Mittwoch , 26. September 2018
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Hauptgefreiter Justin Kämper (l.) bespricht mit einem Offizier der Pioniere die letzten Details, bevor die Fahrzeuge der Lüneburger Aufklärer die Schwimmschnellbrücke über die Weser überqueren. Foto: lz/kre

Lüneburger Aufklärer üben für den Ernstfall — Die LZ war dabei

Lüneburg. Oberstleutnant Michael Hoppstädter steht an der Verladerampe in der Theodor-Körner-Kaserne – und wartet. Seit Stunden schon stehen die Fahrzeuge des Aufklärungslehrbataillons 3 „Lüneburg“ fest verzurrt auf den Waggons. Bereit zur Abfahrt.

Dass der Militärtransport trotzdem nicht wie geplant aus der Kaserne in Richtung Minden rollen kann, liegt nicht an den Aufklärern, sondern an der Bahn. Die kommt mit den Loks und den Mannschaftswagen zu spät in der Kaserne an, und dann gibt es auch noch Probleme mit den Arbeitszeiten der Lokführer. Die Folge: stundenlanger Stillstand.

Die Soldaten nehmen die Zwangspause mit Humor. „Die Hälfte seines Lebens wartet der Soldat vergebens“, dichtet ein Oberstabsgefreiter. Die Kameraden lachen. Doch dieser Vorfall bestätigt im Kleinen, was aktuell ein Geheimbericht der Nato kritisiert: Er zeichnet das Bild eines Bündnisses, das nicht in der Lage ist, einen Angriff aus Russland abzuwehren. Weil es seine Truppen nicht rechtzeitig in Stellung bringen könnte. Weil es unter anderem an Bahnwaggons fehle, heißt es.

Stabilisierung statt Verteidigung

Seit Jahrzehnten wird der Bundeswehr von der Politik eine Schrumpfkur verpasst. Einen Grund für diese Entwicklung sehen Militärexperten darin, dass es für die Politik in den zurückliegenden Jahren vor allem darum ging, abzurüsten und die vermeintliche „Friedensdividende“ zu kassieren. Mit dem Fall der Mauer und dem Ende des Warschauer Paktes, so die Hoffnung, sollten Kriege und bewaffnete Konflikte in Europa endgültig der Vergangenheit angehören.

„Übungen zeigen auf, was schon gut funktioniert und wo noch nachgelegt werden muss.“
Michael Hoppstädter, Oberstleutnant

Und mit der neuen Sicherheitslage änderte sich auch das Aufgaben- und Einsatzspektrum für die Lüneburger Aufklärer: Nicht mehr die Heimat- und Bündnisverteidigung stehen primär im Fokus, sondern weltweite Stabilisierungsaufträge: „Aufklärer waren auf dem Balkan, in Afghanistan und in Mali im Einsatz“, listet Hoppstädter auf.

Die neuen Herausforderungen fern der Heimat bestimmen inzwischen die Einsatzgrundsätze: „Bei Stabilisierungs-Missionen zeigen unsere Soldaten bewusst Präsenz und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Sicherheit“, erläutert der Kommandeur der Lüneburger Aufklärer. Das aber entspricht nicht dem Selbstverständnis und dem Auftrag der Aufklärer: „Viel sehen ohne selbst gesehen zu werden“, so beschreibt Hoppstädter den eigentlichen Job seiner Soldaten.

Militärische Fertigkeiten, die in der Hintergrund rückten

Während in Afghanistan oder Mali die Soldaten ihre Fahrzeuge zu Wagenburgen formieren, um sich vor Angriffen zu schützen, würde diese Verteidigungstechnik gegen eine hochgerüstete Armee wenig bringen. Da zählen andere militärische Fähigkeiten, die in den vergangenen Jahren freilich in den Hintergrund geraten sind.

Etwa der Transport eines großen Verbandes mithilfe der Bahn, das Einfließen der Truppe in sogenannte Verfügungsräume, das Überwinden eines Gewässers mit Hilfe einer Kriegsbrücke, Betanken der Fahrzeuge unter Gefechtsbedingungen und schließlich der Kolonnenmarsch – um nur einige Herausforderungen zu nennen.

Auch das wollen die rund 200 Aufklärer üben, die mit ihrem Kommandeur an der Verladerampe in der TKK stehen. Vier Tage soll das Training dauern, unterstützt werden die Lüneburger von 50 Soldaten des Bataillons 932 für Elektronische Kampfführung (EloKaBtl) aus Frankenberg/Eder. Bewegt werden mehr als 80 Fahrzeuge – vom Lkw über das gepanzerte Spähfahrzeug „Fennek“ bis zum „Wolf“, der militärischen Variante des Mercedes G-Modells.

