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Karin und Wolfgang Hey bringen Farbe nach Lüneburg. Das Gärtner-Ehepaar aus Drage gehört zu den Urgesteinen unter den Händlern des Wochenmarktes vor dem Rathaus. (Foto: t&w)

Marktzeit seit 50 Jahren

Lüneburg. So ganz genau wissen Karin und Wolfgang Hey nicht, wie lange sie aus Drage zum Wochenmarkt nach Lüneburg fahren. Ein halbes Jahrhun dert wird es sicher sein, schätzen die beiden. Also ein stattliches Jubiläum. „Wir müssen das mal rauskriegen“, sagt Karin Hey. Das ist nicht so einfach: Beim Marktmeister der Stadt gibt es keine Unterlagen mehr, das Stadtarchiv hat die Bestände zum Marktwesen noch nicht erfasst.

Die Heys stehen in Höhe des Landgerichts, auch an dunklen Tagen strahlt ihr Stand: Astern, Rosen, Lilien. Damals, Ende der 60er-Jahre, war das anders – eine kleine Zeitreise. Heys Eltern hatten ihr Obst zunächst auf dem Großmarkt verkauft. Doch die Preise fielen. Also kam das, was heute wieder für viele Bauern ein Weg zu guten Einnahmen ist: die Selbstvermarktung.

„Wir haben mit Gemüse und Obst angefangen“, erinnert sich Wolfgang Hey. „Da gingen in der Saison zehn Zentner Erdbeeren über den Tisch. Bäcker kamen mit Wannen und Eimern, um Früchte zu kaufen.“ Lange vorbei. Denn als auch in Drage an der Elbe die Flurbereinigung umgesetzt wurde, strukturierte die Familie den Betrieb um: „Obstbäume kamen weg, wir haben Blumen gepflanzt.“ Das Einzige, was sie – wie in alten Zeiten – immer noch im Angebot haben, sind Tomaten und Gurken.

„Wir haben tolle Kunden“

Hey ist gelernter Gärtner, seine Frau stammt aus einem Kartoffelanbaubetrieb und hat eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Sie kennen ihr Land und sind damit verwachsen. Es hat immer Arbeit bedeutet. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, in der Bude zu sitzen“, sagt der 74-Jährige. Seine Frau lächelt und sagt: „Wir haben tolle Kunden.“ Mit denen sei man gemeinsam alt geworden: „Die sind damals als junge Leute gekommen und kommen immer noch, heute sind auch ihre Kinder und Enkel da.“ Auf die könne sie doch nicht verzichten: „Das ist mein Leben und eine Lebensaufgabe.“

Dahlien, Zinien, viele Stauden haben sie selbst. „Doch 80 Prozent der Ware kaufen wir inzwischen dazu“, sagt die 68-Jährige. Dafür fahren sie zum Großmarkt nach Hamburg: „Da klingelt morgens um Viertel nach drei der Wecker. Mittags koche ich für die Sippe, dann haben wir bis in den späten Abend die Vorbereitung.“ Denn besonders gut laufen gebundene Sträuße: „Da greifen gerade Männer gern zu.“

Die Heys betreiben ein Familienunternehmen. Wolfgang lacht, sagt: „Eine Kooperative.“ Die drei Kinder packen an, so wie sie können. Brigitte betreibt das Geschäft in Drage, Susanne ist Steuerfachgehilfin, aber an Sonnabenden steht sie oft neben ihren Eltern. Sohn Andreas fliegt als Experte für Feuerlöschanlagen durch die ganze Welt. Wenn er mal wieder zu Hause festmacht, verkauft auch er schon mal Blumen auf dem Markt. Und der Nachwuchs hilft ab und an mit. Ehrensache. Tradition.

Lüneburg ist ein guter Markt

Der Markt habe sich verändert, sagt Wolfgang Hey. Aus ihrer Anfangszeit seien nur noch wenige dabei wie Horst Wilkens aus Bardowick. Dafür seien dann oft die Kinder in den Betrieb eingestiegen. Aber nicht nur die Gesichter sind andere, Kunden kauften anders ein: „Weniger als damals, vieles besorgen sich die Leute im Supermarkt. Aber ich will nicht klagen, die Blumen laufen. Und Lüneburg ist ein guter Markt. Hier stehen keine Plünnen-Händler wie anderswo.“

Fünf Jahrzehnte Markt, dazu ein Alter, in dem andere längst in den Entspannungs-Modus geschaltet haben, auch die Heys denken über ein ruhigeres Leben nach. Sie sagt: „Wir wollten dieses Jahr aufhören.“ Doch immer kommt was dazwischen. Die Tochter brauchte einen neuen Bulli für den Betrieb, und dann hat ein Sturm voriges Jahr die Gewächshäuser gepiesackt. Das will alles verdient sein. Nächstes Jahr soll Schluss sein. Aber ob es so kommt? So richtig vorstellen können die beiden sich das nicht. Dafür sei es trotz der vielen Arbeit einfach zu schön auf dem Markt.

Von Carlo Eggeling