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In diesem Haus in Vrestorf lebte der mutmaßliche Mörder Birgit Meiers. Die Polizei durchsuchte das Grundstück am Freitag und fand die Leiche. Das Foto rechts zeigt Birgit Meier auf einer Familienfeier. Kurz darauf verschwand die damals 41-Jährige aus ihrem Haus in Brietlingen-Moorburg. Fotos: nh

Mordfall Birgit Meier: Familie bleibt hartnäckig

Lüneburg. Es ist Birgit Meier. Das steht nach ersten Untersuchungen der Rechtsmedizin fest. Damit steuert einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Lüneburger Geschichte auf ein vorläufiges Ende zu: Die Knochen, die am Freitag auf einem Grundstück bei Vrestorf gefunden wurden, gehören zu der im Sommer 1989 verschwundenen Unternehmersgattin. Eine Untersuchung des Zahnschemas brachte Gewissheit. Das bestätigte gestern Abend der Stellvertreter des Polizeipräsidenten, Matthias Oltersdorf: „Wir müssen aber noch das Auslesen der DNA abwarten, um letzte Gewissheit zu haben.“

Es ist ein großer Erfolg für den Bruder der Toten, Wolfgang Sielaff, und eine erneute Peinlichkeit für die Polizei. Denn, dass die Überreste unter einer Garage entdeckt wurden, ist der Hartnäckigkeit der Familie zu verdanken. Und die Ermittlungen dürften weitergehen: Der mutmaßliche Mörder Birgit Meiers ist zwar tot, aber er könnte einen Komplizen gehabt haben.

Polizei warnt den mutmaßlichen Täter

Kurt-Werner W. gilt als Mörder von Birgit Meier aus Brietlingen. Die Frau starb vermutlich 1989. Foto: lz/ca

Wie berichtet, galt Meier seit August 1989 als vermisst. Sie und ihr Mann hatten sich getrennt, die wohlhabende 41-Jährige lebte in Brietlingen-Moorburg. Während die Polizei die Suche eher zögerlich betrieb, hatte Sie­laff, damals Chef des Hamburger Landeskriminalamtes, schnell den Verdacht, dass seine Schwester Opfer eines Verbrechens geworden war.

Drei, vier Jahre später geriet Kurt-Werner W. ins Visier der Ermittler, der unter anderem wegen Sexualdelikten vorbestraft war. Er hatte als Gärtner auf dem Nachbargrundstück Birgit Meiers gearbeitet, beide kannten sich. W. stand schließlich unter Mordverdacht, doch vor einer Durchsuchung rief die Polizei ihn an, um Zugang zu seinem Haus in Vrestorf zu erhalten.

Der Verdächtige setzte sich ab und geriet später per Zufall bei Heilbronn in eine Polizeikontrolle. Die Beamten setzten ihn fest, weil er Teile einer Maschinenpistole im Wagen hatte. In der Haft nahm er sich 1993 das Leben. Er hinterließ Briefe an seine Angehörigen. Im Brief an seinen Bruder heißt es: „Ich mache mir die allergrößten Sorgen, wenn ich an unser Haus, Grundstück und alles, was damit zusammenhängt, denke.“ Ein klarer Hinweis, dass dort etwas Geheimnisvolles lag.

Keine Ermittlungen gegen Tote 

Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein – gegen Tote ermittelt man nicht. Ab und an wurden die Akten noch mal rausgeholt. Ins Visier der Kripo geriet immer wieder der Mann Birgit Meiers, der von ihrem Tod angeblich profitiert habe. Zu Unrecht. Der Mann gehört nun zu denen, die das Schicksal Birgit Meiers aufgeklärt haben.

Wolfgang Sielaff hat der Tod seiner Schwester Birgit Meier keine Ruhe gelassen. Der ehemalige Polizist hat es geschafft, dass der mutmaßliche Mörder ermittelt wurde. Foto: lz/ca

Sielaff hatte zudem namhafte Unterstützer gewonnen, darunter einen der renommiertesten Strafverteidiger des Landes, Gerd Strate, und den Chef der Hamburger Rechtsmedizin, Prof. Klaus Püschel. Vor zwei Jahren setzte Polizeipräsident Robert Kruse eine Ermittlungsgruppe ein. Das Team um Richard Kaufmann fand eine Spur: eine Handschelle aus dem Besitz W.s mit einer Blutspur von Birgit Meier. Die Polizei öffnete mehrere Gräber, da W. auch als Friedhofsgärtner gearbeitet hatte. Auch W.s Haus wurde durchsucht. Nichts.

Sielaff, so heißt es aus seinem Freundeskreis, habe das alte Grundstück W.s weiter eingekreist. Die These: Der Soziopath W. habe immer die Kontrolle behalten wollen, auch über die Leiche. Dafür spricht auch ein vergrabenes Auto, das die Polizei freilegte, W. hatte es bei einem Versicherungsbetrug verbuddelt. Und es gab Hinweise in weiteren Abschiedsbriefen. In einem an seine Frau heißt es: „Es geht mir um Haus und Hof, versucht bitte alle, in einem gemeinsamen Kraftakt unser Heim zu erhalten, bitte, bitte!!“

Sielaff konnte die neuen Eigentümer des Hauses in Vrestorf bewegen, dort suchen zu dürfen. Aus seinem Kreis heißt es: „Die sind uns sehr entgegengekommen und haben geholfen.“ In den Fokus der Experten, die alle in ihrer Freizeit gearbeitet haben, geriet eine Garage.

Nach ihrer Aussage informierten sie die Polizei über den Verdacht. Die sei mit einem Spürhund gekommen und wieder umgekehrt: Da sei nichts. Selbstkritisch räumt Polizeichef Oltersdorf ein: „Das müssen wir nacharbeiten, auch mit den Hundeführern. Die Fachleute haben gesagt, es sei alles getan worden.“

Skelett liegt unter der Garage im Beton

Sielaff und seine Truppe nahmen sich den Raum vor. Ihnen fiel auf, dass eine Kfz-Grube nur 80, 90 Zentimeter und nicht wie üblich 1,80 Meter tief war. Am vergangenen Freitag gingen Hamburger Rechtsmediziner der Sache im Wortsinne auf den Grund. Unter einer zwei Zentimeter dicken Betonschicht, fanden sie Zement und darin das Skelett der Toten. Sielaff rief Chef-Ermittler Kaufmann hinzu und übergab den Tatort der Polizei, die weiter auf die Unterstützung der Top-Experten aus Hamburg setzt.

Es folgen Untersuchungen der sterbliche Überreste. Oltersdorf sagt: „Wir hoffen, dass es neue Hinweise gibt.“ Stichworte sind Todesursache und Spuren am Fundort. Seit langem verfolgt nicht nur Sielaff die These, dass W. einen Komplizen hatte.

Der ehemalige Polizist, der sich in der Opferhilfe-Organisation Weißer Ring engagiert, möchte sich nicht äußern: „Das ist Sache der Polizei.“ Doch die Familie sei froh, dass sie nun die Überreste ihrer Verwandten bestatten könne: „Auf einem Friedhof bei Lüneburg.“ Nach 28 Jahren ein Ort zum Trauern.

Von Carlo Eggeling