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Anwohner im Wasserviertel lehnen die Pläne der Stadt Lüneburg ab, einen Weihnachtsmarkt am Alten Kran zu etablieren. Kneipenbesucher, Touristen, Rote-Rosen-Filmdrehs -- den Anliegern am Stint reicht es. Foto: lz/t&w

Weihnachtsmarkt in Lüneburg: Der Stint protestiert

Lüneburg. Vordergründig ging es um den geplanten Weihnachtsmarkt am Alten Kran, doch eigentlich ist das Vorhaben von Wirt Matthias Ellinger nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Bei einer Anwohnerversammlung am Mittwochabend schlug Stadt und Wirt große Ablehnung entgegen.

Gerüche, Dauerbeschallung, noch mehr Menschen und Gedränge, ungeklärte Sicherheitsfragen und die Sorge, dass Wildpinkler ihre Häuser beschmutzen – das sind einige der Themen, die rund ein Dutzend Anwohner sowie zwei Vertreter des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt (ALA) umtreibt. Eigentlich wollen sie keinen Markt, doch Dezernent Markus Moßmann sagte: „Es gibt eine klare Zielrichtung, die Stadt hat die Fläche für drei Jahre an Herrn Ellinger vergeben, mit der Option für zwei weitere Jahre.“

Hanseatisches Ambiente am Stintmarkt

Wie berichtet, hat die Stadt den Bereich am Fischmarkt im Rahmen des Konzepts Weihnachtsstadt ausgeschrieben. Ellinger erhielt den Zuschlag, auf gut 500 Quadratmeter Fläche Stände aufzustellen. Er möchte dort vom 29. November bis zum 23. Dezember ein hanseatisches Ambiente schaffen: Spezialitäten, Kunsthandwerk und Weihnachtsgeschichten. Dafür arbeitet er überwiegend mit lokalen Kollegen sowie Baumkuchen-Bäckern aus Salzwedel zusammen. Ursprünglich waren zwölf Buden genehmigt worden, Ellinger will als Konzession an die Nachbarn nur acht aufbauen.

„Die Stadt hat die Fläche für drei Jahre an Herrn Ellinger vergeben.“
Markus Moßmann, Dezernent der Stadt

Anwohner wie das Ehepaar Dr. Carola und Christoph Rudnick, das rund zwei Dutzend Anlieger vertritt, hatten in einem Brief und einem Gespräch mit der LZ deutlich gemacht, dass sie mit den Gegebenheiten ihres Viertels leben, aber durchaus belastet sind: das Nachtleben des gegenüberliegenden Stints mit grölenden Besoffenen, lauten Motorrädern, weggeworfenen Essensresten, dazu ständig Touristengruppen, die Kran und Kaufhaus anschauen, obendrein Dreharbeiten der Roten Rosen, bei denen mit Scheinwerfern in ihre Häuser geleuchtet wird. Der Markt sei einfach zu viel. Mehrere Nachbarn haben inzwischen einen Anwalt eingeschaltet.

Entscheidung ohne Beteiligung der Bürger

Die Entscheidung sei ohne Beteiligung der Bürger gefallen, monierten mehrere Anlieger. Sie hätten davon aus der LZ erfahren. Moßmann und Ordnungsamtschef Joachim Bodendieck entgegneten, die Diskussion, die Fläche „zu beleben“, laufe seit 2012. Der Wirtschaftsausschuss habe öffentlich getagt, vor der Sitzung bestehe die Möglichkeit für Bürger, Fragen zu stellen.

Das empfanden die Anwohner als Hohn: Wer besuche einen Ausschuss oder lese ein Amtsblatt? Eine direkte Ansprache habe gefehlt, Dr. Carola Rudnick: „Das ist nicht ausreichend.“
Die Toilettenfrage soll mit dem Hotel Bergström gelöst werden. Dessen neuer Direktor Pa­tric von Buttlar sagte der LZ, er sei „grundsätzlich bereit“, in der Lüner Mühle die Toiletten für Gäste des Marktes zu öffnen. Details sollten noch besprochen werden. Moßmann hatte klargestellt, dass der Markt nicht an den WCs scheitern werde.

