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Der Angeklagte sitzt beim Prozess im Landgericht. Für die Richter ist klar, dass er den gewaltsamen Tod seiner Frau und deren Freundin geplant hatte. Foto: phs

Lüneburger Doppelmord: Keine Chance auf vorzeitige Entlassung

Lüneburg. „Seine Ehefrau war für ihn und die jesidische Gemeinschaft verloren, er wäre in der Gemeinschaft geächtet worden. Er sah seine ganze Welt untergehen. Für ihn gab es nur eine Notbremse: seine Frau zu töten.“ So skizzierte Axel Knaack, Richter der 1. großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg, was in dem Iraker jesidischen Glaubens vorgegangen sein muss, als er plante, seine Frau (31) umzubringen.

Dabei sei deren Freundin (32) bei der Bluttat am 4. Januar 2015 in der Kaltenmoorer Wohnung kein „Kollateralschaden“ gewesen, auch ihr Tod war nach Auffassung des Gerichts geplant, sie war aus seiner Sicht mitverantwortlich für den Glaubenswechsel. Die Kammer verurteilte den Mann, der sein Alter mit 40 angibt, gestern wegen Mordes in zwei Fällen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Zudem erkannte das Gericht auf die besondere Schwere der Schuld, eine Entlassung vor der Haftverbüßung von 15 Jahren ist damit unmöglich.

Freundin der Frau war kein „Kollateralschaden“

Damit kam die Kammer unterm Strich zu dem Ergebnis wie ihre Kollegen, die den Mann bereits im Dezember 2015 verurteilt hatten – der Bundesgerichtsgerichtshof hatte das Urteil aber wegen eines Rechtsfehlers aufgehoben, sodass nun erneut verhandelt werden musste. Allerdings weicht die Begründung der 1. Kammer in einigen Punkten vom ursprünglichen Urteil ab. Richter Knaack ging auf die Vorgeschichte ein: Der Angeklagte wuchs in einem vom Pa­triarchat geprägten jesidischen Bergdorf im Irak auf, heiratete früh, ließ sich wieder scheiden.

1999 kam er nach Deutschland und heiratete das spätere Opfer, ebenfalls eine Jesidin. Knaack: „Zwei unterschiedliche Lebensmodelle prallten aufeinander. Er verharrte in jahrhundertealten Glaubens- und Lebensvorstellungen. Sie war Immigrantin der zweiten Generation, setzte sich mit Vorstellungen und Lebensweisen in Deutschland auseinander.“ Das Gericht sah ihn zwar nicht als „relevant gewalttätig oder als Despot, es gab auch keine konkreten Bedrohungen“.

Ende 2014 geriet die Ehefrau aber in Angst, ihr Mann könne sie umbringen, Knaack: „Die Situation in der Ehe eskalierte.“ Die Frau hatte eine Christin kennengelernt, Mitglied einer Lüneburger Freikirche. „Die war weltoffen und tolerant, ihr Kontakt zur Ehefrau war aber keinesfalls bedrängend oder missionarisch.“ Aus Sicht des Mannes, der zuletzt als Koch in einer Lüneburger Gaststätte arbeitete, mischte sie sich allerdings in „Familienangelegenheiten“ ein.

Ehefrau wollte zum Christentum übertreten

Die Ehefrau entschloss sich, zum Christentum überzutreten. In der Nacht zum 4. Januar 2015 gab es eine Aussprache des Ehepaares, der Richter: „Spätestens mit Ende dieser Aussprache erkannte er, dass ihr Wunsch, den jesidischen Glauben und ihn zusammen mit den drei Kindern zu verlassen, unumstößlich und für ihn nichts mehr zu retten war.“ Er beschloss, die „Notbremse“ zu ziehen.

Der Angeklagte besuchte am Vormittag mit beiden Frauen den Gottesdienst der Freikirche, war danach mit seiner Frau zu Hause. Kurz vor 14 Uhr „wurde die Freundin rantelefoniert“ – unter dem Vorwand, über den Gottesdienstbesuch zu reden: „Er nutzte die Gutgläubigkeit der Frauen aus.“ Sein einziges Ziel war, beide zu töten. Er schickte seine drei Kinder zur Wohnung seines Bruders.

Als die Freundin kam, schloss er die Wohnungstür ab und erstach beide Frauen, die Gerichtsmedizin zählte fast 40 Stiche. Eine Fluchtmöglichkeit hatten die „arg- und wehrlosen“ Frauen nicht. Danach zog der Täter sich um, holte am Geldautomaten alles verfügbare Geld und tauchte unter. Von einem Spezialeinsatzkommando wurde er Tage später in einer Hamburger Wohnung gestellt.

„Er hat fünf Kinder zu Waisen gemacht“

In dem blutigen Geschehen sieht die Kammer laut Knaack „eine Bilanztat, um das katastrophale Scheitern seiner Ehe und der jesidischen Gemeinschaft einigermaßen auszugleichen“. Dabei seien die Mordmerkmale der Heimtücke und der niedrigen Beweggründe erfüllt. Zur besonderen Schwere der Schuld hieß es kurz: „Er hat zwei Menschen getötet und fünf Kinder zu Waisen gemacht.“ Die drei eigenen und die zwei der Freundin.

Der Staatsanwalt hatte ebenfalls auf lebenslänglich plädiert, auch die Anwälte der Angehörigen der Opfer. Der Verteidiger sah dagegen eine Affekttat im Streit, für ihn war es eine „lupenreine Beziehungstat“, die auch bei deutschen Paaren vorkommen könne. Er will prüfen, ob er in Revision zieht. Sein Mandant folgte der Urteilsbegründung regungslos mit gesenktem Kopf, in seinem Schlusswort bat er die Angehörigen der Opfer um Entschuldigung.

Von Rainer Schubert