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Wie sah es in Lüneburg damals aus? Und warum kam die Reformation so spät an? Das neue Multimedia-Projekt der Landeszeitung soll einen Eindruck von der damaligen Zeit vermitteln. Foto: t&w

500 Jahre Reformation: Lüneburg zu Luthers Zeiten

Lüneburg. Für die LZ hat sich der Lüneburger Stadtführer Klaus Niclas in Schale geworfen: Mit brauner Kutte, „Kuhmaulschulen“ und Kordel um die Taille sieht er aus wie ein Franziskanermönch vor 500 Jahren. Denn gleich, wenn die Kamera läuft, ist er Bruder Marianus. Und der versteht die Welt nicht mehr, seitdem die Lutheraner das Sagen haben. Früher, vor der Reformation, war er ein geachteter Mönch im Franziskanerkloster St. Marien, direkt neben dem Rathaus.

Sein Alltag bestand aus Gebet und Sorge für die Armen der Stadt. Doch die Zeiten haben sich geändert – jetzt muss er um seinen Orden fürchten, und später, erzählt er, wird er aus der Stadt gejagt. Es habe Gerüchte gegeben, dass die Franziskaner unzüchtig gewesen seien. Unsinn, wie er befindet, doch an seiner Situation ändert dies nichts.

Die Pfarrer von der Kanzel gesungen

Die Geschichte des frustrierten Franziskanermönchs ist eine von vielen im neuen Multimedia-Projekt der LZ zum Reformationsjubiläum, die jetzt im Internet zu sehen ist. Geschichte digital erlebbar zu machen ist das Ziel: Wie sah das Stadtbild damals aus, wie ging es den Menschen, wo wohnten die Reichen, wo die Armen? Und wie lief die Reformation eigentlich in Lüneburg ab? Noch viele Jahre nach Luthers legendärem Thesenanschlag war Lüneburg eine „gut katholische Stadt“, wie es der Historiker Dr. Uwe Plath ausdrückt.

In den 20er-Jahren des 16. Jahrhunderts sträubte sich der Rat der Stadt, den neuen Glauben zuzulassen, wer trotzdem evangelische Gottesdienste besuchte – es gab sie bereits in Lüne und Bardowick – hatte mit Strafen zu rechnen. Doch immer mehr Lüneburger forderten lutherische Gottesdienste innerhalb Lüneburgs Stadtmauern, und 1530 erhielten sie sie. Plath führt die Zuschauer auch in die Nicolai-Kirche, dort soll angeblich der erste protestantische Gottesdienst stattgefunden haben. Dem steht der Historiker jedoch skeptisch gegenüber. Sicher ist aber: Im März 1530 haben die Lüneburger im Gottesdienst den Pfarrer von der Kanzel gesungen. Und mit welchem Lied, verrät in der Multimedia-Präsentation der heutige Kantor der Kirche, Stefan Metzger-Frey.

St. Nicolai ist auch für Wolfgang Graemer von Bedeutung. Der Lichtkünstler hat in stundenlanger Arbeit die Baugeschichte der Wasserviertel-Kirche rekonstruiert und detailgenau dreidimensional animiert. So erfährt man, dass das Gotteshaus ursprünglich deutlich größer geplant war. Doch ging der Stadt kurz vor Baubeginn das Geld aus, die Kirche musste kleiner werden. Und auch der Turmbau ließ lange auf sich warten, die Dauerbaustelle ist sogar auf einem Altarbild zu sehen. Ein bisschen Libeskind-Bau schon im mittelalterlichen Lüneburg.
Doch Wolfgang Graemers größtes Projekt ist eine Zeitsprung-App, die es ermöglichen soll, längst aus dem Stadtbild verschwundene Gebäude wiederauferstehen zu lassen – mithilfe des Smartphones.

Die App zeigt, wie das Altenbrückertor einst aussah

Graemer orientiert sich dabei an den Darstellungen in historischen Stadtansichten und den Aufzeichnungen des Ludwig Albrecht Gebhardi. Er lebte im 18. Jahrhundert und war seines Zeichens Lehrer an der Ritterakademie und Historiker. Von vielen Gebäuden des alten Lüneburgs fertigte er Skizzen an, für Forscher der Stadtgeschichte ein großer Schatz. Zwar sind diese Aufzeichnungen etwa zwei Jahrhunderte jünger als die Renaissance – „doch das Stadtbild hat sich wenig verändert in der Zwischenzeit“, weiß Graemer.

Und so wird den Nutzern der App hoffentlich bald das Altenbrückertor auf dem Handy erscheinen, wenn sie es in der Nähe des Museums gen St. Johannis halten. Wann die App fertig sein soll? „Im Laufe nächsten Jahres sind wir so weit.“

Eine Reise in die Vergangenheit

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