Aktuell
Home | Lokales | Dahlenburg | Fester Job mit Handicap
Karin Bendorf ist auf dem Ellernhof unter anderem für die Zimmer zuständig. Ein Job, der ihr endlich Perspektive bietet. Foto: lz/t&w

Fester Job mit Handicap

Ellringen . Karin Bendorf ist 43, als sie den ersten unbefristeten Arbeitsvertrag ihres Lebens unterschreibt. Zweimal hatte die Dumstorferin bereits Krebs, das e rste Mal mit 18, das zweite Mal mit 34. Sie ließ sich bestrahlen, quälte sich durch Chemo-Therapien, kämpfte und überlebte den Krebs. Was zurückblieb, waren eine Reihe gesundheitlicher Spätfolgen, die Angst vor einem Rückfall – und die Schwierigkeit, als Schwerbehinderte auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Jahrelang suchte Karin Bendorf vergeblich nach einem Job mit Perspektive. Vor einem halben Jahr hat sie ihn auf dem Ellernhof in Ellringen dann endlich gefunden. „Ein riesiges Glück“, sagt sie.

Seit knapp drei Jahren gibt es die Natur und Business Akademie GmbH & Co. KG auf dem Ellernhof, ein Tagungshotel mitten im Grünen. Gründerin Christine Hamester-Koch ist selbst Mutter eines Sohns mit Handicap und beschäftigte auf dem Ellernhof schon früh zwei Mitarbeiter mit Behinderung. Dass sie zum 1. Mai auch Karin Bendorf unbefristet einstellen konnte, hat sie vor allem der Aufnahme in ein Förderprogramm des Niedersächsischen Landesamtes für Soziales, Jugend und Familie (Integrationsamt) zu verdanken.

„Ich hatte mir ohnehin vorgenommen, diese Stelle zu schaffen, wusste aber nicht, ob die Auftragslage es zulässt“, sagt Hamester-Koch. „Da hat die Förderung das entscheidende Stückchen Sicherheit gegeben.“

„Die Förderung hat das entscheidende Stückchen Sicherheit gegeben.“
Christine Hamester-Koch, Unternehmerin

Der Ellernhof ist im Landkreis Lüneburg das erste, landesweit das 50. Unternehmen, das sich erfolgreich auf den Weg zum Inklusionsbetrieb gemacht hat. „Voraussetzung dafür ist, dass ein Unternehmen mindestens 30 Prozent Mitarbeiter mit einer Behinderung dauerhaft beschäftigt“, erklärt Adelheid Tesch, die für die NBank Unternehmen in diesem Prozess begleitet.
Die Vorteile für die Unternehmen: „Sie erhalten einen Investitionskostenzuschuss zur Einrichtung der Arbeitsplätze, eine betriebswirtschaftliche Beratung, eine laufende Pauschale für den besonderen Aufwand und einen laufenden Personalkostenzuschuss bis zu 30 Prozent.“ Christine Hamester-Koch ist überzeugt, dass gerade Menschen mit Behinderungen ein Unternehmen bereichern. „Es tut den Mitarbeitern gut, wenn sie erleben, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist“, sagt sie. „Und gerade Karin ist trotz ihres Schicksals immer positiv und bringt ganz viel Energie mit ins Unternehmen.“

Dass die 43-Jährige bei der Arbeit häufiger mal schlapp macht, ihre Arme wegen der entfernten Lymphknoten schnell schmerzen, sie regelmäßig zu Ärzten und Therapeuten muss, „das wissen wir“, sagt Christine Hamester-Koch. „Und wir haben die Arbeiten für sie so ausgesucht, dass sie das trotz ihrer Behinderung gut bewältigen kann.“
Karin Bendorf arbeitet halbtags, hilft beim Gemüseanbau, kümmert sich um die Blumen, ist zuständig für das Housekeeping. Sie selbst sagt, es sei schön, endlich wieder einen richtigen Job zu haben, gebraucht zu werden, unter Leute zu kommen. „Nur zu Hause zu sitzen“, erklärt sie, „das ist einfach nichts für mich.“

Karin Bendorf steckte mitten in der Ausbildung zur Arzthelferin, als sie das erste Mal Krebs bekam. „Danach sollte ich nicht mehr mit Kranken arbeiten, musste die Ausbildung abbrechen.“ Sie jobbte, mal in der Gaststätte, mal irgendwo im Haushalt. „Doch die Gesundheit machte nicht immer mit, mir wurde die Arbeit schnell zu viel, das stieß nicht immer und überall auf Verständnis.“ Hinzu kam, dass niemand sie als Schwerbehinderte dauerhaft einstellen wollte. „Die hatten Angst, dass sie mich dann nie wieder loswerden.“ Auf dem Ellernhof hat die 43-Jährige nun das Gefühl, ihren Platz gefunden zu haben. Auch, weil sie zum ersten Mal eine dauerhafte Perspektive erhalten hat.

Christine Hamester-Koch will demnächst noch eine Stelle oder einen Ausbildungsplatz für einen schwerbehinderten Mitarbeiter schaffen. „Wir suchen dringend Mitarbeiter im Garten“, sagt sie, „wer eine gesunde Lebens- und Arbeitshaltung hat, darf sich gerne bei uns melden. Und zwar mit oder ohne Behinderung.“

Von Anna Sprockhoff

Mehr Betriebe aus der freien Wirtschaft: Förderprogramm bekannter machen

Die Förderung für Inklusionsbetriebe gibt es in Niedersachsen seit 15 Jahren. „50 Unternehmen sind inzwischen dabei“, sagt NBank-Beraterin Adelheid Tesch, „rund 80 Prozent dieser Betriebe sind gemeinnützig.“ Ziel ist es nun, mehr Unternehmen aus der freien Wirtschaft für den Weg zum Inklusionsbetrieb zu gewinnen.

„Viele kennen das Programm nicht, deswegen machen wir nun erstmalig Öffentlichkeitsarbeit.“ Wer Interesse hat, erreicht Adelheid Tesch und ihre Kollegen bei der NBank unter den Telefonnummern (0511) 300 31-623/-622 oder -842.