Auch Sicherheitsaspekte habe die Stadt im Blick. Zudem bezweifelte er, dass tatsächlich Massen die Straßen blockieren würden: „Wenn es voll ist, gehen die Leute weiter.“
Wirt Matthias Ellinger sagte zu, dass es Ansprechpartner vor Ort geben werde. Zudem werde ein Sicherheitsdienst auch im Umfeld präsent sein. Die Geruchsbelastung werde nicht allzu stark sein: „Ich arbeite mit Lüneburger Gastronomen zusammen, die produzieren die Ware in ihren Läden vor.“

Anwohner begrüßten generell, dass es zum Gespräch gekommen ist. Sie wünschen sich, dass der Markt anderswo stattfindet, etwa am Museum oder im Park am Schifferwall. Carola Rudnick schloss nicht aus, vor das Verwaltungsgericht zu ziehen, um den Markt zumindest in Zukunft abzuwenden.

Von Carlo Eggeling

Weihnachtsmarkt im Kronen-Hof: Eine Frage der Größe

Auch auf dem Hof der Krone an der Heiligengeiststraße soll es vorweihnachtlich zugehen. Allerdings haben die Veranstalter, Matthias Ellinger und Wirt Lutz Stoffregen, Probleme. Sie haben eine mehr als 100 Qua­dratmeter große Hütte aufgebaut, in der sie schon die Nacht der Clubs feiern wollten.

Die Stadt machte dem Duo einen Strich durch die Rechnung: „Wir müssen eine Baugenehmigung nachreichen.“ Das sei bei „fliegenden Bauten“ der Fall, wenn sie größer als 75 Qua­dratmeter sind. Im Rathaus stellt Sprecher Daniel Gritz formal klar: „Es muss eine Gebrauchsabnahme durchgeführt werden.“

Das bedeutet, dass Fragen des Brandschutzes geklärt werden müssen, Anfahrtswege für Feuerwehr und Rettungsdienst spielen eine Rolle. „Wir haben empfohlen, einen Architekten einzuschalten“, sagt Gritz. Das haben die Wirte gemacht und sind guter Dinge, die Auflagen zu erfüllen. ca

Die Marketing-Sicht: Adventszeit als Umsatzbringer

Marketing-Chef Claudio Patrik Schrock-Opitz will mit der Weihnachtsstadt „Tausende zusätzliche Besucher“ in die Stadt locken: „Eine funktionierende Weihnachtsstadt ist für den Handel die fünfte Jahreszeit.“ Geschäfte und Gastronomie müssten in dieser Zeit „Speck ansetzen“, um überleben zu können.

Gerade angesichts der Konkurrenz durch das Internet „begrüßen wir zusätzliche Attraktionen im historischen Ambiente“. Zumal Reisebus-Unternehmen beklagten, man brauche neue Anreize. Der seit 2011 laufende Markt an der Johanniskirche habe sich aus deren Sicht schon abgenutzt, der Klassiker vor dem Rathaus sei Routine: „Es fehlt etwas Neues.“

Anwohner wandten ein, man könne die bestehenden Veranstaltungen überarbeiten. Und nach dieser Logik sei der Markt am Kran auch relativ schnell langweilig und man bräuchte einen neuen. ca

12 Kommentare

  1. Ich habe Verständnis für die Anwohner. Lüneburg verkommt immer mehr zu einer Art Disneyland, es geht nur noch um die Vermarktung des pittoresken Stadtbildes. Unsere Stadt ist keine Puppenstube!

