Aktuell
Home | Lokales | Studieren in Lüneburg: Mit „Mutti-Zettel“ zur Erstsemester-Party
1500 neue Studenten haben diese Woche ihr Studium an der Leuphana begonnen. Sieben von ihnen sind noch nicht volljährig. Foto: lz/phs

Studieren in Lüneburg: Mit „Mutti-Zettel“ zur Erstsemester-Party

Lüneburg. Es ist ihre erste Woche in Lüneburg, Ajla Skrijelj steht mit ihren Kommilitonen in der Schlange vor einem Lüneburger Club. Drinnen steigt eine der Ers tsemester-Partys, Kontaktbörse und Pflicht für jeden Studienanfänger. Unauffällig beobachtet sie den Türsteher, als sie vor ihm steht, erfüllt sich ihre größte Sorge: Ausweiskontrolle. Sie zieht ihren Personalausweis aus der Tasche, dann der strenge Blick des Türstehers: „Sorry, aber Dich kann ich leider nicht reinlassen.“ Alle Überredungsversuche sind zwecklos – diese Party wird ohne sie stattfinden. Denn Ajla Skrijelj ist erst 17.

Seit der Einführung des Abiturs nach acht statt neun Jahren und dem Ende der Wehrpflicht beginnen immer häufiger Minderjährige ein Studium. Sie sind zwar studier-, aber noch nicht geschäftsfähig. Bereits für das Beantragen ihres Bibliotheksausweises brauchen sie eine Einverständniserklärung der Eltern. Auch auf Partys ist das Feiern nach 24 Uhr für die Campus-Küken nur mit „Mutti-Zettel“ möglich. Probleme, vor denen derzeit auch sieben der 1500 Studienanfänger in Lüneburg stehen.

„Die meisten WG‘s hatten Beschränkungen hinsichtlich des Alters. Da hat mir niemand geantwortet.“
Philipp Holst (17), Student

Philipp Holst wird erst Ende des Jahres 18. Oft geht es nicht ohne die Unterschrift seiner Eltern. Foto: lz/phs

„Hier hast Du ‘ne Milch, die darfst Du Dir auch ohne Perso kaufen“ – ein Spruch, der für Philipp Holst nichts Neues ist. Mit fünf Jahren eingeschult, war er schon immer der Jüngste in seinem Freundeskreis. In diesem Jahr hat er sein Abitur gemacht, im zweiten G8-Jahrgang in Schleswig-Holstein. Pläne, anschließend zum „Work & Travel“ nach Australien zu gehen, scheiterten, „denn dafür muss man 18 sein“. Also doch direkt zum Studium. Mit 17.

An der Leuphana hat Philipp Holst begonnen, Betriebswirtschaftslehre zu studieren, ist dafür von seinem Heimatort Halstenbek im Kreis Pinneberg nach Lüneburg gezogen. Schon die Wohnungssuche gestaltete sich schwierig. „Die meisten WG‘s hatten Altersbeschränkungen ab 18 oder 21. Da hat mir niemand auf meine Anfragen geantwortet“, erzählt er. Dann eben doch alleine wohnen.

Umständlich nur, dass bei jeder Wohnungsbesichtigung seine Eltern dabei sein müssen. „Es wäre alles schneller gegangen, wenn ich das alleine hätte machen können.“ Fündig ist Philipp Holst trotzdem geworden, hat ein kleines Single-Appartment in Bahnhofsnähe bezogen. Das Unterzeichnen des Mietvertrages – war natürlich nur zusammen mit seinen Eltern möglich. Selbst für das Abschließen einer Mitgliedschaft im Fitnessstudio mussten sie für eine Unterschrift rund 70 Kilometer anreisen. „Mein Alter macht vieles umständlicher. Aber so schlimm finde ich das alles jetzt nicht“, sagt er.

Ajla Skrijelj hingegen kann es kaum erwarten, in wenigen Tagen endlich volljährig zu werden. Auch durch ihr Leben zieht sich das Thema „Alter“ wie ein roter Faden. Ebenfalls mit fünf eingeschult, ebenfalls die Jüngste im Freundeskreis, ebenfalls als Minderjährige an der Uni. Ihre Hoffnung: Mit 18 endlich ernster genommen zu werden. „Alle behandeln mich wie ein Kleinkind. Man ist immer das Küken, die süße Maus, auf die alle aufpassen wollen. Klar ist das auch irgendwie schön, aber manchmal nervt es auch.“

Julia Heubel hat als Leiterin der Studienberatung für den Bereich Bachelor ein offenes Ohr für die Lüneburger Studenten. Foto: lz/phs

Die 17-Jährige hat gerade ihr Studium der Ingenieurwissenschaften begonnen – „als Jüngste und als eine von nur sechs Frauen unter rund 70 Männern“, erzählt sie. Täglich pendelt Ajla Skrijelj mit dem Zug rund vier Stunden zwischen ihrem Heimatort Buchholz und Lüneburg. Ihren Führerschein hat sie bereits, nach ihrem 18. Geburtstag freue sie sich vor allem auf die Unabhängigkeit, die das Autofahren ihr bietet. Und natürlich auf die Gewissheit, trotz Ausweiskontrolle in jeden Club gelassen zu werden.

Bundesweit schrieben sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Sommer- und Wintersemester 2015/16 an deutschen Universitäten 3737 Studenten unter 18 Jahren neu ein. An der Leuphana Universität rechneten die Verantwortlichen ebenfalls mit einem deutlichen Anstieg minderjähriger Studenten, doch der große Ansturm blieb aus. Im Wintersemester (WiSe) 2011/12 gab es gerade einmal zwei minderjährige Studenten. Die Höchstzahl lag bei neun Studenten unter 18 Jahren im WiSe 2016/17.

Zuständig auch für die minderjährigen Studenten ist an der Leuphana Julia Heubel, Leiterin der Studienberatung für den Bereich Bachelor. Sie beobachtet seit Jahren eine Tendenz in Richtung möglichst früh, möglichst schnell und möglichst viel. Und regelmäßig sitzen auch fürsorgliche Eltern minderjähriger Studenten mit in der Beratung. Sie sieht allerdings kein Problem darin, so jung schon ein Studium zu beginnen. „Ich bin mir sicher, dass Minderjährige hier nicht untergehen. Bis auf ein paar rechtliche Aspekte aufgrund des Alters treffen sie hier auf die gleichen Bedingungen wie alle anderen.“ Dennoch halte sie es auch nicht für verwerflich, „sich nicht so zu beeilen“, sondern zum Beispiel über einen Auslandsaufenthalt „die Welt und vor allem aber sich selbst kennenzulernen.“

Ajla Skrijelj kann dem frühen Studienbeginn bei allen Nachteilen aber auch etwas Gutes abgewinnen: „Das nimmt mir den Druck im Studium“, sagt sie. „Ich muss mich jetzt nicht stressen. Wenn ich ein weiteres Jahr dranhänge, ist das auch nicht schlimm.“ Außerdem sei man so kurz nach dem Abitur noch voll im Lernmodus. Auch Philipp Holst blickt entspannt in die Zukunft: „Solange ich Freunde habe, für die mein Alter keine Rolle spielt und ich im Studium mitkomme, ist das Alter egal.“
Mit 23 könnten er und Ajla Skrijelj schon den Master in der Tasche haben. Da fangen andere erst an.

Von Patricia Luft