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Tanja Schleicher bei der Ballannahme. Die Fußgängerin setzt sich extra für ihren Sport in den Rollstuhl. (Foto: t&w)

Eine Fußgängerin auf Korbjagd

Lüneburg. Tanja Schleicher ist Fußgängerin. Was zuerst unspektakulär klingt, ist in ihrem Sport eine wichtige Information. Denn einmal in der Woche setzt sich die große Frau in ihren Sportrollstuhl mit angewinkelten Rädern und rast durch die Halle – luchst dabei anderen Spielern den Basketball ab, wirft Körbe. Und nach dem Training steht sie wieder auf und packt ihren Rollstuhl zusammen. Fußgängerin wird sie genannt, weil sie den Sport ohne körperliches Handicap ausübt.

Fußgänger von Beginn an willkommen

Damit ist sie in der Sportart seit Langem keine Ausnahmeerscheinung mehr. Trotzdem: „Als ich meinen Freunden erzählt habe, dass ich jetzt Rollstuhlbasketball spiele, haben die schon komisch geguckt“, erinnert sich Schleicher. Die 42-jährige Steuerfachangestellte ist über den Sohn ihres Ex-Partners zu dem Sport und zum Rollstuhlbasketballverein (RBV) Lüneburg gekommen. „Als ich dort zugeschaut habe, hat mich der Sport schnell fasziniert.“ Bald hat sie sich selbst mal in den Sportrollstuhl gesetzt – und innerhalb kürzester Zeit war sie angefixt.

Die Regeln

Schon als der RBV Lüneburg Ende der 1980er Jahre gegründet wurde — damals noch unter dem Namen RBV Bleckede — waren die „Fußgänger“ ausdrücklich willkommen, erzählt RBV-Trainer Andreas Riebau. Ob der Begriff unter den Sportlern ein Schimpfwort ist? Riebau muss kurz überlegen. „Eigentlich nicht. Fußgänger tun einer Mannschaft gut.“ Aber ein paar Witze müssten sie trotzdem aushalten. Um ein faires Spiel zu garantieren, dürfen aber nur maximal zwei Spieler ohne Behinderung pro Team auf dem Feld sein. „Sie sind wesentlich beweglicher als Spieler mit Behinderung.“ Wer bei einem Korbwurf Schwung und Kraft aus dem gesamten Körper holen kann, hat anderen gegenüber einen Vorteil.

Der Sportrollstuhl

Tanja Schleicher hat im Rollstuhlbasketball schnell Karriere gemacht. Vor einigen Jahren war sie im Landeskader, wurde gar deutsche Meisterin. „In meinen aktivsten Zeiten habe ich viermal die Woche trainiert.“ Später pausierte sie für längere Zeit, erst Anfang diesen Jahres stieg sie wieder ein. Natürlich, in ihrer Höchstform ist sie noch nicht. Aber zuversichtlich ist sie. „Das kommt alles wieder.“

Für die 2. Liga fehlten auf Dauer die Sponsoren

Auch der RBV Lüneburg blickt auf glanzvollere Zeiten zurück. Fünf Jahre lang ging der Verein in der 2. Bundesliga auf Korbjagd, das war am Anfang des Jahrtausends. Für Schlagzeilen sorgte vor allem die damalige RBV-Spielerin Simone Kues – sie wurde Lüneburger Sportlerin des Jahres und Europameisterin in der Nationalmannschaft. Doch der hochklassige Ligabetrieb kostet Geld. Mehr, als die Sponsoren damals geben konnten. Mehr oder weniger freiwillig stieg der Verein daher in die Regionalliga ab. „Die letzten drei Jahre waren wir im Spielbetrieb gar nicht präsent, aus Personalmangel“, sagt Trainer Riebau. Doch das ändert sich heute: Die Mannschaft startet wieder in der Landesliga, gleich zwei Spiele wird sie bestreiten. Am Vormittag gegen den MTV Rolli Baskets II, um 15 Uhr folgt eine Partie gegen die Emsland Rolli Baskets II.

Seit fünf Monaten wird im neuen Team trainiert – das Ziel: dem Favoritenstatus der Landesliga gerecht werden. Nach wie vor gilt, wer mitmachen will, ist herzlich willkommen. Neue Teammitglieder werden immer gesucht. Der inklusive Charakter macht Rollstuhlbasketball für Tanja Schleicher auch so attraktiv: „Diesen Sport können alle machen.“

Von Robin Williamson