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Direkt an der Bundesstraße 216 kurz hinter der Lüneburger Kreisgrenze steht das Jagdschloss Göhrde. Bis 2008 war es die Heimat der Heimvolkshochschule. Nun steht es augenscheinlich leer und verfällt. Foto: lz/t&w

Was geschieht mit dem Göhrde-Jagdschloss?

Göhrde. Thomas Stegemann seufzt, wenn er vom Jagdschloss spricht. „Das ist ein Trauerspiel“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde Göhrde, „einfach nur frustrierend.“ Seit Jahren stehen die Gebäude der einstigen Jagdresidenz des Kaisers augenscheinlich leer, frisst sich der Verfall mit jedem Jahr tiefer in die historischen Fassaden, vergeht kein Dorffest, bei dem Stegemann nicht auf die Zukunft der Schlosses angesprochen wird. All seine eigenen Bemühungen zur Rettung des Baudenkmals sind bisher vergeblich gewesen. Und die Behörden stehen dem Fall entweder machtlos gegenüber oder sehen zum aktuellen Zeitpunkt keinen Grund für ernsthafte Konsequenzen.

Schuld an dem Dilemma gibt Stegemann vor allem dem Land Niedersachsen. „Die haben das Schloss 2005 verkauft, ohne der neuen Eigentümerin entsprechende Auflagen zu machen“, sagt er. Kritik, die das zuständige Ministerium für Wissenschaft und Kultur zurückweist mit dem Hinweis, „dass in dem seinerzeit abgeschlossenen Kaufvertrag ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass es sich bei mehreren Gebäuden der Liegenschaft ‚Jagdschloss Göhrde‘ um Einzeldenkmale im Sinne des § 3 Abs. 2 Niedersächsisches Denkmalschutzgesetzes (NDSchG) handelt“. Das wiederum schließe die Pflicht zum Erhalt der Gebäude ein. „Im vorliegenden Fall obliegt es dem Landkreis Lüchow-Dannenberg als untere Denkmalschutzbehörde gegebenenfalls tätig zu werden.“

Das allerdings klingt einfacher, als es ist. Die zuständige Denkmalpflegerin Kerstin Duncker versucht seit Jahren, Kontakt zur Eigentümerin des Jagdschlosses, Sieglinde Gränzer als Kopf der „Politik & Projektmanagement Göhrde GmbH und Co. KG“, aufzunehmen. Vergeblich. „Und da es bisher keine Möglichkeit gegeben hat, die Gebäude zu betreten, ist der Kreisverwaltung über den Zustand der Gebäude im Inneren nichts bekannt“, erklärt Duncker. Von außen lässt nach Ansicht der Architektin zunächst nichts auf einen Verfall der Gebäude schließen. Glaubt man allerdings den Gerüchten, sieht es im Inneren des Schlosses anders aus. Dort soll schon seit Jahren nicht mehr geheizt worden sein, das Wasser bereits von den Wänden laufen.

„Die haben das Schloss 2005 verkauft, ohne der neuen Eigentümerin entsprechende Auflagen zu machen.“
Thomas Stegemann, Bürgermeister von Göhrde

Bestätigt sich ein drohender Verfall des Schlosses, gibt es laut Duncker nach Paragraf 23 NDSchG die Möglichkeit, entsprechende „Anordnungen“ zu treffen, die Eigentümerin in allerletzter Konsequenz sogar zu enteignen. „Das alles erfolgt allerdings nur in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege als beratende Fachbehörde und dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur“, erklärt Duncker. Beide Stellen seien informiert, sehen aber offenbar keinen akuten Handlungsbedarf. „Und ohne die Mitarbeit und Kommunikation mit dem Eigentümer ist ein denkmalpflegerisches Zielkonzept nicht zu erarbeiten“, sagt Duncker. „Selbst der Zutritt zum Grundstück müsste verwaltungsrechtlich durchgesetzt werden.“

Auch für die LZ ist die Eigentümerin bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen. Im Oktober 2013 äußerte sich Sieglinde Gränzer zuletzt in einem Bericht über die Zukunft des Jagdschlosses, erklärte darin unter anderem, dass die Heizung aus Kostengründen im Winter aus bleibe. Die großen Pläne von einem „transnationalen Bildungszentrum, einer Akademie für europäisches, soziales Unternehmertun“ schienen schon damals verpufft. Als Grund dafür nannte sie unter anderem den jahrelangen Streit mit dem früheren Mieter des Jagdschlosses, der Heimvolkshochschule. Dadurch habe man viele „Unterstützer und Investoren“ verloren.

Bleibt die Frage: Wie geht es weiter mit dem Jagdschloss Göhrde? Bleibt es so lange ungenutzt, bis ein Verfall unaufhaltsam ist? Thomas Stegemann hofft auf eine andere Lösung. „Ich habe aktuell einen Kaufinteressenten für das Jagdschloss, der möchte ernsthaft etwas daraus machen“, sagt er. Doch um der aktuellen Schlossherrin ein Angebot zu unterbreiten, müsste der Bürgermeister sie erreichen. „Und daran scheitert es Moment“, sagt er.

Von Anna Sprockhoff

Rückblick: Kaiserliche Jagd, Streit, Zwangsräumung

Das Jagdschloss hatte 1706 der hannoversche Kurfürst Georg Ludwig in Auftrag gegeben, damals der größte Barockbau der Region. 1827 wurde das eigentliche Schloss abgerissen, einzig der Marstall und ein Kavaliershaus wurden wieder instandgesetzt.

Das Eigentum der Anlage ging 1871 an den Deutschen Kaiser, der einige größere Umbauten und Erweiterungen vornehmen ließ. Zuletzt jagte hier 1913 mit einer großen Gesellschaft Kaiser Wilhelm II. 2005 verkaufte das Land Niedersachsen aus Gründen „der sparsamen Haushaltsführung“ das Jagdschloss Göhrde für rund 30 000 Euro an die private Eigentümerin, die „Politik & Projektmanagement Göhrde GmbH und Co. KG“.

Damals hatte die Heimvolkshochschule ihren Sitz im Jagdschloss, war seit 1946 dort Mieterin. Eine gemeinsame Nutzung der Räumlichkeiten scheiterte nach dem Verkauf, die neue Eigentümerin erhob eine Räumungsklage gegen den Verein, der Streit endete nach einem juristischen Tauziehen mit einer Zwangsräumung.