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Gelegenheit für einen Plausch: Oberbürgermeister Ulrich Mädge (v.l.), Bundestagspräsident Norbert Lammert und Uni-Präsident Dr. Sascha Spoun sitzen bei der Eröffnungsfeier in der St. Johanniskirche. Später trug sich Lammert ins Goldene Buch der Stadt ein. Foto: lz/t&w

Startwoche an der Leuphana: Uni begrüßt 1500 neue Erstsemester

Lüneburg. Wieder schlechtes Wetter. Wieder 1500 neue Studenten. Wieder eine Eröffnungszeremonie in der St. Johanniskirche mit einem prominenten Gast. Vielleicht war es auch der Name von Norbert Lammert auf dem Programm, der die vielen jungen Menschen schon weit vor 10.30 Uhr auf den Vorplatz der Kirche lockte. Dort standen sie zu Scharen, dicht gedrängt unter ihren Regenschirmen. Und sie sollten nicht enttäuscht werden. Der scheidende Bundestagspräsident läutete mit seiner Rede über die gegenwärtige Situation Europas die Startwoche ein, eine Woche, in der die Erstsemester-Studenten Ideen für die Zukunft der EU entwickeln sollen.

„Wir haben heute alle Freiheiten, das Problem ist, dass wir nicht so genau wissen, was wir eigentlich wollen“, sagt Lammert. Innerhalb von 24 Stunden könnte man jeden beliebigen Platz auf der Welt erreichen, Informationen global streuen. Einen vergleichbaren Zustand habe es nie gegeben. „Das sind natürlich irreversible Veränderungen, die die Globalisierung erst möglich gemacht hat.“

Semesteranfangsgottesdienst mit Norbert Lammert

Die gegenwärtige Situation Europas sieht der 68-Jährige unter anderem durch eine latente Frustration gekennzeichnet, auch glaubt er, dass sich die rund 200 Staaten, die sich in den Vereinten Nationen zusammengeschlossen haben, nur unterscheiden, „weil die einen begriffen haben, dass sie nicht mehr souverän sind, und die anderen nicht“. Für Lammert steht fest: „Die überzeugendste, intelligenteste, anspruchsvollste, aber auch komplizierteste Antwort auf die Folgen der Globalisierung heißt Europa.“ Das Projekt sei auch deshalb so wichtig, weil es das gemeinsame Wahrnehmen von Herausforderungen und Verantwortung beinhalte.

Dennoch sieht der Politiker auch drei Asymmetrien in der Geschichte des europäischen Integrationsprozesses. Diese könnten in seinen Augen den derzeitigen schwierigen Zustand erklären. „Das ist zum einen die Dominanz der Ökonomie gegenüber der Politik, zum anderen die der Exekutive vor der Legislative. Dadurch haben wir ein Legitimationsproblem.“ Und auch, dass stets die Erweiterung der Gemeinschaft Vorrang vor einer Vertiefung hatte, sieht Lammert als Problem. Europa sei kein Staat, sondern eine Gemeinschaft von Staaten. Und die fehlende Balance sei deutlich zu spüren.

Zur Zukunft Europas müsse jeder seinen Teil beitragen und mitentscheiden, welches Szenario Wirklichkeit wird. „Nichts wird sich von selbst ergeben. Der stattgefundene Prozess ist kein Naturereignis.“ Politik finde nie auf einer grünen Wiese, sondern immer auf vermintem Gelände statt. Deshalb spreche nichts dafür, dass sich die EU auflöst oder ersetzt werden könnte.
Unter dem tosenden Beifall, der seinem Vorredner galt, trat Oberbürgermeister Ulrich Mädge ans Mikrofon – mit hörbar angeschlagener Stimme. „Ich war noch vor wenigen Tagen auf dem Jakobsweg unterwegs, dort habe ich viele junge Menschen getroffen. Sie alle waren begeistert von Europa.“ Zu den jungen Menschen im Kirchenschiff sagte er: „Sie sind gefordert, diese Idee weiterzubauen. Denn es gibt keine Alternative.“

Auch Uni-Präsident Sascha Spoun ermutigte den Nachwuchs, an der Vision Europa festzuhalten und andere Menschen mitzunehmen. „Ihr beherrscht andere Sprachen, könnt mit verschiedenen Kulturen umgehen. Es gibt aber auch Menschen, die eure positiven Erfahrungen nicht teilen.“ Deshalb sei es wichtig, Verantwortung zu übernehmen und kritisch zu bleiben. „All das startet heute.“

Von Anna Paarmann

Startwoche: Weitere Veranstaltungen

▶ Montag, 9. Oktober, 9 Uhr: Vortrag von Rebecca Harms, grüne Europaabgeordnete
▶ Dienstag 10. Oktober, 13 Uhr: Hans-Gert Pöttering, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments
▶ Dienstag, 10. Oktober, 14 Uhr: Gregor Gysi, Bundestagsabgeordneter der Linken
▶ Freitag, 13. Oktober, 10 Uhr: Diskussion mit Ministerpräsident Stephan Weil

Weitere Informationen zum Programm gibt es hier.