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Die Glühweinzeit naht. Auch am Stint soll es einen Weihnachtsmarkt geben. Einigen Nachbarn schmeckt das gar nicht. Foto: t&w

Ungemütliche Adventszeit

Lüneburg. Christoph Rudnick, seine Familie und ihre Nachbarn wissen, dass sie in einem lebendigen Viertel zu Hause sind. Rudnicks wohnen in der Straße Am Fischmarkt vis-à-vis zum Stint mit seinem Feier-Volk, dazu kommen Dreharbeiten der Roten Rosen, täglich Touristen, die den Alten Kran bestaunen, ab und an auch Veranstaltungen. Doch jetzt fühlen sich Anwohner vor vollendete Tatsachen gestellt: Ein Weihnachtsmarkt soll auf der freien Fläche am Alten Kran Besucher locken. Rudnick ärgert sich: „Mit uns hat niemand gesprochen, bevor die Stadt das genehmigt hat.“ Wochenlang der Budenbetrieb mit Musik und Gerüchen sei eine Zumutung: „Wir haben davon aus der Zeitung erfahren.“

„Mit uns hat niemand gesprochen, bevor die Stadt das genehmigt hat.“
Christoph Rudnick, Anwohner

Im Rathaus reagiert Stadtpressesprecher Daniel Gritz überrascht: „Das Thema Weihnachtsmarkt auf einer öffentlichen Fläche in Stint-Nähe wird schon sehr lange in der Stadt diskutiert, und zwar nicht nur innerhalb der Verwaltung und in der Politik, sondern breit in der gesamten Stadt-Öffentlichkeit.“ Gritz verweist auf entsprechende Artikel in der LZ.

Vorwurf: Stadt habe Fakten geschaffen

In der Tat wird schon lange von der Weihnachtsstadt Lüneburg gesprochen und darüber, dass es quasi eine Außenstelle im Wasserviertel geben soll. Das bestreitet auch Rudnick nicht, der nach eigenen Angaben für rund zwei Dutzend Anwohner spricht. Aber direkt habe es im Vorfeld keine Informationsveranstaltung gegeben. Von der Entscheidung des Wirtschaftsausschusses im Mai hätten sie erst in der LZ gelesen.

Worum geht es? In einem Vergabeverfahren hat die Stadt sich für das Konzept des Lüneburger Wirts Matthias Ellinger entschieden. Der will an rund einem Dutzend Ständen ein skandinavisches Konzept fahren: Angeboten werden sollen am Alten Kran vom 29. November bis zum 23. Dezember Spezialitäten und Kunsthandwerk, dazu gibt es Musik, auf einem Schlitten werden Weihnachtsgeschichten vorgelesen. Ellinger hat den Anwohnern seine Ideen vorgestellt, nachdem er den Zuschlag erhalten hat. Dem Wirt sind Rudnick und seine Mitstreiter auch nicht gram, aber die Stadt kritisieren sie: Die habe Fakten geschaffen, auch indem sie Ellinger für mehrere Jahre einen Vertrag gegeben habe.

Oberbürgermeister Ulrich Mädge will das Gespräch suchen, er sagt: „Ein Weihnachtsmarkt am Alten Kran ist für Lüneburg eine Premiere. Deswegen lassen Sie uns zunächst gemeinsam schauen, wie der Weihnachtsmarkt im Rahmen seiner Vorgaben abläuft, und dann im Januar Bilanz ziehen, wo gegebenenfalls nachgebessert werden muss.“ Dann, monieren die Anwohner, hätten sie das Spektakel ja bereits ertragen müssen.

Mädge: Belastung für Anwohner sollte nicht zu groß werden

Die Kritik Rudnicks geht weiter: „Wir haben uns bewusst entschieden, hierher zu ziehen mit dem ganzen Leben drum herum. Aber wir haben hier auch viel investiert und die Häuser hergerichtet. Die Stadt und die Roten Rosen nutzen die Kulisse, um immer mehr Touristen zu ziehen.“ Politik und Verwaltung müssten sich fragen, ob sie bei ihren Plänen noch die Einwohner im Blick haben oder eben vor allem die Gäste.

Mädge sagt dazu: „Die Belastung für die Anwohner sollte nicht zu groß werden. Deshalb danken wir auch für den Hinweis zu den Dreharbeiten der Roten Rosen und werden die Produktionsfirma bitten, künftig früher über geplante Dreharbeiten zu informieren. Insgesamt freuen wir uns aber über jeden Gast und jeden Touristen – ob er nun wegen des Weihnachtsmarktes, wegen der Roten Rosen oder einfach wegen des einmaligen Flairs nach Lüneburg kommt.“

All das dürfte den Nachbarn rund um den Alten Kran nicht ausreichen. Sie haben inzwischen einen Anwalt eingeschaltet. Auch über Aktionen wie eine Blockade denken sie nach. Es könnte eine ungemütliche Weihnachtszeit werden.

Offene Toilettenfrage

Das hanseatisch-skandinavische Treiben hat die Stadt gestattet vom 29. November bis 23. Dezember, jeweils von 10 bis 20 Uhr. Das lehnt sich an die Zeiten des Weihnachtsmarktes vor dem Rathaus an. Einen weiteren Markt gibt es an der Johanniskirche und einen privat betriebenen auf dem Innenhof der „Krone“.

