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Ihr gemütliches Zimmer ist Magdalena Jaworskis Rückzugsort, das Ausmalen von Mandalas ist eine ihrer Leidenschaften. (Foto: t&w)

Älter werden ist doch anders als gedacht

Lüneburg. Der demografische Wandel und die steigende Lebenserwartung sind unter anderem Gründe dafür, dass derzeit in Deutschland jede vierte Person zur Generation 60 plus gehört. Ihre Lebenssituation und -bedingungen stehen am Internationalen Seniorentag, der seit 1990 jährlich am 1. Oktober stattfindet, im Mittelpunkt. Die LZ traf aus diesem Anlass Magdalena Jaworski (67), die im Wohnhaus der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg an der Von-Dassel-Straße lebt. Wie jeder möchte sie den Ruhestand genießen und möglichst lange eigenständig leben.

„Im kommenden Monat habe ich Geburtstag, in zwei Jahren nulle ich. Seit meinem 40. Geburtstag habe ich immer so komische Gedanken, wenn wieder ein runder ansteht“, sagt Magdalena Jaworski. Aber eigentlich sei das mit dem Älterwerden anders, als sie sich das in jüngeren Jahren vorgestellt habe. Sie habe so ein Bild im Kopf gehabt: Mit 70 habe man keine Zähne mehr, dafür aber viele Falten. „Heute ist das aber doch anders, woran liegt das?“ Gute Frage. Magda, wie sie von ihren Mitbewohnern genannt wird, hat mit diesem Bild nichts gemein. Und wie viele ihrer Altersgenossen ist sie agil. Und sie nutzt die Möglichkeiten, die ihr das Wohnhaus der Lebenshilfe zur Unterstützung bietet.

Sie sei bei ihrer Mutter aufgewachsen, erzählt die gebürtige Lüneburgerin im Gemeinschaftsraum ihrer Wohngruppe sitzend. Petra Heikens, Leiterin der Einrichtung, Frank Müller, Geschäftsführer der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg, haben sich dazugesellt. Ein bisschen als Unterstützung, denn etwas nervös wegen des Interviews ist sie anfänglich schon. Sie habe dann eine Sonderschule besucht. Ihr Vater, der früh verstorben sei, habe immer gewollt, „dass ich danach in die Lebenshilfe gehe, aber meine Mutter war dagegen“. Als die auch verstirbt, „war ich erst einmal ein Jahr lang im Landeskrankenhaus untergebracht, im Haus 18“, erinnert sie sich. Damals sei das LKH nicht reines Krankenhaus, sondern auch ein „Lebensort für sozial Entwurzelte“ gewesen, umschreibt Frank Müller. Für Menschen mit geistiger Behinderung gab es erst nach und nach dezentrale Einrichtungen zur Unterbringung.

Nicht mehr zu arbeiten, war gewöhnungsbedürftig

Bereits 1982 hatte die Lebenshilfe ihr erstes Wohnheim an der Von-Dassel-Straße gebaut, damals hatte es Modellcharakter. Magdalena Jaworski zog dort 1988 ein, ein Jahr zuvor hatte sie bereits mit der Arbeit in den Werkstätten der Lebenshilfe begonnen. Zwölf Jahre war sie in der Wäscherei tätig. Als das zu anstrengend wurde, wechselte sie in die Druckerei. „Zum Schluss habe ich noch fünf Jahre in der Montage 3 gearbeitet.“ Das ist die Abteilung für ältere Menschen, die kurz vor der Rente stehen, erläutert Müller.

Gemeinsam mit Betreuerin Heidi Wriede bereitet Magdalena Jaworski das Essen für die Seniorengruppe vor. In der Küche ist sie auch immer vorne mit dabei, wenn es darum geht, den Tisch einzudecken oder den Geschirrspüler zu bestücken. (Foto: t&w)

2010 geht sie in den Ruhestand – für sie wie für viele Arbeitnehmer ein Schnitt. „Nicht mehr zu arbeiten, daran musste ich mich erst gewöhnen.“ Denn die Arbeit habe den Tag strukturiert. Morgens sei sie weiter pünktlich um 6.30 Uhr aufgewacht. Doch während die anderen in der Wohngruppe sich für den Arbeitstag bereit machten, hatte sie nun Zeit für sich ohne Ende.

