Dienstag , 18. September 2018
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"Die begriffe Privatsphäre und Datenschutz lösen sich gerade auf", sagt Prof. Dr. Bernard über das Nutzungsverhalten digitaler Medien. Foto: Archiv t&w
"Die begriffe Privatsphäre und Datenschutz lösen sich gerade auf", sagt Prof. Dr. Bernard über das Nutzungsverhalten digitaler Medien. Foto: Archiv t&w

Die fröhliche Überwachung

Der Lüneburger Kulturwissenschaftler Andreas Bernard spürt dem Phänomen nach, warum wir Daten freiwillig preisgeben. Von seinen Ergebnissen berichtet er im LZ-Interview der Woche.

Prof. Dr. Bernard, haben Sie im Internet auch ein Profil, und wenn ja, welche Daten geben Sie da von sich preis?
Prof. Dr. Andreas Bernard: Ich habe keine A hnung, wieviele Profile von mir existieren. Ich bin bei Facebook, mehr auch nicht. Aber da ich schon mal bei Amazon eingekauft habe, wird es auch dort ein Profil von mir geben. Und wenn ich mein Smartphone aktiviert habe, hinterlasse ich auch Spuren im digitalen Netz – ob ich will oder nicht. Früher musste man Dinge unternehmen, um in etwas hineinzukommen. Heute muss man sich „entnetzen“.

Untersucht unseren Umgang mit persönlichen Daten im Netz: Prof. Dr. Andreas Bernard.
Foto: Andreas Labes

Zur Person:
Prof. Dr. Andreas Bernard (Foto: Andreas Labes/nh), geboren 1969 in München, ist Professor am „Center for Digital Cultures“ der Leuphana Lüneburg und schreibt für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. In seinem aktuellen Buch „Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur“ (S. Fischer) zeigt er auf, dass Profile in den sozialen Medien und die Selbstortung auf dem Smartphone aus der Kriminologie, der Psychologie und dem Militärwesen entsprungen sind. Er stellt die wichtige Frage, warum die Mehrheit der Menschen heutzutage freiwillig Geräte und Verfahren nutzt, die bis vor kurzem noch dazu verwendet wurden, um Verbrecher und Wahnsinnige dingfest zu machen. Weitere Bücher von ihm heißen „Kinder machen. Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie“ und „Die Geschichte des Fahrstuhls. Über einen beweglichen Ort der Moderne“.

In Ihrem neuen Buch stellen Sie ernüchternd fest, dass wir heute Technik benutzen, die zum einen durch das Militär entwickelt wurde, zum anderen aus der Kriminalistik stammt. Können Sie ein Beispiel geben ?
Bernard: Navigationssysteme im Auto basieren auf GPS – eine Erfindung des amerikanischen Militärs, die ursprünglich dazu diente, feindliche Raketen zu lokalisieren. Im Jahr 2000 wurde dieses System der Öffentlichkeit freigegeben, um damit Geld zu verdienen. GPS ist ja längst auch ein wesentliches Werkzeug von Smartphones. Und was die Kriminalistik angeht: Früher bekamen Verbrecher eine elektronische Fußfessel angelegt, damit man ihren Standort überwachen konnte. Diese Aufgabe übernimmt ebenfalls das Smartphone, es verrät unseren Aufenthaltsort. Schauen Sie sich die Smartwatch von Apple an: Die erfüllt nicht nur dieselbe Funktion wie eine Fußfessel – die sieht auch genauso aus, viele „Fußfesseln“ wurden nämlich am Arm angebracht. Wir geben Geld für ein Statussymbol aus, das eigentlich ein Überwachungsgerät ist.

Das Thema Daten war schon oft Zankapfel.

