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Superintendentin Christine Schmid (r.) und die Jubiläumsbeauftragte Pastorin Silke Ideker mit einem großen Lego-Luther haben etliche positive Erkenntnisse aus den Veranstaltungen gewonnen. Die Person Luther allerdings sehen sie nicht nur positiv. Foto: lz/be

Ziele der Kirche zum Reformationstag: Mehr Miteinander wagen

Lüneburg. Die Veröffentlichung von Martin Luthers 95 Thesen jährt sich morgen, Dienstag, zum 500. Mal. Das Jubiläum wird weltweit gefeiert, der Reformationstag ist in Deutschland in diesem Jahr gesetzlicher Feiertag. In Lüneburg läuten die Kirchenglocken dann um 15.17 Uhr und um 16.48 Uhr – die Zeiten haben Symbolcharakter, denn im Jahr 1517 wurden die Thesen in Wittenberg angeschlagen, 1648 wurde der Westfälische Frieden geschlossen, Fundament der Religionsfreiheit und Basis für die Ökumene.

Der zentrale „Festgottesdienst in ökumenischer Weite“ der Stadtkirchen beginnt morgen um 17 Uhr in der Lüneburger St. Johanniskirche. Es wird nach Thesen für die heutige Zeit gefragt, dazu gibt es Bläser-Klänge, Chormusik, eine Thesenpredigt des Landessuperintendenten, anschließend Lutherschmaus bei Brot und Bier.

Christine Schmid, Leitende Superintendentin des Kirchenkreises, sagt: „Das Besondere an diesem Reformationsjubiläum ist, dass es das erste ist, das in ökumenischer Gemeinschaft gefeiert wird. Vom Versöhnungsgottesdienst im Frühjahr an zog sich die Übereinstimmung über die gemeinsamen Wurzeln und Zukunftsaufgaben durch das Festjahr.“

Eine zweite Besonderheit war, dass die evangelische Kirche das Reformationsjahr mit einem breiten Netzwerk von Institutionen und Personen geplant hat. Kloster, Theater, Museum, Volkshochschule, Künstler, engagierte Laien – vielfältig wurden Aspekte der Reformation inszeniert und bedacht: „So konnten sehr viele Menschen Zugänge zum Thema finden.“

200 Veranstaltungen zum Luther-Jubiläum

Rund 200 Veranstaltungen wurden auf die Beine gestellt, aus denen die Kirche Schlüsse für ihre künftige Arbeit ziehen kann. Pastorin Silke Ideker, Beauftragte für das Reformationsjubiläum im Kirchenkreis, hat die Veranstaltungen koordiniert, sie sagt: „Eine große Chance der Kirche ist es, Menschen zusammenzubringen, über Grenzen von Generationen, Milieus und Kir-chenzugehörigkeit hinweg. Es geht darum, die Türen offen zu halten und mehr Miteinander zu wagen.“ Angekommen sei bei vielen Menschen auch die reformatorische Grundeinsicht, dass jeder Mensch selbst die Kirche mitgestaltet und nicht auf „die da oben“ wartet.

Das stimmt die Superintendentin zuversichtlich: „Je mehr Beteiligung wir ermöglichen, desto engagierter sind die Menschen. Das war deutlich bei den Mitsingangeboten in St. Michaelis, den Experimentiergottesdiensten in der Wandelkirche St. Nicolai oder den Wortprojekten zur Bibel in St. Johannis. Auch der interreligiöse Dialog gehört zu den Zukunftsthemen Kirche. Es ist unser christlicher Auftrag, einen Beitrag zur interkulturellen Verständigung und zum Frieden zu geben.“ Das große Reformationstor vor St. Johannis zum Beispiel war dazu eine gute Möglichkeit, wo Touristen, Lüneburger und Geflüchtete zusammen über die Motive auf den Bildern rätselten und dabei ins Gespräch kamen.

Silke Ideker rief auch das Thesentüren-Projekt ins Leben. In 32 Gemeinden und Einrichtungen – auch in der katholischen St. Marienkirche – konnten Gläubige ihre Gedanken und Wünsche festhalten und veröffentlichen. Dabei gab es Formulierungen in verschiedenen Sprachen, die zeigten, dass Kirche viele Kulturen anspricht. Ideker greift der Auswertung ein wenig vorweg: „Die Ethik in der globalen Welt nahm einen großen Bereich ein – mit dem Wunsch nach gutem Zusammenleben im Multi-Kulturellen.

Alle wollen Frieden und der müsse bei einem selbst anfangen.“ Die Werte für gutes Miteinander spielten in allen Generationen eine große Rolle. „Aber die Menschen haben auch ein großes Bedürfnis nach Spiritualität.“ Mehr Stille in einer lauten Welt, schöne Kirchenmusik in unterschiedlichen Richtungen und konkrete Nächstenliebe wurden häufig genannt.

