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Wilhelm und Helga Rabe blättern in Barum in einem Fotoalbum der Familie. Helga Rabe ist die Nichte des Soldaten Heinrich Held, dessen Brieftasche aus dem Ersten Weltkrieg vor kurzem in Neuseeland gefunden worden ist. Foto: lz/phs

Kriegsrätsel nach 99 Jahren vor Lösung

Barum. Seit Tagen steht das Telefon bei Familie Rabe nicht mehr still. Verantwortlich dafür ist ein Neuseeländer namens Hayden Cullen und eine Geschichte, die k lingt, als wäre sie aus einem Hollywood-Film: Ein neuseeländischer Soldat bricht im Ersten Weltkrieg während eines Gefechts blutüberströmt zusammen. Ein deutscher Offizier rettet ihm das Leben. Bevor der Deutsche in Gefangenschaft gerät, überlässt er dem Verwundeten seine Brieftasche, versehen mit Namen und Adresse. Jahrelang versucht die Familie des neuseeländischen Soldaten die Nachfahren des Lebensretters ausfindig zu machen – ohne Erfolg. Doch nun könnte es ein Happy-End geben.

Pressemitteilung mit dem Foto einer Brieftasche

Fast 99 Jahre nachdem eine Granate den Neuseeländer Ray Cullen in der französischen Gemeinde Le Quesnoy verwundet hatte, wendet sich sein Enkel Hayden, ebenfalls Soldat, an die Medien. Über das neuseeländische Militär veröffentlicht er eine Pressemitteilung mit einem Foto der Brieftasche, auf dem die Inschrift deutlich zu sehen ist: „H. Held“ mit der Adresse Eppensen – ein kleines Dorf zwischen Uelzen und Lüneburg, wo sich so gut wie jeder kennt. Doch jemanden mit dem Nachnamen Held gibt es dort nicht.

Joan Fridrich von Bordelius liest in der LZ die Geschichte über die Suche nach diesem H. Held. Das weckt sein Interesse. Genealogie sei sein Hobby, er habe einen kompletten Stammbaum seiner Familie erstellt, der bis 1470 zurückreicht, sagt der Kaufmann aus Bavendorf.

Er recherchiert – und findet im Internet eine alte Ansichtskarte aus Eppensen. Auf der ist das Haus des Schneidermeisters H. Held zu sehen, davor offenbar die Familie: H. Held, eine Frau und zwei Kinder. Er leitet seine Entdeckung an die LZ und die Deutsche Presse-Agentur weiter. „Es wäre eine tolle Sache, wenn Herr Cullen fündig werden und die gesuchten Nachfahren des Retters seines Großvaters persönlich treffen könnte“, sagt von Bordelius.

Über das Internet erfährt der Stadtarchivar Tino Wagner aus dem nahe gelegenen Bad Bevensen von Cullens Suche. Eine faszinierende Geschichte sei das, findet er. In alten Kirchenbüchern wird er schließlich fündig. Er entdeckt einen 1898 geborenen Heinrich Held. Doch dieser starb 1929, ohne Kinder zu hinterlassen. Damit würde die Spur hier enden, wäre nicht der Eppenser Hobbyhistoriker Jürgen Könneker vor Jahren in den Besitz eines Fotos der Familie Held um 1913 gekommen. Es zeigt Vater, Mutter, Sohn und Tochter – offenbar das Foto, das auch für die Ansichtskarte des Ortes verwendet wurde.

Der Soldat Heinrich Held hatte also eine Schwester. „Die hat später den Kaufmann des Ortes geheiratet“, erzählt Könneker. Das Paar bekam wiederum eine Tochter, die heute im Nachbarort Barum lebt. Ihr Name: Helga Rabe. Über ihren Onkel Heinrich, der viele Jahre vor ihrer Geburt starb, weiß sie nur wenig. Ihre Mutter habe den Bruder nur am Rande erwähnt, erzählt sie.
Die 75-Jährige blättert in einem Album mit alten Schwarz-Weiß-Fotos, darunter auch welche, die Soldaten in Uniform zeigen. Ob Heinrich Held darunter ist, vermag sie nicht zu sagen. Dass er Cullens Großvater an der Front geholfen haben soll, hat sie erst wenige Tage zuvor aus der Zeitung erfahren.

Nichte des deutschen Offiziers lebt in Barum

„Er war ein Held damals“, sagt ihr Mann Wilhelm Rabe. „Er hat einen Feind gerettet.“ Die Familie würde von Cullen gerne mehr darüber erfahren. Cullens Großvater hatte in einem Brief an seine Familie über die wundersame Rettung berichtet. „Es wäre schön, wenn er sich meldet“, sagt Helga Rabes Tochter Anja.

Hayden Cullen war über das neuseeländische Militär zunächst nicht zu erreichen. Er befindet sich gerade selbst in Europa. Er ist für eine Gedenkfeier nach Belgien gereist, an der er als Militärmusiker teilnimmt. Im Gepäck: die Brieftasche und die Hoffnung, doch noch etwas über den Retter seines Großvaters herauszufinden. „Ich weiß, es ist lange her. Aber wenn ein Wunder geschehen kann, wieso nicht auch ein zweites?“, wird er in der Militär-Pressemitteilung zitiert. Das könnte sich nun erfüllen.