Durch die GPS-Funktion orientiere ich mich aber nicht nur in der Fremde, sondern hinterlasse auch viele Spuren. Ich stelle mir einen dicken, Chips essenden Amerikaner auf der anderen Seite des Atlantiks vor, der vor riesigen Bildschirmen sitzt und verfolgt, wie Herr Müller erst ein Stundenhotel aufsucht und dann seinen Psychiater. Und das jeden Montag um 13 Uhr. Mit diesem Wissen ist Herr Müller ja fast schon erpressbar.
Bernard: Und bemerkenswert ist, dass diese Informationstechnologie innerhalb weniger Jahrzehnte von einer bedrohlichen Kraft – siehe Militär, siehe Kriminalistik – zu einem ganz neuen Werkzeug wurde, das viele Menschen als individuelle Befreiung ansehen. Diese Technik löst kein Unbehagen mehr aus. Der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler formulierte einmal, dass Unterhaltungselektronik „Missbrauch von Heeresgerät“ sei. Interessant ist übrigens die Überlegung, was passieren würde, wenn das US-Militär die GPS-Funktion, die an 32 Satelliten gekoppelt ist, der Öffentlichkeit wieder entziehen würde.

Wenn es um das Thema Daten geht, war die Würde des Menschen schon öfter ein Zankapfel. Beispiel Volkszählung 1987.
Bernard: Da war die Empörung groß: Es gab Bombenattentate auf Verwaltungsgebäude, in denen die Fragebögen lagerten! Die vielleicht intimste der 33 Fragen auf dem Formular lautete: Wie weit ist ihr Weg von der Wohnung zur Arbeit…

Heute geben die Menschen wesentlich mehr von sich preis…
Bernard: Das ruft Erstaunen in mir hervor und war der Impuls für meine Recherche. Menschen, die sich an die Zeit der Volkszählung erinnern, verbinden damit die damalige Angst vor dem gläsernen Menschen, der durchschaut und erfasst wird. Die Angst war auch damit verbunden, dass große Computer große Datenmengen verarbeiten, die vom Staat genutzt werden können. Es war die Zeit der ersten Rasterfahndung der Polizei mit Computern, und die Menschen hatten das Gefühl, wie Verbrecher behandelt zu werden. War die Volkszählung vielleicht nur ein Vorwand des Staates? Heute hat man den Eindruck, dass die Menschen zu der Zeit an einer Art Massenparanoia gelitten haben müssen. Denn heute geben wir täglich das 100-fache an Information preis – und tun das in der Regel ohne Angst. In Berlin gibt es mittlerweile einen Biomilch-Hersteller, der „gläserne Molkerei“ heißt – das Attribut wird heute nicht mehr negativ angesehen, sondern als ethisches Gütesiegel. Und Volkszählungen rufen heute nicht mehr die leisenste Spur von Widerstand hervor. Der letzte Zensus im Jahr 2011 in Deutschland wurde völlig geräuschlos durchgeführt. Wobei man sagen muss, dass zumindest junge Menschen gerade einen erstaunlich souveränen Umgang mit all diesen Medien entwickeln und ein fast instinkthaftes Gespür dafür haben, was sie preisgeben und was nicht.

In Netzwerken werden die Menschen munter aufgefordert, ein Profil von sich anzulegen. Auch ein Begriff aus der Kriminalistik…
Bernard: Ja, das ist schon erstaunlich: Profile waren früher Schwerverbrechern vorbehalten, die Fahndungsarbeit der Ermittlungsbehörden sollte dadurch erleichtert werden. Der Begriff ist derselbe geblieben, aber heute gibt es Profile von uns allen, obwohl wir gar kein Verbrechen begangen haben. Aber das Erstellen von Profilen hat auch einen handfesten Grund: Früher beendete man die Schule und hatte dann ein oder zwei Jobs bis zur Rente. Das ist heute anders: Es gibt immer weniger langfristige Festanstellungen. Also gilt es, sich auf Jobplattformen zu präsentieren und zu zeigen: Seht her, das bin ich, das kann ich, ich bin gut geeignet für den Job. Es ist notwendig geworden, sich als attraktives Objekt zu präsentieren.

Wer nicht in Netzwerken registriert ist, gilt als auffällig.

Wobei Profile auch zu ganz anderen Zwecken genutzt werden.
Bernard: Eine britische Kommunikationsagentur hat mithilfe von Profilanalysen Wahlkampf betrieben, indem sie individuell zugeschnittene Facebook-Botschaften verschickte und damit einen Teil dazu beigetragen haben soll, Donald Trump zum Präsidenten zu machen. Das sind natürlich Entwicklungen, die man genau im Auge behalten und untersuchen muss.

