Donnerstag , 20. September 2018
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Kristina Wolff hat die Lüneburger Fliese in Rio entdeckt. Sie zeigt die Wahrzeichen der Stadt wie den Sande, das Rathaus, die Johanniskirche oder das Alte Kaufhaus. (Foto: phs)

Ein Stückchen Heimat in Rio

Melbeck. Kristina Wolff hat das Fernweh im Blut – genau wie es ihre Eltern vor Jahrzehnten hatten. Sylvia und Manfred Wolff aus Melbeck waren mit dem Rucksack in der ganzen Welt unterwegs, bereisten gemeinsam unter anderem Thailand, Jamaika, Malaysia, Kuba und mehrmals auch Brasilien. 1985 verfassten sie einen Reiseführer über das größte Land Südamerikas. 32 Jahre später hat es jetzt genau dorthin ihre 22-jährige Tochter Kristina verschlagen – der Liebe wegen. Während ihres achtwöchigen Aufenthaltes hat sie mitten in Rio de Janeiro unerwartet ein Stückchen Heimat entdeckt.

Kristina Wolff aus Melbeck auf der berühmten Escaderia de Selarón in Rio de Janeiro. Foto: nh

Kristina Wolffs Haut ist noch frisch gebräunt, sie sieht erholt aus und strahlt. Die 22-Jährige ist gerade erst zurückgekehrt aus dem sonnigen Brasilien. Dort hat sie die letzten zwei Monate verbracht und den Sommer zusammen mit ihrem Freund Tiago Luiz genossen. Seit Anfang des Jahres sind die beiden ein Paar, Tausende Kilometer trennen sie voneinander. Kristina Wolff studiert im neunten Semester Biotechnologie an der HAW Hamburg, ihr 27 Jahre alter Freund BWL in der brasilianischen Stadt Fortaleza. Während eines Auslandssemesters in Neuseeland im vergangenen Jahr lernten sich die beiden kennen. Kristina Wolff arbeitete in der Zeit an der Universität in Auckland im Labor für Molekularbiologie.

Eltern schrieben erfolgreichen Reiseführer

„Das war vielleicht eine Überraschung für uns, dass sie sich in Neuseeland in einen Brasilianer verliebt, nachdem uns ja auch einiges mit diesem Land verbindet. Das sind eben diese verrückten Zufälle im Leben“, sagt Sylvia Wolff mit einem Lachen. Denn sie und ihr Mann Manfred haben selbst eine Leidenschaft für Brasilien. Bereits 1991 berichtete die LZ über den erfolgreichen Brasilien-Reiseführer des Ehepaares, der im Hayit-Verlag erschienen ist und rund 60 000 Mal verkauft wurde. Das Fernweh muss Kristina Wolff von ihren Eltern geerbt haben, glaubt sie. „Ich bin schon immer gerne gereist. Mein Interesse für andere Länder und Kulturen ist groß“, erzählt sie im Esszimmer ihres Elternhauses in Melbeck.

Anfang August hatte sich Kristina Wolff auf den Weg gemacht, um ihren Freund Tiago Luiz nach fünf langen Monaten endlich wiederzusehen. Sie hat ihn in seiner Heimatstadt Fortaleza besucht, von dort aus reiste das Paar nach Salvador, Natal und Jericoacoara. Ihr aufregendster Ausflug führte die beiden aber nach Rio de Janeiro. Dort, auf der berühmten Treppe „Escaderia de Selarón“, inmittenTausender bunter Kacheln aus aller Welt, entdeckte Kristina Wolff ein Stückchen Heimat, kilometerweit von zu Hause entfernt: eine Fliese aus Lüneburg. „Es war verrückt. Aus so einem kleinen Städtchen wie Lüneburg, und das mitten in Rio!“ Auch Fliesen aus Hamburg, Sylt, Rügen und Nürnberg fand sie.

Woher die Lüneburger Fliese stammt, konnte Kristina Wolff vor Ort nicht herausfinden. Auf LZ-Nachfrage hat auch Wolfgang Ebert vom Fliesenmuseum Boizenburg keine Erklärung: „Dem Augenschein nach ist es bereits eine moderne Fliese aus den 80er-Jahren. Leider fehlt die Rückseite. Ich habe ähnliche Motive, mit der gleichen Form, sie stammen aber aus Italien. Jedenfalls ist es keine Fliese aus den Fliesenwerken Boizenburg“, erklärt Ebert. Kristina Wolff hofft: „Vielleicht meldet sich ja jemand, der etwas über die Lüneburger Fliese weiß?“

Kacheln weltweit

Die Treppe Escaderia de Selarón besteht aus 215 Stufen und ist 125 Meter hoch. Ihren Namen erhielt sie durch ihren Erschaffer Jorge Selarón. Der aus Chile stammende Künstler wollte damit seiner Wahlheimat Brasilien ein besonderes Denkmal setzen.

Er arbeitete seit 1990 an der Treppe, zerstörte und erneuerte anschließend immer wieder Teile davon. Jeder der wollte, konnte ihm eine Fliese aus seiner Stadt schicken, die er dann einarbeitete. Die Treppe ist mit einem bunten Mosaik aus Tausenden Kacheln aus über 60 Ländern verziert. Jorge Selaróns Atelier befand sich direkt an den Stufen. 2013 wurde er dort tot aufgefunden.

Von Patricia Luft