Doch sie bekam schnell Struktur in den Tag, dank der Angebote, die die Lebenshilfe im Haus macht. „Wir haben eine Wohngruppe mit neun Senioren, die speziell auf deren Bedürfnisse ausgerichtet ist“, sagt Petra Heikens. In die wechselte Magdalena Jaworski zwar räumlich nicht, weil ihre Gruppe für sie „ein Stück zu Hause ist“, aber sie gestaltet die Tage mit den anderen Senioren. Dazu gehören das gemeinsame Frühstück, Lebensmitteleinkäufe sowie das gemeinsame Kochen des Mittagessens.

„Ich lerne noch gerne etwas dazu“

Mittwochs trifft man sich mit Christel Kühl, die ehemalige Lehrerin bietet ehrenamtlich Schreib-, Lese- und Rechenkurse an. „Ich lerne gerne noch etwas dazu. Außerdem gehe ich ins Parlü, wo ich mit anderen Bewohnern im Chor singe, und freitags zum Nico-Treff in der St. Nicolaikirche, wo wir malen und basteln. Dorthin kommen auch andere ehemalige Mitarbeiter der Werkstätten.“ Aber sie macht auch deutlich, sie genieße auch die Stunden, wenn sie sich in ihr Zimmer zurückziehen kann und puzzelt oder Mandalas malt.

Der Ruhestand macht es auch möglich, dass sie ganz nach Belieben durch die Stadt und Geschäfte bummeln kann. Denn Shopping liebt sie wie auch Veranstaltungen, bei denen Musik geboten wird. In ihrem Zimmer steht auf dem Sideboard ein Foto, das sie mit der Jazz-, Blues- und Gospelsängerin Janice Harrington zeigt. Magdalena Jaworski ist ihr Fan, besucht möglichst alle Konzerte der Künstlerin. „Ich besuche sie auch zu Hause und habe sie zu meinem Geburtstag eingeladen.“ Und mit Blick auf die vielseitig engagierte Sängerin, die jüngst ihren 75. Geburtstag feierte, macht sie sich keine Sorgen, wie das mit dem zunehmenden Alter wird.

Möglichst lange selbstbestimmt leben

Die Lebenshilfe Lüneburg-Harburg bietet 271 Plätze in Wohnhäusern und Wohngruppen. Außerdem werden 180 Menschen in ihren eigenen Wohnungen ambulant begleitet. „Inzwischen betreuen wir 26 Senioren, auch an den Standorten Mühlenkamp und in Embsen“, sagt Frank Müller. „Wir möchten ihnen Ansprache und Tagesstruktur vor Ort anbieten, so dass sie sich jederzeit auch auf ihren Zimmern zurückziehen oder individuell etwas unternehmen können.“

Eine Tagespflege könne das nicht bieten. Ziel sei es, dass jeder so lange wie möglich selbstbestimmt leben könne. Wenn jemand jedoch zunehmend dement werde, seien die Möglichkeiten der Betreuung begrenzt. „Wir können nicht das bieten, was Alten- und Pflegeheime ermöglichen.“

Von Antje Schäfer

One comment

  1. Heinz-Georg Pleschke

    wer als Rentner gesundheitlich nicht auf das Pflegeheim angewiesen ist, wird wohl kaum seine Zeit mit Mal-, Bastel- oder Singkursen unter sozialtherapeutischer Betreuung der Lebenshilfe oder anderer Hilfsorganisationen verbringen wollen. Senioren sind erwachsene, erfahrene Menschen, keine Kleinkinder die man an die Hand nehmen muß. Gibt es denn keine besseren Angebote neben „gemeinsamen shopping“, kulturell usw…?
    wie schlagerte schon Udo Jürgens vor einigen Jahren… „mit 66 Jahren…“
    Ich werde übrigens in paar Monaten schon 68 Jahre und mache seit dem Ruhestand in meiner neuen Heimat Kenia entspannten Dauerurlaub. Gruß nach Lüneburg.