  2. Die Sache ist schon ein bisschen schwierig. Es stehen sich hier gesamtheitliche Interessen und Einzelinteressen von Anwohnern gegenüber. Die Stadt muss im Interesse des Gemeinwohles agieren und immer das Ziel haben möglichst etwas für die Stadt und somit deren Bürger zu tun. Jetzt kann und darf man dennoch auch einzelne Interessen der Bürger nicht übergehen, wenn die begründet sind. Eine Stadt muss immer auch in die Infrastruktur investieren und sie muss für ihre Bürger viele Einrichtungen unterhalten. Dafür benötigt eine Stadt entsprechende Mittel. Hier sind vorrangig Abgaben und Einnahmen aus Gewerbesteuern usw. relevant. Damit hier eine entsprechende Wertschöpfung erzielt werden kann muss man sich auch für die Wirtschaft einsetzen und für möglichst gute Rahmenbedingungen sorgen. Und hier kommen wir zu einem entscheidenden Punkt, wo es ganz rationell um eine Abwägung und Analyse geht. Welcher Mehrwert und welche Wertschöpfung lässt sich denn für die Stadt und Allgemeinheit durch einen solchen neuen bzw. weiteren Markt erzielen ? Und von welchen Beeinträchtigungen ist für Anwohner auszugehen. Das ist aktuell schwer einzuschätzen.

    Ich zweifel mal an, dass dieser Markt jetzt sehr viele Menschen anziehen wird, das liegt vorallem daran, dass der neu ist und erst mal etabliert werden muss. Weiterhin bestehen ja bereits einige Angebote in der Stadt. Entsprechend fallen vermutlich auch die negativen Aspekte für die Anwohner nur in sehr geringem Maße an. Eine Sache sollte man bedenken, die Kneipen usw. haben dauerhaft einen Betrieb auch in der Vorweihnachtszeit, dass heißt diese Einflüsse bleiben bestehen, werden aber von diesem Markt gegebenenfalls sogar in positiver Form abgemildert. Da eben schwer zu sagen ist, auf welchen Anklang dieser Markt in seinem ersten Jahr stoßen wird, kann man entsprechend auch nicht wirklich abschätzen welche Wertschöpfung hier für die Stadt generiert werden kann. Ich denke man gewinnt hier bezüglich vieler Fragen konkrete Erkenntnisse wenn man diesen Markt laufen lässt und diesen dann Analysiert und die Ergebnisse auswertet.

    Ich kann aber die Kritik und die Vorbehalte der Anwohner verstehen. Ebenso habe ich aber Verständnis für die Stadt und die Initiatoren dieses Projektes sowie die Gastronomen und Gewerbetreibenden.

    • Unerträglich und schändlich verhält sich die Stadtverwaltung mit Herrn Moßmann erneut den betroffenen Anwohnern gegenüber. Der Dezernent für Nachhaltigkeit, Sicherheit und Recht bei der Hansestadt Lüneburg, Markus Moßmann will zusammen mit dem Stadtmarketing-Chef Claudio Patrik Schrock-Opitz und dem Wirt Matthias Ellinger „mit der Weihnachtsstadt ‚Tausende zusätzliche Besucher‘ in die Stadt locken“. Aber sie sind nicht bereit, mit den Bürgern darüber zu sprechen, ob die mit diesem Wollen einverstanden sind.

      Ich kann „kein gesamtheitliches Interesse“ erkennen, für das durch Dezernent Moßmann „im Sinne des Gemeinwohls“ agiert würde.

      Den empirischen Nachweis eines Zusammenhanges zwischen Weihnachtsmärkten und gesteigerter Kauflust hat noch niemand erbracht! Es ist Vorweihnachtszeit. Die Leute hasten ohnehin durch die Regalkilometer. Und wer draußen am Bretterverschlag eine wässrige Bratwurst vertilgt und einen halben Liter lauwarmes, zimtparfümiertes Zuckerwasser runtergespült hat, das „Glühwein genannt wird, der wird anschließend bestimmt nicht einkehren und dafür sorgen, dass außer ihm auch noch „die Gastronomie Fett ansetzt“.