Erinnerung an den Kalten Krieg

Die Übung erinnert an die großen Herbstmanöver zu Zeiten des Kalten Krieges. Dass ein Bataillon außerhalb der Übungsplätze fast schon mit Volltruppe im Straßenmarsch unterwegs ist, hat heute Seltenheitswert. Und das stellt die militärischen wie auch die zivilen Autofahrer gleichermaßen vor Herausforderungen. Denn was offenbar nur noch wenige Verkehrsteilnehmer wissen: Für die Bundeswehr gilt das Kolonnenrecht. Das bedeutet, dass die Militärfahrzeuge auch rote Ampeln ignorieren dürfen, damit die Kolonne nicht auseinandergerissen wird.

Soweit die rechtliche Situation, die Realität sieht anders aus. Neuralgische Punkte sind und bleiben Kreuzungen, an denen ungeduldige Autofahrer Soldaten wie den 26-jährigen Oberstabsgefreiten Christopher Wulf ein ums andere Mal auf die Probe stellen und schnelle Reaktionen abverlangen. Zum Glück aber bleiben Unfälle aus, niemand wird verletzt. Alle Soldaten und Fahrzeuge erreichen am Ende der Übung wohlbehalten wieder die Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg. Auch, weil die Aufklärer defensiv fahren, mehr als nur einmal auf ihr Kolonnenrecht verzichten.

So ungeduldig mancher Pkw-Lenker im Verkehr auf die Fahrzeuge im Flecktarn-Anstrich reagiert, so fasziniert zeigen sich Hobby-Fotografen und sogenannte „Spotter“ von der Militärkolonne aus Lüneburg. Vor allem der Gewässerübergang an der Weser ist ein beliebter Fotografen-Treffpunkt: Hier bauen die Soldaten des schweren Pionierbataillons 130 aus Minden mithilfe ihrer Schwimmschnellbrücke Amphibie M3 in kürzester Zeit eine Brücke über den Strom, über die dann die 80 Fahrzeuge der Aufklärer rollen.

„Was wir hier leisten ist einzigartig“

Das Kommando vor Ort hat Pionier-Oberleutnant Wladimir Antonow. Der 26-Jährige hat bei den Pionieren seinen Traumberuf gefunden: „Was wir hier leisten ist einzigartig“, sagt er selbstbewusst. „Das kann niemand anderes.“ Rad- und Kettenfahrzeuge mit einem Gewicht von bis zu 78 Tonnen können Dank der Amphibie problemlos an das andere Ufer gelangen.

„Die viertägige Übung ist Teil der VJTF-Ausbildung“, erklärt Kommandeur Michael Hoppstädter. Die Abkürzung steht für „Very High Readiness Joined Task Force“ . Denn ab 2018 gehören 380 Soldaten des Aufklärungslehrbataillons 3 zur schnellen Eingreiftruppe an der Nato-Ostgrenze, die innerhalb weniger Tage einsatzbereit sein soll.

Grund dafür ist , dass sich die Sicherheitslage erheblich verändert hat. Vor drei Jahren annektierte Russland die Krim und führt seitdem Krieg in der Ukraine. Die osteuropäischen Nato-Staaten fühlen sich von ihrem Nachbarn massiv bedroht und erwarten von ihren Verbündeten militärische Hilfe.

Als Antwort auf die russische Bedrohung wurde 2014 auf dem Nato-Gipfel in Wales beschlossen, Kampfeinheiten nach Polen, Litauen, Lettland und Estland zu schicken. „Es geht darum, die Ostflanke der Nato zu sichern, quasi einen Stolperdraht im Baltikum zu spannen“, erklärt Oberstleutnant Hoppstädter.

Auch der Kommandeur weiß, dass wenige Tausend Nato-Soldaten etwaigen Expansionsbestrebungen wenig entgegenzusetzen hätten. Schließlich stünden Russland alleine im Militärbezirk West 60 000 Soldaten und 650 Kampfpanzer zur Verfügung. Aber darum gehe es nicht: „Wer Nato-Soldaten angreift, greift die gesamte Nato an“, erklärt Hoppstädter das Modell der Abschreckung. Er nennt es „effektives Drohen für den Frieden.“

Nato-Übung in Norwegen im Herbst 2018

Der Blick der Lüneburger Aufklärer geht in den nächsten drei Jahren vor allem Richtung Osten und Norden: Schon im kommenden Herbst werden sie an einer großen Nato-Übung mit mehr als 6000 Soldaten in Norwegen teilnehmen. Dann kommen auch die Erfahrungen zur Anwendung, die die Lüneburger während ihrer viertägigen Verlege-Übung nach Minden gesammelt haben. Und bis dahin, so hoffen die Soldaten, hat auch die Bahn ihre Lektion gelernt: Damit die Aufklärer bei der nächsten Verlege-Übung nicht wieder stundenlang tatenlos auf die Züge warten müssen.

„Aber dazu sind Übungen da“, zieht Oberstleutnant Michael Hoppstädter zum Abschluss ein insgesamt zufriedenstellendes Resümee: „Sie zeigen auf, was schon gut funktioniert und wo noch nachgelegt werden muss.“

Von Klaus Reschke