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Aline Henke strahlt nach ihrer einstimmigen Wahl.

Die erste Frau an der IHK-Spitze

Lüneburg. Nach dem fehlgeschlagenen Fusionsversuch mit der IHK Braunschweig legte Olaf Kahle am 12. September sein Amt als Präsident der Industrie- und Handelsk ammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg nieder. Jetzt steht seine Nachfolgerin fest: Die Vollversammlung wählte am Mittwochabend die Hankensbütteler Unternehmerin Aline Henke zur Präsidentin, das Votum fiel einstimmig aus. Henke ist die erste Frau an der Spitze der IHK, die 2016 ihr 150-jähriges Bestehen feierte. Die LZ sprach mit ihr über die neue Herausforderung und über ihre Ziele.

Wo wollen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit setzen?
Aline Henke: Ich will mich für die Attraktivität der dualen Ausbildung einsetzen. Schließlich sind die jungen Menschen als Fachkräfte von morgen unsere Zukunft. In der ganzen Welt wird Deutschland um die duale Ausbildung beneidet, weil sie fundierte berufliche Bildung ermöglicht. Diese Attraktivität und die beruflichen Chancen müssen wir bewerben. Im IHK-Bezirk bilden 3000 Betriebe rund 15 000 Auszubildende aus. Viele Unternehmen bekommen ihre Ausbildungsplätze nicht besetzt, nicht zuletzt aufgrund des Universitäten-Runs. Vor dem Hintergrund, dass etwa 25 Prozent der Studenten ihr Studium nicht beenden, möchte ich mich stark machen für die Entwicklung eines Konzepts zur Beratung von Studien­abbrechern ähnlich dem erfolgreichen Konzept der Ausbildungsbotschafter.

Außerdem möchte ich mich der Wirtschaft 4.0 widmen: Digitalisierung wird immer mehr zum Wachstums­treiber für die Wirtschaft. Ich bin selbst Unternehmerin, weiß, was passiert, wenn einem der Stecker gezogen wird – und gar nichts mehr geht. Deshalb müssen wir als IHK an dem Thema dranbleiben. Und natürlich wird mich die Ausrichtung der IHK beschäftigen. Die Richtung in Kooperation ist durch Beschluss vorgegeben: Wir müssen uns jetzt konkret mit möglichen Kooperationsfeldern auseinandersetzen. Die gemeinsame Interessenvertretung für die A 39 läuft ja sehr erfolgreich. So oder so ähnlich ist dies sicher auch in anderen Bereichen möglich.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie für Wirtschaft und Arbeitnehmer bei der fortschreitenden Digitalisierung der Arbeitswelt?
Die Chancen sind riesig, wir können noch näher an den Kunden heran, können von überall auf der Welt unsere Geschäfte führen und mit Kunden und Lieferanten in Kontakt kommen. Die Digitalisierung schreitet so schnell voran, dass selbst Zukunftsforscher zuweilen von der Realität eingeholt werden. Um morgen noch erfolgreich zu sein, sollten Unternehmen ihre Geschäftsprozesse und Produkte neu denken. Die Herausforderung dieser Tage ist, Antworten zu finden auf Fragen wie: „Ist meine Dienstleistung, mein Produkt 2030 noch wettbewerbsfähig?“ Glaubt man Statistiken, so ist mehr als ein Drittel der Unternehmen in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren von Computersabotage, digitaler Erpressung oder einer anderen Form von Cyberkriminalität betroffen gewesen.

Nach Einschätzung von Experten gibt es eine hohe Dunkelziffer. Viele Fälle werden erst mit großer Verspätung entdeckt. 146 Tage dauert es im Durchschnitt, bis ein Einbruch in Unternehmensserver bekannt wird. Wer glaubt, so etwas passiert nur Dax-Unternehmen wie Beiersdorf, irrt. Mittlerweile kann jedes Unternehmen Zielscheibe einer Cyber-Attacke werden. Der Schaden von Hacker-Angriffen ist enorm. Die Folge: Betriebsunterbrechungen, Rufschädigungen oder Schadensersatzansprüche aufgrund von Lieferengpässen. Die IHK muss hierfür ein kompetenter Netzwerkmanager sein und Beratungsschwerpunkte setzen.

