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In der Wassermühle in Neetze wird schon lange kein Getreide mehr gemahlen, vielmehr dient die Einrichtung der Stromgewinnung. Die Umnutzung ist nun auch Gegenstand eines Anwohner-Streits. Foot: lz/t&w

Neetze: Streit um eine nasse Wiese

Neetze. Den Blick auf ihre Pferdeweide empfindet Irmtraud Cordes alles andere als erfreulich. Denn die Hofwiese an der Von-Estorff-Straße in Neetze erinnert m ehr an ein Feuchtbiotop als an eine Pferdekoppel. Große Teile des Grüns stehen fast ganzjährig unter Wasser. Enten und Gänse finden das gut. Irmtraud Cordes weniger. Und sie glaubt auch zu wissen, wer Schuld hat an der der Teilüberflutung ihres Eigentums.

Als vermeintlichen Hauptverursacher hat sie die historische Wassermühle der Familie Schalski ausgemacht. Im 19. Jahrhundert wurde die Mühle als Öl- und Walkmühle genutzt. Heute erzeugt sie Strom. Problem: Damit die Turbine Wasserkraft in elektrische Energie umwandeln kann, muss die Neetze angestaut werden. Doch über die Höhe der Staumarke streitet Cordes mit den Mühlenbesitzern Uwe und Erika Schalski.

Landkreis begrenzt den Wasserstand

Familie Schalski besitze das Staurecht, die amtlich eingemessene Staumarke betrage 18,04 Meter über Normal Null (NN), erklärt Kreissprecherin Katrin Holzmann. Allerdings habe der Kreis den Mühlenbesitzern aufgegeben, nicht mehr als 17,93 Meter über NN aufzustauen, also unterhalb der eingemessenen Staumarke zu bleiben. Klingt viel, ist es aber nicht. Uwe Schalski erklärt: „Der Wasserstand, den wir aufstauen, beträgt real von der Sohle aus gemessen 80 Zentimeter.“ Damit bleiben die Schalkis sogar unter der vom Landkreis erlaubten Stauhöhe.

Erika Schalski fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt: Sie und ihr Mann sehen wohl die teilüberflutete Wiese von Irmtraud Cordes. Doch im Gegensatz zu ihrer Nachbarin glauben sie nicht, dass sie die Verursacher der „Seenplatte“ sind. Im Gegenteil: „Wir sind auf Frau Cordes zugegangen, haben uns kompromissbereit gezeigt. Wir stauen noch nicht einmal so viel auf, wie wir dürfen.“ 

Die Hofwiese von Irmtraud Cordes steht dauerhaft unter Wasser, als Pferdekoppel ist das Areal fast nicht mehr zu nutzen, ärgert sich die Neetzerin. Foto: lz/kre

Die beiden Mühlenbesitzer sehen andere Ursachen für die nasse Pferdewiese. Uwe Schalski zieht alte Bücher und Ansichten über die Neetze hervor: „Sehen Sie“, sagt er und deutet auf historische Aufnahmen, auf denen unter anderem auch ein großer Mühlenteich zu sehen ist. Der ist inzwischen deutlich kleiner geworden, im Vergleich zu früher fast nicht mehr vorhanden. „Aber das Wasser muss ja trotzdem irgendwohin“, gibt der Berufsschullehrer zu bedenken.

Einen zweiten Teich, der auf den alten Karten noch eingezeichnet ist, gibt es gar nicht mehr – der Karpfenteich, der einst auf dem Areal der Familie Cordes lag. „Der wurde seinerzeit zugeschüttet“, weiß Schalski. Ob sich das Wasser nun unterirdisch andere Wege sucht? Ausschließen will er das nicht. Auch die Flächenversiegelung Neetzes durch neue Baugebiete trägt nach Meinung der Schalskis zum Hochwasserproblem bei.

Gespräche noch ohne Erfolg

An eine gütliche Lösung glaubt Erika Schalski inzwischen nicht mehr. Vielmehr fürchtet sie, dass es das Ziel sei, die Mühle stillzulegen. „Aber das werden wir nicht tun“, sagt das Ehepaar Schalski. „Denn letztlich sind nicht wir das Problem.“

Auch beim Landkreis ist man nicht der Meinung, dass das Aufstauen der Neetze zur Stromgewinnung die einzige Ursache für die nasse Wiese ist. „Deshalb wollen wir mit allen Beteiligten reden und nach Lösungen suchen“, sagt Sprecherin Katrin Holzmann. Schließlich habe auch der Landkreis großes Interesse an einer Neetze, die keine Probleme bereitet: „Uns liegt sehr an der ökologischen Durchlässigkeit des Gewässers“, sagt Holzmann , „genauso, wie am Erhalt der Mühle als Kulturgut.“
Deshalb hat es bereits einige Gesprächsrunden mit Vertretern der Gemeinde Neetze und den Beteiligten gegeben, bislang jedoch ohne Erfolg. Denn die Handhabung der Staurechte wirft juristische Fragen auf (siehe Info-Box), auch zweifelt Irmtraud Cordes die aktuelle Staumarke an.

Zweifel, die Neetzes Altbürgermeister Heinz Hagemann teilt: „Die alte Staumarke ist seinerzeit bei den Sanierungsarbeiten verschwunden, nicht auszuschließen, dass der Landkreis bei Erteilung der aktuellen Markierung einen Fehler begangen hat“, mutmaßt der 65-Jährige und fügt hinzu: „Ich kann mich nicht erinnern, dass in früheren Jahrzehnten die Hofwiese so unter Wasser stand.“

Für Hagemann verursacht die Verlandung des Mühlenteichs die aktuellen Probleme. „Früher ist der Teich einmal in der Woche abgelassen und sauber gemacht worden“, erinnert er sich.
Gleichwohl hofft der Kreis noch auf eine Lösung. Die Neetze gar nicht mehr zu stauen, ist für den Fachdienstleiter Umwelt, Stefan Bartscht, keine Option: „Eine Mindeststauhöhe wird es immer geben müssen.“ Anderenfalls wäre mit gravierenden Folgen für Umwelt, Straßen und Gebäude zu rechnen.

Von Klaus Reschke

Hintergrund: Staurecht

Das Staurecht ist ein sogenanntes „altes Recht“, das mit dem Bau einer Mühle vergeben wurde – in der Vergangenheit zum Mahlen von Getreide. Mit dem Kauf der Neetzer Wassermühle ist auch das Staurecht für den Fluss zum Betrieb der Mühle auf die Familie Schalski übergegangen.

So wie in Neetze, werden inzwischen viele Mühlen im Landkreis Lüneburg zur Stromgewinnung eingesetzt. Anwohnerin Irmtraud Cordes kritisiert, dass sie zur Umnutzung des Staurechts als Anwohnerin hätte gehört werden müssen und verweist auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts Minden.

Darin heißt es: „Wird eine Mühle nicht mehr zum Mahlen von Getreide, sondern auf andere Weise privat genutzt, ist die Nutzung der Wasserkraft nicht mehr zulässig.“ Der Kreis indes interpretiert das Wassergesetz so: „Ändert sich der Stauzweck prüfen wir als Landkreis, ob das Staurecht zu widerrufen ist“, sagt Stefan Bartscht, Fachdienstleiter Umwelt. Und genau diese Prüfung laufe derzeit.