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Die Mutter des getöteten Babys kurz vor Prozesstart zusammen mit ihrem Verteidiger Ulrich Albers in Saal 21 des Landgerichts. Sie äußert sich nicht zum Mordvorwurf.

Baby aus Rache getötet?

Lüneburg. Es ist schon äußerlich ein ungleiches Paar: Der korpulente 27-Jährige sitzt auf dem Zeugenstuhl in Saal 21 des Lüneburger Landgerichts nur knapp sechs Meter entfernt von der zierlichen 24-jährigen Angeklagten, mit der er fast ein Jahr zusammenlebte und mit der er ein Kind hatte. Trocken äußert der Mann, dass er gegen Ende der Beziehung „kein Gefühl mehr für sie hatte“: „Ich habe sie gehasst, bin nur noch wegen des Kindes geblieben.“ Auf die Frage von Franz Kompisch, Vorsitzender Richter der 4. großen Strafkammer, ob er der Frau zutraue, ihre Tochter getötet zu haben, sagt er: „Ja.“ Sie hätten keine Feinde gehabt, nur Freunde. Und das Motiv für die grausame Tat aus seiner Sicht: „Sie wollte mir Schaden zufügen, weil sie wusste, dass ich mein Kind sehr liebe.“

Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau Mord vor, die 24-Jährige habe irgendwann zwischen dem 12. und 31. Dezember 2016 in der gemeinsamen Soltauer Wohnung das etwa vier Monate alte Baby zunächst erstickt – „und ihm dann mit einem scharfen Messer den Kopf abgetrennt, um sich an dem Kindsvater zu rächen“, sagte Staatsanwalt Frank Padberg bei seiner Anklageverlesung. Eine Rache für ihr gegenüber verübte Gewalttätigkeiten. Die Angeklagte äußert sich nicht zu den Vorwürfen in diesem medienwirksamen Verfahren. Mehr als ein Dutzend Journalisten, Kamerateams und Fotografen kamen am Donnerstag zum Prozessauftakt.

„Drei Monate vor der Entbindung hatte sie sich verändert“

Der 27-Jährige, von Beruf Busfahrer, erzählt dem Gericht folgende Geschichte: Er stammt aus dem Sudan, die Frau aus Äthiopien, sie habe aber bei ihrer Einreise Eritrea als Herkunftsland angegeben, um eine Chance aufs Asyl zu bekommen. Sie lernten sich auf einem Flüchtlingsboot auf der Fahrt von der Türkei nach Griechenland kennen. Sie lebten zusammen in der Soltauer Wohnung, entschieden sich gemeinsam, ein Kind zu bekommen: „Drei Monate vor der Entbindung hatte sie sich verändert, die Probleme fingen an.“ Es gab Streitigkeiten um Kleinigkeiten und ums Geld: „Sie betrachtete sich nicht als Familie, sondern als Single. Sie wollte immer nur Geld, Geld, Geld. Sie wollte es für sich. Ich habe ihr jeden Monat gegeben, was ihr zustand.“ Zunächst lebten sie zusammen von 600 Euro Sozialgeld im Monat, nach der Geburt waren es 800 Euro: „Ich habe ihr 500 Euro gegeben.“ Einen Teil davon schickte sie an ihre Familie in der Heimat.

Auf Fragen zum Umgang der Frau mit ihrem Baby äußert der Mann: „Wenn es geschrien hatte, nahm sie es nicht in den Arm. Sie hatte das Kind nicht liebevoll aufs Sofa gelegt, sondern es da­rauf geworfen. Sie hat das Kind einmal sogar vor meinen Augen geschlagen. Sie war nicht normal.“ Allerdings legte sie dem schlafenden Kind immer den Koran mit ins Bett. Was seine Beziehung zu der 24-Jährigen anging, sagt er, dass er selbst oft nachts nicht zu Hause war und dass die Frau häufig Polizisten alarmierte: „Sie hatte behauptet, dass ich sie schlage – aber sie hatte keine Verletzungen.“ Drei Mal erhielt der Mann eine polizeiliche Weisung aus der Wohnung – die letzte am 28. Dezember, dem Tag, an dem der Mann nach seiner Aussage zum letzten Mal in der Wohnung war.

Vater hat von der Polizei vom Tod des Kindes erfahren

Der 27-Jährige erzählt weiter: An jenem 28. Dezember stellte er nach dem Aufwachen fest, dass die Frau alle Fotos von seinem Handy gelöscht hatte. Daraufhin löschte er die Daten von ihrem Handy. Es kam zum Streit, dabei habe er gesagt: „Wir passen nicht zueinander. Ich möchte nichts mehr mit Dir zu tun haben. Aber das Kind ist mein Kind, das bleibt bei mir. Sie reagierte nicht, wollte nur, dass ich die Wohnung verlasse und kontaktierte die Polizei.“

Ein oder zwei Tage später rief eine gemeinsame Freundin aus Schweden an, schildert der Mann. „Sie sagte: ,Du sollst sofort in die Wohnung, da ist ein Problem. Mutter und Tochter sind nicht mehr zusammen.‘“ Wie das gemeint gewesen sei, wisse er nicht. In den folgenden Tagen war er immer wieder vor der Wohnungstür, es habe aber niemand geöffnet. Schließlich habe er von der Polizei vom Tod des Kindes erfahren.

Prozess wird fortgesetzt.

Es gibt bei diesen Angaben einige Ungereimtheiten, wie die Nachfragen von Richtern und Verteidigern zeigen. So soll der Mann bei seiner polizeilichen Vernehmung von sich aus das Erwürgen als Todesursache ins Spiel gebracht haben und auch die Frage gestellt haben: „Wurde ihm die Kehle durchgeschnitten?“. Das bestreitet er. Erst vor drei Tagen will er von seiner Anwältin erfahren haben, dass dem Baby der Kopf abgetrennt wurde. Und er bestreitet, vor der Polizei gesagt zu haben, die Frau habe erzählt, das Kind sei gar nicht von ihm.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Rainer Schubert