Dienstag , 25. September 2018
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Schauspielerin Anjorka Strechel sucht für ihren Film „4 Wände“ noch Unterstützer und Drehorte in Lüneburg. Foto: lz/t&w

Nachwuchsregisseurin dreht über Hikikomori

Lüneburg. Johanna ist das, was man „Hikikomori“ nennt. Seit sechs Jahren hat sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen, mit der Welt draußen will sie am liebsten gar nichts mehr zu tun haben. Ihr Leben hat sie so eingerichtet, dass es funktioniert. Fast. Denn plötzlich steht die Polizei vor der Tür, die Heizung ist kaputt, Johanna muss raus. So beginnt der Film, in dem die Lüneburger Schauspielerin Anjorka Strechel nicht nur die weibliche Hauptrolle spielt, sondern erstmals auch Produzentin ist und Regie führt. Und auf Unterstützung für ihr Debüt-Projekt hofft.

Impulse setzen und Fragen aufwerfen

„Ich möchte mit dem Film Impulse setzen, Fragen aufwerfen, die gesellschaftliche Entwicklung spiegeln und so eine Diskussion in Gang setzen“, sagt Anjorka Strechel. Denn so ungewöhnlich, wie die Geschichte von Johanna zunächst anmutet, ist sie nicht. Das Zurückziehen von Menschen aus der Gesellschaft ist ein Prozess, der Ende der 90er-Jahre erstmals von dem japanischen Psychologen Tamaki Saito beschrieben wurde und seitdem als „Hikikomori-Phänomen“ bezeichnet wird. Mehr als eine Million Menschen sollen es allein in Japan sein, die den Weg der selbstgewählten Isolation wählen. Auch in Deutschland wird Hikikomori, was etwa „die Zurückgezogenen“ bedeutet, inzwischen wahrgenommen.

„Meine Frage ist: Brauchen wir überhaupt noch andere Menschen oder können wir mittlerweile alles durchs Internet bestellen?“, hinterfragt Anjorka das Thema. Doch mit ihrem Film, der den Titel „4 Wände“ trägt und auf einem Bühnenstück von Daniel Klaus basiert, will sie nicht nur auf das Phänomen aufmerksam machen, sie zeigt auch, dass es Wege gibt, sich daraus wieder lösen zu können. Im Film hilft dabei Jerry Kwarteng, der unter anderem schon beim „Tatort“ und bei den „Roten Rosen“ vor der Kamera stand. In „4 Wände“ spielt er den Polizeipsychologen Jens, der es schafft, das Vertrauen von Johanna zu finden und sie aus ihrer Abgeschirmtheit herauszuholen.

Großraumbüro als Dreh­ort gesucht

Seit April arbeitet die Lüneburgerin an dem Film, der vornehmlich in Berlin gedreht wurde. Dort sind die meisten Dreharbeiten bereits abgeschlossen, bis Ende November sollen auch die letzten Außen-Drehs und die Postproduction beendet sein. Außerdem sucht Anjorka Strechel für eine Szene noch ein geeignetes Großraumbüro als Dreh­ort in Lüneburg. Ihren fertigen Film will die Lüneburgerin dann internationalen Filmfestivals anbieten.

Doch bis dahin braucht Anjorka Strechel noch finanzielle Unterstützung mittels Crowdfunding. „Es fehlen rund 2000 Euro“, sagt die 35-Jährige, etwa die Hälfte der Kosten, die bei der Produktion des 30-minütigen Kurzfilms anfallen. Die besonders niedrigen Produktionskosten erklärt Anjorka so: Schauspieler und Produktionsteam arbeiten unentgeltlich oder, wie sie sagt: „Ehrenamtlich. Denn wir verfolgen kulturelle wie soziale Ziele für einen friedlichen Umgang miteinander.“ Gleichwohl fielen Kosten für Technik, Kostüme, Lizenzrechte oder auch Catering an.

Wer den Film unterstützen möchte, kann dies online über die Crowdfunding-Plattform www.startnext.com tun. Allerdings läuft die Zeit, denn der noch fehlende Betrag muss bis Ende November eingegangen sein. „Damit ist auch gewährleistet, dass das Geld auch tatsächlich dem Projekt zugute kommt“, sagt Anjorka Strechel, die unter der E-Mail-Adresse 4waendefilm@gmail.com gern auch Angebote für die noch benötigten Drehorte in Lüneburg entgegen nimmt.

Von Ulf Stüwe