Etwas mehr als die Hälfte der Fläche vor dem Alten Kran darf mit Buden vollgestellt werden. Der Alte Kran selbst bleibt frei. Der Betreiber kümmert sich um die Müllentsorgung und eine ausreichende Anzahl an Toiletten. Mädge macht deutlich: „Diese Frage muss seriös geklärt werden. Toiletten auf dem Bouleplatz Am Werder oder Dixi-Klos werden wir nicht akzeptieren.“

Von Carlo Eggeling

3 Kommentare

  1. Vielerorts finden sich immer mehr intolerante Bürger, die sich teilweise unbegründet gegen alles Mögliche verwehren oder nichts mehr zulassen, teilweise erträgt man Kindergärten nicht, teilweise will man keine Baugebiete, man will keine Feste und Events, in weiten teilen erträgt man jetzt nicht mehr die Duftenwicklung von traditionellen Bäckereien usw. In diesem Fall ist es etwa sanders gelagert, die Anwohner schildern durchaus nachvollziehbar ihre Bedenken oder kommunizieren Kritik, die sicherlich berechtigt ist. die Stadt hat da immer eine nicht ganz so leichte Rolle, auf der einen Seite muss es Priorität haben, dass die Stadt ihre Bürger, die zugleich ja die Auftraggeber sind auch von übermäßigen Gefahren oder Beinträchtigungen schützt. Auf der anderen Seite muss die Stadt viele Aufgaben wahrnehmen sei es die Pflege von Öffentlichen Flächen, die Bereitstellung von Dienstleistungen, die Unterhaltung von kulturellen Einrichtungen usw. Da braucht es Geld und Entwicklung. Daher eine Stadt braucht immer auch Veranstaltungen und muss natürlich immer auch Abwägen zwischen wirtschaftlichen Interessen, die zugleich auch der Stadt und den Bürgern dienen in vielen Fällen. Ich finde es reicht aus Sicht einer Stadt nicht dann bei Kritik auf Presseartikel zu verweisen, die LZ bsp. ist ein geschätztes Medium aber sie ist kein offizielles Element der Stadtverwaltung, also muss die schon auch von sich aus im Vorfeld Bürger informieren und auch einbeziehen. Ich persönlich frage mich auf der einen Seite braucht es dieses Event an der Stelle ? Aber ich frage mich auch wieso nicht ? Dieser weitere Markt kann eine Bereicherung darstellen und die Location dort ist ja auch recht schön. Ich denke man sollte miteinander in den Dialog treten und das ganze Projekt gut planen und auch durch die Stadt begleiten und möglichst darauf achten, dass man die eventuellen Beinflussungen für die Anwohner so gering wie möglich hält. Ich gehe aber auch davon aus, dass die Klientel bzw. der Weihanchtsmarkt vermutlich ruhiger und gesitteter Ablaufen wird als manch regulärer Abend im Feier und Kneipen Viertel.

  2. „…ob sie bei ihren Plänen noch die Einwohner im Blick haben oder eben vor allem die Gäste.“

    Und das ist der springende Punkt , Lüneburg verwandelt sich immer mehr in ein Disneyland- oder passender gesagt in ein Mädgeland.
    Ein- und Anwohner sind nur noch störendes Zierat.

  3. Irgendwie erinnert mich das an Kindergarten. Da gab es auch immer einen destruktiven Miesepeter und Spielverderber der versuchte anderen die Freude an ihren Spielen zu nehmen. Manche nehmen ein solches Verhalten mit bis ins Erwachsenenalter und über ihr ganzes Leben. Individualinteressen und persönliche Empfindlichkeiten werden versucht über das Allgemeininteresse zu stellen.
    Besonders interessant in diesem Artikel zwei Aussagen von dem Beschwerdeführer. 1. Angeblich spricht er für rund zwei Dutzend Anwohner. Warum kommen die dann nicht aus der Deckung und äußern sich ebenfalls öffentlich. Unbekannt und unbenannt ist natürlich komfortabler. Oder sind es vielleicht nicht rund zwei Dutzend?
    2. Zitat: „Wir haben uns bewusst entschieden, hierher zu ziehen mit dem ganzen Leben drum herum.“ Dann muss dem Beschwerdeführer auch bewusst gewesen sein dass er in ein bei Touristen beliebtes Viertel zieht. Hier widerspricht er sich doch selbst.
    Und nicht mal einen Versuchslauf wollen die Anwohner (sind das die rund zwei Dutzend?) gelten lassen. Zitat: „Dann, monieren die Anwohner, hätten sie das Spektakel ja bereits ertragen müssen.“ Oh Gott. Wie schlimm muss auf einem derartigen Weihnachtsmarkt zugehen. Aber nicht mal zu einem Probelauf zeigt man sich bereit, sondern malt lieber den Teufel an die Wand.
    Ich habe eine Meinung und einen Vorschlag dazu. Die Meinung: Egoisten dieser Art haben wir schon viel zu viele. Es müssen nicht noch mehr werden. Mein Vorschlag: Suchen sie sich eine ruhigere Wohngegend die kein Touristenmagnet oder Stadtteil von besonderer Anziehungskraft für Fremde und Feste ist. Frohe Weihnachten! Übrigens ein Fest der Liebe und Versöhnung.