Lüneburg zu Luthers Zeiten — eine virtuelle Reise

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Luthers Haltung zum Judentum ist erschreckend

Immer wieder ging es auch um die Rolle Martin Luthers. Christine Schmid: „Er ist uns einerseits fremd. Seine Haltung zum Judentum oder Weltbild sind heute erschreckend und nicht nachvollziehbar. Aber es gibt auch erstaunliche Aktualität Luthers: Seine Sprache zum Beispiel kann immer noch ergreifen. Auch betonte er die Mündigkeit des Einzelnen, die heute wieder sehr wichtig ist. Er kämpfte für die Erkenntnis, dass der Wert des Menschen unabhängig von seinem Einkommen oder Leistungsvermögen ist. Heute eine wesentliche christliche Begründung für die unantastbare Würde jedes Menschen.“

Was aus dem Reformationsjahr für die Zukunft der Kirche abzuleiten ist, dazu werden morgen im Festgottesdienst in St. Johannis weitere Gedanken zu hören sein. rast

Festreigen zum Jubiläum „500 Jahre Reformation“

  • Lüneburg, St. Michaelis, 9.56 bis 15.17 Uhr: Kinderreformationstag für Grundschüler mit Stationenparcours, Workshops, Spielen, Basteln, Theater und mehr. Abschlussgottesdienst um 14.15 Uhr mit den Familien.
  • Stapel, Kirchengemeinde, 10 Uhr: Reformationsgottesdienst.
  • Bardowick, Dom, ab 11 Uhr: „Lutherdom“ mittelalterlich geprägtes Gemeindefest mit mittelalterlichen Zelten, Kunst, Handwerk, Bühnenprogramm mit Musik, Schiffschaukel, Kutschfahrten, Ponyreiten und vielem mehr. Erstellt wird das Bardowicker Markusevangelium. Das Musical „Maaartin“ beginnt um 16 Uhr im Dom. Ausklang mit Laternenumzug.
  • Lüneburg, Psychiatrische Klinik, 11 Uhr: Reformationsbrunch für Patienten.
  • Bleckede, St.-Jacobikirche, 11 Uhr: Festgottesdienst mit dem Jacobi-Chor und weiteren Musikern, anschließend „Futtern wie bei Luthern“.
  • Scharnebeck, St. Marien, 14 Uhr: Pilgermarsch ab der Kirche zum Reformationsgottesdienst nach
  • Lüneburg. An einigen Stationen unterwegs spielt der Posaunenchor Lieder der Reformation.
  • Lüneburg, 15.17 und 16.48 Uhr: Glockenläuten der Innenstadtkirchen und von St. Marien Scharnebeck zu 500 Jahre Reformation und als Dank für den ökumenischen (Westfälischen) Friede.
  • Lüneburg, Kreuzkirche, 15.17 Uhr: Reformationsandacht am Steinway-Flügel mit Pastor Bernd Skowron.
  • Lüneburg, Städtisches Klinikum, Raum der Stille, 15.30 Uhr: Lesung mit Musik für Patienten.
  • Lüneburg, Friedenskirche, Wichernstraße, 16 Uhr: Mittelalterfest für Kinder mit Mitmachaktionen, Bastel- und Schmiedearbeiten, Feuerkatapult und Stockbrot am Lagerfeuer. Zum Finale gibt es um 19 Uhr eine Feuerschluckershow.
  • Lüneburg, St. Johannis, 17 Uhr: Zentraler Festgottesdienst in ökumenischer Weite.
  • Embsen, Katharinenkirche, 17 Uhr: Festgottesdienst der Gemeinden Betzendorf und Embsen zum Thema „Was kostet die Gnade Gottes? Können wir sie kaufen oder bezahlen?“. Danach gibt‘s einen deftigen Reformationsschmaus
  • Reppenstedt, Kirche, 17 Uhr: „Heute vor 500 Jahren“, mit Posaunenchor.
  • Lüneburg, Paulusgemeinde, 18 Uhr: „Credo & Croissant“, Andacht zur Reformation.
  • Adendorf, Kirche, 18 Uhr: Musikalische Andacht zur Reformation.
  • Artlenburg, St. Nicolai, 18.30 Uhr: „mittendrin – Extra“, musikalische Andacht mit Lesungen von Heaven Eleven.
  • Deutsch Evern, Martinuskirche, 19 Uhr: Der Film „Katharina Luther“ wird auf Großbildleinwand gezeigt, anschließend Gespräche bei Lutherbier, alkoholfreien Getränken und Laugengebäck.