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Es ist nicht einfach, wenn ein Ausländer und eine Deutsche heiraten wollen. Im Standesamt müssen Susanne Twesten und ihre Mitarbeiter eine Menge Rechtsfragen klären – auch im Ausland. Foto: lz/t&w

Interkulturelle Ehe nur mit Amtshilfe

Lüneburg. Wenn das Herz hüpft, denkt keiner an Formalien. Doch wenn einer der Liebenden keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, kann im Standesamt aus dem „H immel hoch jauchzend“ vorübergehend ein „zu Tode betrübt“ werden – denn im Zweifel müssen eine Menge Unterlagen herangeschafft werden. Das kann Monate dauern. In Lüneburg wurden im vergangenen Jahr 54 Ehen mit ausländischer Beteiligung geschlossen. Für die Leiterin des Bürgeramtes, Susanne Twesten, und die Standesbeamten schon einmal eine heikle Aufgabe. Sie lächelt und sagt: „Wir kommen hoffentlich immer zu dem richtigen Ergebnis.“

Ist das Paar überhaupt ehefähig?

Die Standesbeamten prüfen bei allen Paaren zunächst dasselbe: die Ehefähigkeit. Die Hochzeiter müssen Personalausweis oder Reisepass vorlegen, dazu eine Abschrift aus dem Geburtenregister, eine Meldebescheinigung, und sie müssen – falls nötig – nachweisen, dass sie eine vorhergehende Ehe aufgelöst haben.
Wer ausländische Wurzeln besitzt, benötigt dafür ein „Ehefähigkeitszeugnis“ seines Landes. „Das ist die Erlaubnis des Heimatlandes, dass derjenige genau denjenigen oder diejenige heiraten darf“, erklärt Susanne Twesten. „Aber nicht alle Staaten stellen so eine Bescheinigung aus oder sie entsprechen nicht unseren Standards.“ Die Bundesrepublik will so Bigamie, eine Doppelehe, vermeiden.

Beim Oberlandesgericht in Celle besteht eine Abteilung, die in unklaren Fällen quasi eine Ausnahmegestattung ausstellen kann. In der Sprache des Amtes klingt das so: Die Behörde beschäftigt sich mit der Frage, ob sie eine „Befreiung von der Beibringung des Ehefähigkeitszeugnisses erteilen kann und prüft das Vorliegen der Ehefähigkeitsvoraussetzungen“. Wenn beispielsweise eine Russin erneut den Bund fürs Leben schließen will, muss sie ihr Scheidungsurteil im Original samt einer beglaubigten Übersetzung vorlegen. Es kann auch um religiös-rechtliche Aspekte gehen. Etwa wenn ein Libanese seine Frau nach muslimischen Ritus verstoßen hat, wird nach möglichen Papieren geforscht, die das OLG in Celle anerkennen muss.

Amtshilfe aus Kabul erforderlich

Eine Herausforderung sind Heiratswillige aus Afghanistan. „Da benötigen wir die Tazkira“, erklärt die Behördenchefin, die vor 25 Aktenordnern „Eheschließungen im Ausland“ sitzt, fast beiläufig. Für Nicht-Fachleute: Die Tazkira ist vergleichbar mit einem Stammbuch, darin sind Name, Geburtsdatum und der Personenstand vermerkt. Klar muss alles übersetzt vorgelegt werden. Da im angeblich sicheren Herkunftsland Afghanistan die Verwaltung nicht überall funktioniert, ist es schwierig, an die Tazkira zu gelangen.

„Liegt sie endlich vor, muss sich noch ein Urkundenüberprüfungsverfahren im Rahmen der Amtshilfe durch die deutsche Botschaft anschließen, doch diese ist seit Juni 2017 geschlossen“, sagt Susanne Twesten. „Das Urkundenüberprüfungsverfahren ist also zurzeit ausgesetzt. Für pakistanische Staatsangehörige sieht es da besser aus.“

Die Diplomaten versuchen, entsprechende Dokumente zu besorgen oder Verwandte des Betreffenden als Zeugen für dessen Angaben zu finden. Die Kosten zahlt das Brautpaar. Für Pakistan ist die „Kostenübernahme“ mit 300 Euro veranschlagt.

In einem Formblatt heißt es zudem: „Für alle Unterlagen, die lediglich in der pakistanischen Landessprache Urdu verfasst sind, muss zusätzlich eine englische oder deutsche Übersetzung übersandt werden.“

Ein halbes Jahr auf Antwort warten

„Wir haben auch Urkunden, die wir in Vietnam, Sri Lanka und insbesondere auch in westafrikanischen Staaten überprüfen lassen müssen“, erzählt Susanne Twesten. Die Lüneburger schreiben die dortigen deutschen Vertretungen an: „Es dauert schon mal ein halbes Jahr und länger, bis wir Antworten bekommen.“
Immer wieder geht es auch um religiöse Verbindungen. „In einigen Ländern wie im Libanon ist eine Handschuh-Ehe möglich“, nennt die Behördenleiterin ein Beispiel. „Man kann heiraten, ohne vor Ort zu sein.“ Vollmachten regeln, wer eine Erklärung für Gattin oder Gatte abgibt. Auch solche Dokumente können rechtsgültig werden.

Die Standesbeamten kennen noch andere Spezialitäten. In den USA werden auch Fragen zur Gesundheit und möglichen Geschlechtskrankheiten erhoben. In Togo zeigt sich das Personenstandsrecht noch ziselierter als zwischen Flensburg und Fürstenfeldbruck. „Das hat mich erstaunt“, erzählt Susanne Twesten. „Aber ein Mann aus Togo hat mir erklärt, warum es so ist.“ Togo war zwischen 1884 und 1914 eine deutsche Kolonie: „Die Deutschen haben Vorschriften mitgebracht, die Togolesen haben noch etwas draufgesattelt.“
Weil Bürokratie eine Prüfung für hüpfende Herzen sein kann, entschließt sich manches Paar, sich in Dänemark das Ja-Wort zu geben. Für Susanne Twesten eine bedingt schlaue Entscheidung: „Man schiebt nur etwas auf. Denn wenn es irgendwann ums Erben oder nach einer Scheidung um Versorgungsansprüche geht, muss man das alles nach deutschem Recht klären.“

Es kann einem auch gehen wie dem Paar, das sich filmreif in Las Vegas ins Eheglück werfen wollte: „Die sprachen nicht gut Englisch. Sie haben uns ihre Heiratslizenz gezeigt. Das war allerdings nur ein Antrag auf eine Eheschließung. Sie haben dann hier noch einmal geheiratet.“

Von Carlo Eggeling

Es gilt das Recht aus aller Welt: Eine schwierige Geburt

Eheschließungen mit weltweiter Beteiligung haben die Mitarbeiter an der Bardowicker Straße begleitet: Die Niederlande, Polen und Georgien waren ebenso Thema wie Brasilien, Kanada, Mexiko, Ägypten und Nepal.

Alles in allem rund zwei Dutzend Staaten. Doch nicht nur hier ist Expertise gefragt. Wenn Kinder ausländischer Eltern in Lüneburg geboren werden, stellt sich eben auch die Frage, welchen Status Vater und Mutter besitzen. Das ist inzwischen bei nahezu jeder fünften Geburt der Fall. Im vergangenen Jahr recherchierten die Standesbeamten in 352 Fällen.