Ihr Vorgänger war wegen des Scheiterns einer von ihm angestrebten Fusion oder – wie es später hieß – Konföderation mit der IHK Braunschweig zurückgetreten. Wie sehen Sie das Thema Braunschweig?
Die Vollversammlung hat Anfang September einen Beschluss gefasst, in dem sie Hauptgeschäftsführung und Präsidium damit beauftragt hat, Kooperationsgespräche mit der IHK Braunschweig zu starten. Die Gespräche bereiten wir vor. Ich war und bin für eine Form der Zusammenarbeit – zum Beispiel im Prüfungs- und Ausbildungswesen beider Kammern. Ich habe den vergangenen Entscheidungsprozess als ergebnisoffen verstanden. Die Mehrheit der Vollversammlungsmitglieder hat sich für die Kooperation entschieden. Deshalb gehen wir jetzt ohne Wenn und Aber in diese Richtung.

Sie sind die erste Frau an der IHK-Spitze. Hat das für Sie eine besondere Bedeutung?
Nein, ich bin nun die 11. von bundesweit 79 Präsidentinnen. Es geht mir nicht darum, Dinge anders zu machen. Ich möchte Dinge gestalten und freue mich auf eine produktive und spannende Zusammenarbeit zwischen Ehren- und Hauptamt.

Von Rainer Schubert

Zur Person

Aline Henke ist Geschäftsführerin der Hankensbütteler Kunststoffverarbeitung GmbH und Co. KG. Sie ist 44 Jahre alt, verheiratet, hat eine achtjährige Tochter. Das Unternehmen kennt sie von Kindheit an, ihr Elternhaus steht nur wenige Meter von dem Bau entfernt. Schon als kleines Mädchen lief sie zwischen den Maschinen hin und her. Die Industriekauffrau bringt heute täglich rund 130 Mitarbeiter auf zwei Kontinenten und die wirtschaftlichen Herausforderungen des Firmenalltags unter einen Hut. Diese Aufgaben hat sie von ihrem Vater übernommen, der das Unternehmen seit 1973 auf Kunststoffspritzguss spezialisiert hat.

Am 1. Januar 2016 wurde sie zur Vizepräsidentin der IHK Lüneburg-Wolfsburg gewählt. Sie war bereits zwischen 2010 und 2012 Gründungsmitglied und Kreisvorsitzende der Wirtschaftsjunioren Gifhorn-Wolfsburg. Außerdem ist sie seit 2006 Mitglied der IHK-Vollversammlung, seit 2011 IHK-Innovationsbotschafterin. Ein volles Programm, das einen vollen Terminkalender mit sich bringt. „Ich engagiere mich gern, weil die Region Gifhorn Mitgestalter braucht. Das IHK-Ehrenamt bietet gute Möglichkeiten, die verschiedenen Meinungen zu den Themen kennenzulernen und kritisch gegeneinander abzuwägen und dann die wirtschaftliche Entwicklung des Kammerbezirks zu unterstützen.“ rast 

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2 Kommentare

  1. Frauenpower! Herrlich!

    Jetzt wird es gewiss nicht mehr lange dauern und Landratsamt, Oberbürgermeisterei, Theaterintendanz, Krankenhaus und LZ-Chefredaktion werden auch die erste Frau in die jeweiligen Spitzenpositionen heben.

    Vielleicht klappt das ja in allen fünf Fällen schon im Januar des kommenden Jahres.

    Vielfach ausgezeichnete Kandidatinnen stehen in jedem Bereich zur Verfügung.

  2. Die gemeinsame Interessenvertretung für die A 39 läuft ja sehr erfolgreich.
    so so, wird die ihk dafür etwa bezahlt? zwangsweise? ja!