      Wenn jetzt auch noch der Fischmarkt ins Spektakelprogramm mit aufgenommen wird, ist das nichts als ein Zeichen der Hilf- und Ratlosigkeit auf Seiten der Macher. Weihnachtmärkte gibt es überall. Jeder hat sie im Grunde satt. Die Rezepte von Moßmann und Schrock-Opitz sind von vorgestern. Kein einziger „zusätzlicher Tourist“ wird mit „zusätzlichen Attraktionen im historischen Ambiente“ gewonnen. Die Masse verteilt sich bloß und walzt nun auch noch um den Stint herum. Und Wirt Ellinger nimmt seinen lokalen Kollegen und Wettbewerbern die Futtergäste weg. Es gibt in Lüneburgs Zentrum mindestens hundert „Restaurants“ und Kneipen zuviel! Wo steht eigentlich geschrieben, dass „eine Stadt“ für das Übermaß an „Wirten“ verantwortlich ist, die in ihr Geschäfte machen wollen? Das Stadtmarketingmantra „Quantität statt Qualität“ hat sich überlebt. Die Einfalt kann ein Gemeinwesen auch dadurch zugrunde richten, dass sie darauf besteht, auf Biegen und Brechen einen Jahrmarkt aus diesem zu machen.

  3. Ich freue mich auf den Weihnachtsmarkt am Alten Kran. Eine tolle Idee der Stadt Lüneburg

  4. die geschäftemacherei hat mit weihnachten rein garnichts zu tun. man stelle sich vor, es ist weihnachtsmarkt und keiner geht hin. schnell ist dieser kommerzunfug beendet.

    • Lieber Klaus,

      wirst du (67, gefühlt: 28) trotz Duzangebots von Mittzwanzigern vor dem Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt am Stint weiter gesiezt, ist eine enttäuschte Replik mit »Du« genauso doof wie eine mit »Sie«. Die Mischung »Du darfst mich gerne siezen!« ist jedoch zu empfehlen. Damit zeigst du einem jungen Menschen zwar nicht deine innere Jugend, aber immerhin altersgemäße Herablassung.

      • mein lieber Nick, dass,, du,, muss man sich bei mir noch verdienen. da ich meistens der ältere bin, bin ich auch laut etikette dazu verdonnert, wenn es passt, anzubieten.wer über den dingen steht, kann nie darunter geraten. schmunzeln.

  5. Karsten Bostelmann

    Ich schmeiß mich weg, Weihnachtsmarkt mitten im historischen Wasserviertel zwischen den Hotels Altes Kaufhaus und Bergström. Und der neue Direktor Patric von Buttlar sagte der LZ, er sei „grundsätzlich bereit“, in der Lüner Mühle die Toiletten für Gäste des Marktes zu öffnen? Nur die Toiletten?

  6. Szene vom Weihnachtsmarkt am Stint

    Die Tauben auf dem Alten Kran sehen krank aus, gerupft. Ihnen wird inzwischen nahezu seriell blaues Aluminium auf die Federn gebacken, sie schwanken. Eine Zehe fehlt vielen, manchen gar Fuß oder Kopf. Sie sitzen auf mit scharfem Draht gespicktem Stahl, der unter ihnen rostet vom eignen Urin, während sie langsam und in aller Ruhe sterben. Manchmal gelingt es drei noch etwas rüstigeren, einen Müllsack nach oben zu schleudern – zum Preis von sieben Federn. Doch haben die Viecher sogar schon vergessen, wie man guten Müll von schlechtem unterscheidet. Überfressen mit halbleeren Batterien, drehen sich die Tauben schließlich wie lebende Überraschungsei-Geschenke vor lauter Energie sitzend im Kreis, angetrieben von der Ladungsdifferenz.

    Adrian Schulz

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