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Im Lagerbecken befinden sich nach Betreiberangaben noch zwölf unbestrahlte Brennelemente, die verkauft werden sollen. Foto: tja

Geesthacht: Endlager durch die Hintertür?

Geesthacht. Jetzt wurde im Kernkraftwerk Krümmel der letzte Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen in das bis 2046 genehmigte Standort-Zwischenlager Kr ümmel gebracht, das teilt der Betreiber Vattenfall mit. Doch die Frage nach einem Endlager ist nach wie vor ungeklärt. Nachdem die Pläne vom Tisch sind, Brennelemente auch aus dem Kernkraft Krümmel in Castor-Behältern im Salzstock bei Gorleben einzulagern, muss eine neue Lösung her. „Ich fürchte, wir werden noch Jahrzehnte auf diesem Müll sitzen bleiben“, sagt Sven Minge, CDU-Fraktionschef im Geesthachter Stadtrat.

Salzstock Lütau wieder im Fokus

Bei der Suche nach einem neuen Endlager rücke nun auch der Salzstock Lütau wieder in den Fokus, nur wenige Kilometer von der Kreisgrenze Lüneburgs entfernt. Auch andere Flächen in Schleswig-Holstein werden jetzt auf ihre Eignung hin untersucht. Dabei ist Geesthacht bereits heute wie kein anderer Ort in Norddeutschland mit Atommüll belastet.

Der Reaktor des ersten Atomschiffes „Otto Hahn“, die Überreste des Forschungsreaktors des Helmholtz-Zentrums, die Brennelemente aus dem Betrieb des Kernkraftwerkes Krümmel, strahlender Abfall aus Arztpraxen und Laboren, die Liste radioaktiver Hinterlassenschaften in Geesthacht ist beachtlich. Und jetzt hat der Energiekonzern Vattenfall auch noch den Bau eines Lagers für schwach- und mittelradioaktive Abfälle am Zwischenlager („LasmAaZ“) beantragt (LZ berichtete): Für strahlende Bauteile, die beim Rückbau des Atommeilers anfallen. Dass bei der Endlagersuche nun auch der Salzstock Lütau, ganz in der Nähe von Krümmel, erneut betrachtet werden soll, kritisiert Minge: „In Schweden ist man an die Sache ganz anders herangegangen. Dort konnten sich Gemeinden um das Endlager bewerben und das Interesse war groß.“

„Wir brauchen schnell eine abschließende Lösung. Von diesen oberirdischen Lagerstätten halte ich gar nichts.“ Sven Minge, CDU-Fraktionschef Geesthacht

„Kein Bundesland darf sich wegducken“, sagte jetzt Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) zur Endlagersuche. „Es ist die Aufgabe unserer politischen Generation, ein Endlager zu finden“, betonte er. Bis 2031 soll der Standort gefunden sein. Ausbau und Inbetriebnahme würden sich dann anschließen. Anfang September hat die neu gegründete Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) offiziell den Prozess zur Standortauswahl gestartet. 500 Jahre lang sollen die eingelagerten Behälter rückholbar sein, sollten in der Zeit Probleme auftreten.

Im Standortzwischenlager des Kernkraftwerkes stehen Castor-Behälter, in denen stark strahlende Brennelemente verpackt sind. Foto: tja

Untersuchungen für verlängerte Lagerung laufen

In Krümmel lagern jetzt 41 Castoren. Eigentlich bietet das Lager Platz für 80 Behälter, doch durch den vorzeitigen Atomausstieg werden die nicht benötigt. „Die Dauer der Aufbewahrung für Transport- und Lagerbehälter ist nach den erteilten Genehmigungen auf 40 Jahre begrenzt. Nach heutigen Erkenntnissen kann in diesem Zeitraum eine vollständige Räumung der Lager nicht gewährleistet werden. Daher werden derzeit die technischen Voraussetzungen für eine verlängerte Aufbewahrung an den Standorten der Zwischenlager sowie in den Transportbehälterlagern untersucht“, heißt es in einer Stellungnahme des Bundesumweltministeriums.

Minge fürchtet, dass die Zwischenlager in Geesthacht, die alle nur befristet genehmigt sind, mit immer neuen Verlängerungen der Betriebsgenehmigungen quasi zu Endlagern werden könnten. „Das darf nicht passieren, wir brauchen schnell eine abschließende Lösung. Von diesen oberirdischen Lagerstätten halte ich gar nichts“, sagt Minge.

So soll zumindest der schwach- und mittelradioaktive Abfall in den Schacht Konrad bei Salzgitter gebracht werden, doch wann der seinen Betrieb aufnimmt ist ungewiss. 2021 bis 2025 ist der aktuelle Zeithorizont. Eigentlich sollte es schon 2018 soweit sein, doch das wird nichts. Und so will Vattenfall am Standort Krümmel 30 Millionen Euro in das „LasmAaZ“ investieren, um den beantragten Rückbau des ehemals leistungsstärksten Siedewasserreaktors der Welt überhaupt starten zu können. In dessen Kellern sind aber auch mehr als 1000 Fässer mit Atommüll gelagert, die ebenfalls in ein Endlager müssen.

Reaktor der „Otto Hahn“ liegt vergraben in einem Betonsarg

Weitere etwa 170 Fässer stehen ganz in der Nähe, in der Landessammelstelle der Länder Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen auf dem Gelände des Helmholtz-Zentrums. Dass es dort mit dem Betrieb nicht immer einwandfrei lief, zeigte sich im Jahr 2000, als bei zwischen 1965 und 1980 angelieferten Fässern festgestellt wurde, dass die Inhalte nicht korrekt deklariert waren. Nur einen Steinwurf entfernt liegt vergraben in einem Betonsarg der Reaktor der „Otto Hahn“. Das Helmholtz-Zentrum will ihn bergen, zerlegen und entsorgen. Doch auch dafür wird ein Endlager benötigt.

Ebenso wie für den Rückbau des Forschungsreaktors des Zentrums. 1600 Kubikmeter verstrahlter Beton, Schutzverkleidungen und Rohre dürften dabei anfallen. Die ehemalige Versuchshalle soll zur „Bereitstellungshalle“ für diesen Atommüll umfunktioniert werden. „Ich hoffe, dass die neuen Landtags- und Bundestagsabgeordneten darauf drängen werden, dass wir bald zu einer vernünftigen Endlagerlösung kommen“, sagt Minge.

Von Timo Jann