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Bei Entwicklungen im Sanierungsgebiet Kaltenmoor werden die Bürgervertreter mit einbezogen. Herbert Brock engagiert sich seit 1999 in diesem Kreis, Amina Khamis wurde jüngst in den Kreis gewählt. Foto: lz/t&w

Sie kämpfen für Kaltenmoor

Lüneburg. Als der Lüneburger Stadtteil Kaltenmoor entstand, größtenteils zwischen 1966 und 1975, galten Hochhäuser auf engem Raum, Parkpaletten und breite Straß en als fortschrittlich. In den 90er-Jahren wurde jedoch immer sichtbarer, dass es nicht nur bauliche Defizite gab, sondern dass auch auf sozialer Ebene einiges passieren müsste, um das Quartier attraktiver und lebenswerter zu machen. 1999 wurde ein Teil von Kaltenmoor in das Städteförderprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen und Sanierungsgebiet. Genauso lange gibt es dort ehrenamtliche Bürgervertreter, das ist einmalig in Lüneburg. Sie sind Ansprechpartner für die Menschen im Viertel und Sprachrohr gegenüber der Verwaltung. Herbert Brock (83) ist von Anfang an dabei, Amina Khamis (28) wurde jüngst in den Kreis gewählt.

Neuling unter alten Hasen

Beim jüngsten Bürgerforum in Kaltenmoor hatten Oberbürgermeister Ulrich Mädge und Vertreter der Verwaltung die nächsten Planungen für den Stadtteil vorgestellt, darunter die Umgestaltung des Einkaufszentrums (LZ berichtete). Auf der Tagesordnung stand auch die Wahl der Bürgervertreter: Gertrud Sorich, Harald Töwe, Jürgen Beckmann, Wolfgang Prößler und Herbert Brock wurden in ihrem Amt bestätigt, Amina Khamis kam neu hinzu.

Herbert Brock lebt seit 1971 in dem Stadtteil, hat sich ihm von Anfang an „eng verbunden gefühlt“. Für ihn logische Konsequenz, sich gleich 1999 zur Wahl als Bürgervertreter zu stellen. Zuvor habe er schon zur Aktionsgemeinschaft Kaltenmoor gehört, erzählt er. Ein Zusammenschluss von Bürgern, die sich damals noch in privaten Räumen trafen und unter anderem gegen die Fernwärmeversorgung der Fina, „die vielen zu teuer war“, Front machten. Zudem habe er sich damals dann auch schon im Kirchenvorstand von St. Stephanus engagiert.

„Ich bin hier gerne aufgewachsen. Es gibt hier einen guten Zusammenhalt.“
Amina Khamis (28), Bürgervertreterin

Für ihn sei immer wichtig gewesen, dass seine Familie und er sowie alle Bürger sich in Kaltenmoor wohlfühlen konnten und können, sagt Brock. Doch lange mangelte es an Läden, Häuser verkamen, weil die „Neue Heimat“ in die Insolvenz ging und Investmentfirmen mehr Interesse an Mieteinnahmen denn am Erhalt der Gebäude hatten, und es fehlte an Freizeitmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. Im Rahmen des Sanierungsverfahrens wurde viel angepackt: Spielplätze eingerichtet oder umgestaltet, das Jugendzentrum und die Zweigstelle der Ratsbücherei saniert, der St. Stephanusplatz umgestaltet, die Friedrich-Goerdeler-Straße umgebaut. „Wir Bürgervertreter haben das immer aktiv begleitet, werden im Rahmen der Planungen von der Verwaltung eingebunden.“

Einmal im Monat treffen sich die Ehrenamtlichen mit Quartiersmanager Uwe Nehring im Bürgertreff. „Er ist unser erster Ansprechpartner seitens der Stadt. Wir sind froh, dass wir ihn haben, denn ohne ihn könnten wir manche Probleme nicht lösen. Er hat den besten Draht zu allen Vereinen und Organisationen im Viertel“, lobt Brock. Da­ran an schließt sich eine offene Sprechstunde, in der Bürger Prob­leme oder Beschwerden vortragen können, die die Ehreamtlichen gegebenenfalls an die Stadtverwaltung weitergeben.

Nicht mehr Kriminalität als in anderen Vierteln

„Ich bin hier gerne aufgewachsen. Es gibt hier einen guten Zusammenhalt“, sagt Amina Khamis. Ihre Eltern flüchteten vor 31 Jahren aus dem Libanon, sie kam in Deutschland zur Welt. „Als ich sechs Jahre alt war, zogen wir von Amelinghausen hierher.“ Ihr Abitur machte sie an der Herderschule, studierte Betriebswirtschaftslehre und arbeitete unter anderem bei der Ausländerbehörde in Rendsburg. „In Kaltenmoor gibt es eine schöne Vielfalt, Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern mit interessanten Lebensgeschichten“, sagt sie und macht gleichzeitig deutlich, dass es sie ärgert, wenn manchmal der Eindruck entstünde, dass in ihrem Quartier die Kriminalitätsrate höher sei als in anderen Stadtteilen. Dieser Ruf, „der durch keine Statistik belegt ist“, ärgert auch Herbert Brock.

Amina Khamis engagiert sich im Internationalen Frauentreff, einem der vielen sozialen Projekte, die im Rahmen des Sanierungsprogramms entstanden sind. Dort werden Nähkurse, Gesundheitsberatung und eine Mutter-Kind-Gruppe angeboten. Frauen unterschiedlicher Nationalitäten kämen hier in Kontakt und würden Deutsch dabei ganz einfach lernen, hat sie festgestellt.
Über diese Tätigkeit sei sie angesprochen worden, ob sie nicht Bürgervertreterin für den Stadtteil werden wolle. Die 28-Jährige stellt sich gerne der Aufgabe. „Ich möchte eine Brücke bauen zwischen den Migranten und den Behörden, gleichzeitig aber auch all die Neuerungen im Stadtteil an die Menschen mit Migrationshintergrund weitergeben. Denn oft gibt es bei ihnen Informationsdefizite, die für Verunsicherungen sorgen.“

Von Antje Schäfer

Das Programm „Soziale Stadt“ Millionen-Investitionen Das Sanierungsgebiet Kaltenmoor ist etwa 42,6 Hektar groß und hat rund 3700 Einwohner. Zum Vergleich: Im gesamten Stadtteil leben 9508 Einwohner. Rund drei Viertel der Bewohner haben die deutsche Staatsangehörigkeit, dazu kommen Menschen aus rund 80 Nationen. Seit Aufnahme in das Städteförderprogramm „Soziale Stadt“ flossen mehr als 10 Millionen Euro in Maßnahmen, daran beteiligt sind jeweils mit einem Drittel Bund, Land und Kommune.