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Überlastung des Pflegepersonals: Einsätze für Notfallmediziner steigen

Lüneburg. „Notaufnahmen in Not!“ Es war ein Alarmruf, mit dem die Bundesärztekammer bei ihrem jüngsten Ärztetag auf einen aus ihrer Sicht unhaltbaren Zustand au fmerksam machte. Notaufnahmen seien überfüllt, Personal überlastet und Patienten von langen Wartezeiten genervt. Den Grund für die Misere nannte die Kammer auch: Die Zahl der Patienten, die eine Notfallversorgung in Anspruch nehmen, habe sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Dabei handle es sich häufig gar nicht um echte Notfälle. Eine Einschätzung, die auch in Lüneburg bei den Verantwortlichen geteilt wird.

„Die Hemmschwelle ist kleiner geworden, wenn es um den Notarzt geht“, sagt Mirko Dannenfeld, Fachdienstleiter für Rettungsdienst, Brand- und Katas­trophenschutz des Landkreises Lüneburg. Auch er verzeichnet einen Anstieg der Notruf-Einsätze, allerdings in deutlich geringerer Größenordnung als von der Bundesärztekammer beschrieben. So habe es in der Region im Jahr 2006 rund 25 000 Einsätze gegeben, 2016 waren es 32 000.

Auch Dannenfeld sagt als Erklärung: „Wir haben gemerkt, dass die Leute immer öfter wegen Fällen anrufen, für die man früher nicht den Notarzt geholt hätte.“ Die gestiegene Anzahl von Einsätzen sei zum Teil aber auch auf zunehmenden Alkohol- und Drogenmissbrauch zurückzuführen. Immer wieder mussten die Helfer in der Vergangenheit zum Beispiel zum Platz Am Sande fahren, weil sich Frauen und Männer der Trinkerszene wieder mal übernommen hatten.

„Es kostet Ärzte und Pfleger Zeit, die sie eigentlich für die Behandlung akut lebensbedrohlich erkrankter Patienten brauchen.“ Kristina Lanz, Oberärztin im Klinikum

Stetig zugenommen haben auch die Patientenzahlen in der Notaufnahme des Klinikums Lüneburg, auch in jüngster Vergangenheit. Während im Jahr 2015 exakt 61 753 Menschen zur Behandlung in die Notaufnahme kamen, waren es 2016 schon 63 404 Patienten. „Für 2017 ist eine weitere Fallzahlsteigerung zu erwarten“, sagt die Leiterin der Medizinischen Notaufnahme, Oberärztin Kristina Lanz. Wegen der immer häufigeren Inanspruchnahme der Notaufnahme sei das ärztliche und pflegerische Personal in den vergangenen Jahren zwar kontinuierlich aufgestockt worden, gleichwohl sei die Belastung der Ärzte und des Pflegepersonals in der Notaufnahme „extrem hoch“.

Einen Grund dafür sieht Kristina Lanz darin, dass „nicht selten“ Menschen mit weniger kritischen Krankheitsbildern in die Notaufnahme kämen. Dabei sei die eigentlich für die Versorgung lebensbedrohlich erkrankter Personen vorgesehen oder solche Menschen, bei denen bleibende Gesundheitsschäden zu erwarten seien, wenn keine sofortige Behandlung erfolgt. Ein weiterer Grund sei die Hoffnung vieler Patienten, dass sie in der Klinik schneller behandelt würden. „Es kostet das ärztliche und pflegerische Personal Zeit, die sie eigentlich für die Behandlung akut lebensbedrohlich erkrankter Patienten brauchen“, sagt die Oberärztin und verweist auf ein Gutachten, wonach rund ein Drittel bis die Hälfte der Notaufnahme-Patienten genauso gut von einem niedergelassenen Facharzt versorgt werden könnten.

Steigende Einsatzzahlen verzeichnet auch der ärztliche Notdienst, der unter der Rufnummer 116 117 Hilfe leistet, wenn Arztpraxen geschlossen sind: von 3700 Einsätzen im Jahr 2014 kletterten die Einsätze bereits auf 3900 im noch laufenden Jahr.

Rettungsdienstleiter Mirko Dannenfeld will den Anstieg aber nicht nur als „schlechten Trend“ werten. Schließlich sei es positiv, wenn Erkrankte nicht mit Beeinträchtigungen ins Krankenhaus fahren, die ihnen ein sicheres Fahren selbst gar nicht ermöglichten.

Ebenfalls nicht nur negativ bewertet der Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung in Lüneburg, Oliver Christoffers, die Entwicklung. So sei etwa die Bereitschaft, sich bei einem Herzinfarkt frühzeitig an den Notdienst zu wenden, gestiegen. Allerdings habe er auch beobachtet, dass Menschen den Dienst oft wegen „Bagatellen“ in Anspruch nähmen.
Primitivo de Dios, Hausarzt in Lüneburg und auch beim Notdienst tätig, glaubt, dass oft auch Bequemlichkeit eine Rolle spielt: „Wem der Weg zur nächsten Apotheke zu weit erscheint, sieht den Notdienst gelegentlich als die einfachere Lösung an.“ Am Telefon allein lasse sich kaum eine klare Diagnose stellen.

Einen Weg, die Notdienste und Notaufnahmen wieder zu entlasten, sieht Oberärztin Kristina Lanz darin, den Bekanntheitsgrad des ärztlichen Bereitschafts- und Notdienstes zu erhöhen. Das sieht auch die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung so.

Von Katharina Kleine Wächter

One comment

  1. Ich denke ein Hauptproblem ist die (extrem) lange Wartezeit bei „normalen“ Ärzten.
    Wenn ich auf einen Termin 1..2..3…4… Monate warten muss, wählen manche Leute lieber den Weg in Notaufnahme.
    Was hier mal interessant wäre, wenn die Fälle mal im Detail analysiert werden. Wer kommt ? Mit welchem Problem ? Und wie lange wäre die Wartezeit auf einen Termin bei einem „normalen“ Arzt bei ? Die Notaufnahme muss jetzt die Fehler des Gesundheitssystems ausbaden.