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Leopold Tomaschek ist mit dem Innenausbau seines „Tiny Houses“ nahezu fertig. In Hitzacker besucht er die Waldorfschule, dort soll demnächst auch sein Eigenheim stehen – Küche, Bad, Wohn-, Schlaf- und Arbeitsraum auf 15 Quadratmeter Grundfläche. Foto: phs

Leopold, 18, Häuslebauer

Pommoissel. Leopold Tomaschek ist 18, schuldenfrei und Hauseigentümer. Das klingt nach einem, der früh geerbt hat, oder nach der Hauptperson in einem Werbespot für Bausparverträge. Tatsächlich ist Leopold Tomaschek Waldorfschüler in Jeans und T-Shirt – und das taubenblaue Holzhaus sein „ökologisches und soziales Statement“.

Das Besondere an dem Eigenheim des Abiturienten aus Pommoissel: Es ist mobil und mit gerade mal 15 Quadratmeter Grundfläche winzig. In den USA finden die „Tiny Houses“ (engl. winzige Häuser) seit Jahren immer mehr Anhänger, in Deutschland steht die Bewegung noch am Anfang. Leopold Tomaschek hat im Sommer 2016 begonnen, sein eigenes „Tiny House“ auf Rädern zu bauen und gilt inzwischen als Pionier in der Szene.

Mit 17 hat Schüler Leopold Tomaschek begonnen, sich sein eigenes „Tiny House“ zu bauen. Anderthalb Jahre später ist sein taubenblaues Holzhäuschen so gut wie fertig. (Foto: phs)

Er plant erste Workshops, berät beim Bau oder Kauf, schreibt auf seiner Internetseite über das Phänomen und veröffentlicht demnächst ein Buch mit Bauanleitung. „Mir ging es von Anfang nicht nur darum, ein Tiny House zu bauen“, sagt er, „ich wollte mit dem Projekt auch die Bewegung bekannter machen.“

Aus einem Scherz wurde Realität

Der Anfang, das war ein Abend im Dezember 2015. Leopold Tomaschek und seine Freundin saßen zusammen in ihrem Zimmer und überlegten, welches Thema sie für ihr Schul-Jahresprojekt wählen sollten. „Sie meinte irgendwann: Bau doch ein Tiny House!“ Ein Scherz, der für Tomaschek zur Initialzündung wurde. „Je länger ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, desto sicherer wurde ich mir: Ich bau‘ tatsächlich ein Tiny House.“

Alles, was der 17-Jährige dafür wissen musste, brachte er sich selbst bei – von der Berechnung der Statik bis zum Verlegen der elektrischen Leitungen. Inzwischen fehlen nur noch Details beim Innenausbau, dann wird er sein Eigenheim nach Hitzacker fahren lassen, auf einem Grundstück am Südhang des Weinbergs parken und mit seiner Freundin einziehen. Jeder Quadratmeter des Häuschens ist auf die Bedürfnisse des Paares ausgelegt. „Das ist die Idee des Tiny Houses“, sagt er, „man besinnt sich auf die Dinge, die einem beim Wohnen wichtig sind. Alles andere bleibt draußen.“

Wichtig war ihm zum Beispiel sein elektrisches Klavier, also plante er den Platz dafür beim Hausbau mit ein. „Meine Freundin wollte gerne ein Fenster ohne Sprossen.“ Tomaschek baute ihr ein Fenster ohne Sprossen.

Gutes Wohnen auf 15 Quadratmetern

Entstanden ist dabei ein Häuschen, das alles hat, was man zum Wohnen und Wohlfühlen braucht: Terrasse, Küche, Bad, Wohn-, Schlaf- und Arbeitsbereich, fließendes Wasser und Strom, Mobilität und Wohnkomfort. Dank Wohnnetz und Schlafzimmer auf zweiter Ebene „können hier mindestens acht, vielleicht sogar elf Leute übernachten“, sagt Tomaschek. Er ist überzeugt: Es muss nicht das Eigenheim mit 140 Quadratmeter sein. „Gut wohnen kann man auch auf 15 Quadratmeter!“

In Berlin baut der Architekt Van Bo Le-Mentzel seit einigen Monaten an einem ganzen Dorf aus „Tiny Houses“, sie sollen Denkanstöße für ein gerechteres Leben in der Stadt geben. Auch Leopold Tomaschek hofft, die Menschen mit seinem Projekt zum Nachdenken zu bringen. Wie gehen wir mit Wohnraum um? Was brauchen wir wirklich? Wie können wir ein Zeichen setzen gegen unsere ressourcenausbeutende Konsumgesellschaft? Er selbst wird sich für den Umzug ins Tiny House auf ein Minimum an Besitztümern reduzieren. „Ein gutes Gefühl“, sagt er. „Zumindest, wenn man sich wie ich freiwillig dafür entscheidet.“

Eines Tages autark leben

Investiert hat der 18-Jährige in sein „Tiny House“ Arbeitszeit und seine gesamten Ersparnisse von knapp 11 000 Euro. „In meiner Lebenssituation die perfekte Geldanlage“, findet er. Zieht er irgendwann um, wird er sein Miniaturhaus mitnehmen, „selbst in Großstädten wie München, Berlin oder Hamburg sollte es kein großes Problem werden, einen Platz dafür zu finden“. Noch ist der 18-Jährige zwar auf Wasser- und Stromanschluss angewiesen, „doch mit ein bisschen Aufwand kann ich künftig auch autark leben“.

Leopold Tomaschek könnte ewig weiterreden über das große Leben im Kleinen. Und er hat verdammt viele gute Argumente für ein Haus im Miniaturformat. Gäbe es Bausparverträge nur für „Tiny Houses“, wäre er der perfekte Mann für einen Werbespot: Leopold Tomaschek, 18, schuldenfrei und Hauseigentümer.
Mehr über den Schüler und sein „Tiny House“ gibt es auf seiner Internetseite tinyhouse-wanderlust.com.

Immer mehr Anhänger der Mini-Häuser

Eine offizielle Definition von „Tiny House“ gibt es nicht, auch die Abgrenzung zu Wohnwagen oder Bauwagen ist nicht klar geregelt. Verstanden werden in Deutschland unter „Tiny Houses“ die aus den USA bekannten, kleinen Häuschen auf Rädern.

Im Gegensatz zum Wohnwagen geht man mit dem Tiny House allerdings nicht auf Urlaubstour, es dient vielmehr als echtes, allerdings flexibles Eigenheim. Anhängern dieser Bewegung in Europa geht es in der Regel um die Reduzierung auf das Wesentliche, zugunsten finanzieller Freiheit und persönlicher Unabhängigkeit sowie um einen Beitrag zu Ökologie und Nachhaltigkeit.

Von Anna Sprockhoff