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Das Neubaugebiet Schießgrabenstraße: Um 1880 begann dort die Bebauung. Damals war es eine Flaniermeile, Linden säumten die Straße. Foto: nh

Historischer Spaziergang auf alter Flaniermeile

Lüneburg. Auf die Lage kommt es an. Das wusste der gut situierte Stadtmensch schon vor 130 Jahren. Wer was auf sich hielt, der wohnte nicht irgendwo, sondern in bevorzugter Lage. Schließlich wollte man zeigen, was man hatte. Als der Wall im Osten der Stadt Lüneburg um 1880 abgetragen worden war, um Schienen für die Eisenbahn Platz zu machen, entstand ein Neubaugebiet in feinster Lage – mit einer (zunächst nicht ganz so) schicken Promenade.

Denn so, monierte Stadtarchivar Wilhelm Reinecke, böte „das völlig veränderte Stadtbild… eine trostlose Ansicht“. Und die Lüneburger Anzeigen regten im Jahr 1885 an, dass im neuen Lösegraben, der von einem Spazierweg gesäumt wurde, zur Erheiterung der Spaziergänger „Schwimmvögel“ leben sollten: „Wohlhabende Anwohner könnten dort Schwäne halten“.

Tür an Tür mit einem Promi

Die Historikerin Anneke de Rudder und der Stadtarchäologe Dr. Edgar Ring hatten am vergangenen Sonntag zu einem historischen Spaziergang auf Lüneburgs ehemaliger Flaniermeile von der Wandrahm- über die Schießgrabenstraße bis hin zum Schifferwall eingeladen – und waren vom großen Andrang schier überwältigt. Rund hundert interessierte Zuhörer waren ins Museum gekommen, wo sie zunächst einem lockeren Vortrag der beiden Experten lauschten. Gut ein Drittel machte sich anschließend auf einen gemeinsamen Spazierweg über die einstige Lindenallee.

Anneke de Rudder hält eine historische Stadtansicht hoch, während Prof. Dr. Edgar Ring die Veränderungen der Gebäude in den vergangenen 130 Jahren erläutert. Foto: lz/sel

Teilnehmer ergänzen spannende Details

Viele der Teilnehmer konnten zusätzliche spannende Details zu Lüneburgs Stadtgeschichte liefern. Nicht nur die Privatklinik Saucke gründete sich 1926 im Haus Nummer 4 an der Schießgrabenstraße, weiter südlich gab es mit der staatlichen Entbindungsklinik ein weiteres Geburtshaus – allerdings für Kassenpatientinnen. Überhaupt hatten sich hier, auf Lüneburgs neuer Promenade, zahlreiche Ärzte niedergelassen. Auch berühmte Namen wie Heyn (Zement), Frederich (Hofweinhändler), Reichenbach (Fassfabrik), Fräulein Stamer (Molkerei), Louis und Anna Heinemann und Robert Heinemann, ältester Sohn des Bankiers Marcus Heinemann, Crato (Weinhandlung) hatten prachtvolle Häuser, die zumeist im Stile der Neorenaissance erbaut waren, bezogen.

Dank Fred-Jürgen Hullerum, der auch an der Führung teilnahm, konnte sich die Gruppe einen Eindruck vom einst recht feudalen Leben hinter den schmucken Fassaden machen. Denn der Rechtsanwalt, der seit 1983 im Haus Nr. 11 an der Schießgrabenstraße lebt und arbeitet, lud die Truppe kurzerhand in seinen Garten, der einen Zugang zur Ilmenau hat, und sein Haus ein. Man wohnte vorzugsweise im ersten Stockwerk, die repräsentativen Räume lagen allesamt zur Straße hin und waren durch Doppelschwingtüren miteinander verbunden, sodass man „richtig lustwandeln konnte“, erläuterte Fred-Jürgen Hullerum.

1880 war das erste Haus, 1891 das Museum erbaut worden und nach und nach kamen in nördlicher Ausrichtung weitere Bauten hinzu, die Synagoge (1894 erbaut) bildete den Schlusspunkt dieser gediegenen Häuserzeile. Eines der prachtvollsten Gebäude hatte sich 1937 die NSDAP einverleibt, Gauleiter Otto Telschow hatte hier für kurze Zeit einen repräsentativen Sitz; 1944 wurde gegenüber der Bunker gebaut.

Dass eine Häuserzeile eine derart reiche Stadtgeschichte zu erzählen vermag, haben de Rudder und Ring Adressbüchern zu verdanken, durch die sie sich gearbeitet haben. In ihnen ist akribisch verzeichnet, wer Eigentümer oder Mieter war und mit welcher Profession. Häufig kam es vor, dass Privatiers in einem Haus mit Fräuleins residierten, oder Kommerzialräte Tür an Tür mit Referendaren lebten – und das war für die Zeit um 1890 recht modern.

Von Silke Elsermann