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Linken-Galionsfigur Gregor Gysi zog Hunderte Lüneburger in den Clamartpark. Foto: lz/be

Wahlkampf mit Florett: Gregor Gysi teilt in Lüneburg aus

Lüneburg. Ein Notizzettel in der Linken und eine Bühne unter den Füßen – mehr braucht Gregor Gysi (69) nicht, um Menschen zu begeistern. Und weil das politische Schwergewicht der Linken es wie kaum ein zweiter Berliner Abgeordneter versteht, Politik als Entertainment zu präsentieren, kamen 500 Lüneburger in den Clamartpark. Sie bekamen Wahlkampf à la Gysi geboten: Tiefsinniges in Anekdoten verpackt, Eitelkeit, die nicht abstoß, sondern einnahm, verbale Schwerthiebe gegen politische Gegner außerhalb der Linken, Florettstiche gegen die innerparteilichen Rivalen.

Wie bei einem Plädoyer schlug der langjährige DDR-Rechtsanwalt einen großen Bogen: Von Trump – die personifizierte „Gegenreformation“ nach einer Ära der Freiheit – über die AfD, „die ins Deutsche Reich zurück will“, und die „grundsätzlich falsche Politik gegenüber Russland“ bis zum VW-Dieselskandal: „Wieso wurde die Ingenieurs-Intelligenz nicht eingesetzt, um ein Öko-Auto zu entwerfen, statt zu schummeln?“ Der Jurist würde sich über die Möglichkeit von Sammelklagen wie in den USA auch in Deutschland freuen. „Das brächte Druck.“

Gregor Gysi spricht im Clamart Park

Ohne seine innerparteilichen Rivalen Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht namentlich zu erwähnen, setzte Gysi die über Monate geführte Auseinandersetzung über den richtigen Umgang mit Flüchtlingen fort: „Links bist du nie, wenn du nur an die armen Deutschen denkst“, grenzte sich Gysi gegen das Ehepaar ab, das die Begrenzung der Migration zugunsten deutscher Bedürftiger gefordert hat, „links bist du erst, wenn du an alle Armen denkst“. Es sei der falsche Weg, der AfD nachzuplappern – „erst recht für Linke“. Statt die Armen zu bekämpfen, sollte „falscher Reichtum“ ins Visier genommen werden. Sätze, für die Gysi in Beifall gebadet wurde.

Obwohl seine Partei am Sonntag erstmals die Chance hat, im Westen in eine Landesregierung gewählt zu werden, blieb Gysi, der im aktuellen „Spiegel“-Interview die Sorge geäußert hat, dass die Linken in der Daueropposition in der Bedeutungslosigkeit verschwänden, defensiv. Er warb lediglich darum, dass eine starke Linke in den Landtag entsendet wird, „damit sich der Zeitgeist ändert“.

Eines der drängendsten Probleme der nächsten Jahre sei, die wachsende soziale Ungleichheit zu bekämpfen. Während noch vor fünf Jahren die reichsten 366 Menschen so viel besaßen wie die 3,6 Milliarden ärmsten, verfügten nun die reichsten acht Milliardäre über so viel Geld wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Gysi mahnte: „Das fliegt uns irgendwann um die Ohren. Und nirgends steht geschrieben, dass es nach links geht. Es kann auch ganz nach rechts gehen.“
Am Ende posierte Gysi für Selfies. Als er zu seinem Audi eilte, rief ihm eine Frau im Kunstpelz hinterher: „Klasse, Gregor.“

Von Joachim Zießler

One comment

  1. Der Kommentar von Joachim Zießler könnte nicht besser das wiedergeben, was Gregor Gysi rüber gebracht hat. „Elegant“ – auch – formuliert“!!. Neu für mich war allerdings, dass Wagenknecht und Lafontaine die Flüchtlinge nicht gleich behandelt wissen wollen, wie die Sozial Bedürftigen hier im Land! Das hätte ich so nicht vermutet. NAJA…..Aber, wenn ich es so recht bedenke: Wagenknecht hat schließlich ja auch nicht der geschiedenen Frau ihres – damaligen – Mannes, die deren gemeinsamen kleinen Kinder zu versorgenn hatte, eine finanzielle Unterstützung von deren Ex-Mann zubilligen wollen…..