arm die Luft abgedrückt. Langsam habe G. sich beruhigt, dann sei die Polizei dagewesen und habe G. festgenommen.

Der Vorsitzende Franz Kompisch, seine Kollegen und die beiden Verteidiger G.s können nicht glauben, dass es vorher keinen Konflikt gegeben haben soll. Bei der Polizei hatte der Sohn unmittelbar nach der Tat davon gesprochen, dass es schon vier Wochen zuvor eine Auseinandersetzung gegeben, die Mutter auch bei der Zeitung angerufen und sich über die aus ihrer Sicht schlechte Zustellung beklagt habe. Die Juristen halten es für unglaubwürdig, dass die Familie angeblich nicht über den schwelenden Streit gesprochen haben will. Nicht einmal nach der Tat.
Der Sohn windet sich auf dem Zeugenstuhl, sagt wieder und wieder: „Ich weiß es nicht.“ Und später: „Ich werde hier gelöchert, als ob ich der Täter wäre.“

Kompisch reagiert energisch: „Es geht für den Angeklagten um eine lebenslange Freiheitsstrafe. Es geht um das Motiv, um das, was vorher war. Wir machen hier keine Trauerveranstaltung für Ihren Vater, sondern klären hier ein Geschehen auf.“ Er habe Verständnis für den Schmerz, aber die Fragen seien notwendig.

Aufgrund der Ermittlungen der Polizei gehen Richter und Verteidiger davon aus, dass auch der Vater aufbrausend war. Das habe der Sohn zunächst selbst ausgesagt. Einer der Richter: „Da haben sich zwei Männer gestritten, beleidigt. Vielleicht wollen Sie jetzt Ihren Vater in Schutz nehmen.“ Der 23-Jährige räumt schließlich ein, dass der Vater: „Verpiss‘ Dich!“ zu G. gesagt habe. Zu weiteren Fragen sagt er wieder: „Ich weiß es nicht.“

Nach der Festnahme fast teilnahmslos

Ein Polizeikommissar hatte G. nach der Tat im Streifenwagen zur Wache gefahren. Der habe ihm gesagt, dass ursprünglich seine Mutter die Zeitung ausgetragen habe, aber dann schwer erkrankt sei. Sie sei von dem Kunden beleidigend behandelt worden. Am Tattag habe der Kunde G. eine Zeitung entreißen wollen, es sei zu einer Schlägerei gekommen, er habe zweimal zugestochen. Der Polizist schildert G. als fast teilnahmslos nach der Tat, bei der ein Mensch starb: „Er wirkte unverhältnismäßig gefasst.“ G. hört zu, schweigt, er nutzt sein Recht, die Aussage zu verweigern.
Der Prozess wird am 16. Oktober fortgesetzt.

Von Carlo Eggeling