Abgesehen davon, dass Berufsanfänger sich von ihrer besten Seite zeigen wollen: Woher kommt dieses Mitteilungsbedürfnis?
Bernard: Ich habe darauf keine eindeutige Antwort. Smartphones oder soziale Netzwerke drücken das Verlangen nach Kommunikation und Austausch und Gemeinschaft aus. Dafür nehmen wir in Kauf, dass wir ständig überwacht werden. Dabei hat diese Überwachung nichts Bedrohliches mehr, sondern es ist der Reiz des fröhlichen Miteinanders, der für die Menschen im Vordergrund steht. Sie sind ja nicht blöd oder naiv. Es muss etwas geben, was sie diese Überwachung in Kauf nehmen lässt. Es wirkt so, als ob sie auf etwas warten. Heute schauen wir zigmal auf unser Smartphone und checken eingegangene Nachrichten. Und wer heute nicht in Netzwerken registriert ist, gilt als auffällig. Gegebenheiten verschieben sich: Bestellte man früher eine Pizza über das Internet, galt das als Indiz akuter Vereinsamung. Heute ist es ein urban-mobiler Lifestyle …

Zurück zur Kriminalistik. Lügendetektoren scheinen ja auch einen Weg in die Privatsphäre genommen zu haben.
Bernard: Mit Lügendetektoren haben Polizei und Justiz versucht, Verbrecher zu überführen, indem Herzschlag, Blutdruck oder Schweißabsonderung gemessen werden. Mit mechanischen Schrittzählern wurden vor 100 Jahren Tatorte unter die Lupe genommen. In der heutigen Zeit gibt es Armbänder, die diese Funktionen übernehmen: Sie messen den Puls und zählen unsere Schritte. Wenn Sie bei einer bestimmten Versicherungsgesellschaft Kunde sind, können Sie der Übermittlung dieser Daten zustimmen. Der Anreiz: Verhalten Sie sich laut Armband gesund und sportlich, sammeln Sie Bonuspunkte und sparen Geld beim Beitrag.

Begriffe wie Privatsphäre und Datenschutz lösen sich auf.

Wobei es auch hier scheinbar um Gemeinsamkeit geht.
Bernard: Sie werden dazu angehalten, mit Freunden in den Wettbewerb zu treten: Wer hat heute die meisten Schritte zurückgelegt? Das Schrittezählen – von der Psychoanalyse Sigmund Freuds Anfang des 20. Jahrhunderts als neurotische Störung betrachtet – ist heute also zu einem spielerischen Vergleich geworden. Wobei es auch hier um Daten geht, die von dem Konzern präzise ausgewertet werden. Und wenn Sie demnächst bei einer großen Supermarktkette einkaufen, werden die Lebensmittel gescannt und an die Versicherung übermittelt. Wenn es gesunde Lebensmittel sind, bekommen Sie einen Bonus. Das ist keine Science Fiction, sondern wird im Rahmen des Versicherungsprogramms „Generali Vitality“ 2018 Realität. Beim Thema Gesundheit hat es in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin eine Verschiebung gegeben. Früher waren Brust- oder Darmkrebs Schicksalsschläge, die demütig akzeptiert wurden. Heute fragt man: Warum hat die Person nicht vorgesorgt? Ich finde, das hat etwas Bedrückendes.

Das bedeutet, dass sich auch der Begriff der Privatsphäre wandelt.
Bernard: Ich glaube sogar, dass sich Begriffe wie Privatsphäre und Datenschutz gerade auflösen. Sie entstanden unter Bedingungen, die heute nicht mehr gegeben sind. Was ist Privatsphäre noch, wenn man das Intimste in ein soziales Netzwerk schreibt?

Veranstaltungstipp: Andreas Bernard ist kommenden Mittwoch, 15. November, um 20.30 Uhr im Lüneburger „Blaenk“ (Lünertorstraße 20) zu Gast und wird mit einem Kollegen über sein Buch sprechen.

Von Thorsten Lustmann