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Was braucht ein Pferd für ein tiergerechtes Leben? Das regeln offiziell die Leitlinien des Bundesministeriums. Foto: lz/phs

Tierschutz nimmt Pferde ins Visier

Luhmühlen. Mittwoch, kurz vor 20 Uhr, Auftaktabend der monatlichen Züchterstammtische in der Luhmühlener Gaststube „Zum Peerkieker“. Knapp 40 Zuhörer sind gekommen, Pferdezüchter, Pferdehalter, Pensionsstallbetreiber – genau diejenigen, die Jürgen Stuhtmann als Vorsitzender des Reit- und Pferdezuchtvereins Luhmühlen erreichen möchte. Seine Mission an diesem Abend: Er will vorwarnen, die Leute vorbereiten auf eine neue Zeit in der Pferdehaltung. „Der Tierschutz“, sagt er, „rückt auch in der Pferdehaltung immer mehr in den Fokus.“ Darauf müsse man vorbereitet sein. „Die werden kommen! Und die werden kontrollieren!“

Leitlinien für die Pferdehaltung

Wie ein Pferd gehalten werden muss, regeln in Deutschland die Leitlinien des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Doch obwohl die bereits seit November 1995 gültig sind, kennt sie längst nicht jeder Pferdehalter. Stuhtmann hat sich deshalb entschieden, Ulrike Struck von der Bezirksstelle Uelzen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen einzuladen. Eine Fachfrau für die gesetzlichen Anforderungen an die Pferdehaltung. Sie präsentierte die wichtigsten Punkte der Leitlinien. Und sie bestätigte Stuhtmanns Einschätzung: „Lange hat sich keiner um die Leitlinien gekümmert, der Fokus lag auf Rindern, Schweinen, Geflügel, nicht auf Pferden.“ Doch die Zeiten änderten sich. 

„Das sind alles Dinge, die verboten sind. Und die man trotzdem noch sieht.“
Ulrike Struck, Landwirtschaftskammer

Veterinäramt steuert die Kontrollen

Struck ist überzeugt: Vieles, was bisher durchgegangen ist, wird in Zukunft nicht mehr geduldet. Reitställe zum Beispiel, die keinen einzigen Auslauf für ihre Pferde haben. Boxen, die so klein sind, dass sich ein Pferd nicht richtig hinlegen kann. Ponys, die jahrelang allein gehalten werden. „Das sind alles Dinge, die eigentlich verboten sind. Und die man trotzdem noch sieht. Und zwar gar nicht mal so selten.“

Wie streng die Pferdehaltungen tatsächlich kontrolliert werden, hängt offenbar vor allem von dem Veterinäramt vor Ort ab. „Wir kontrollieren anlassbezogen“, erklärt die Pressesprecherin im Kreis Lüneburg, Katrin Holzmann. Das passiere relativ häufig. „Wir können aber nicht bestätigen, dass die Kontrollen in letzter Zeit verstärkt stattfinden.“

Stuhtmann hingegen berichtete, dass Niedersachsens Noch-Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) die Veterinärämter aufgefordert habe, verstärkt auch Pferdehaltungen zu kontrollieren. Ob das stimmt und wie sich das Ministerium zu dem Thema positioniert, konnte die zuständige Pressestelle gestern bis Redaktionsschluss nicht beantworten. Stuhtmann und Struck allerdings ließen keine Zweifel daran: Tierschutz in der Pferdehaltung rückt zunehmend in den Fokus.

In vielen Ställen handlungsbedarf

27 Seiten umfassen die „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“, erklären die Natur des Pferdes – und welche Anforderungen sich daraus für die Haltung ergeben. Wie groß muss eine Box sein? Wie viele Stunden am Tag muss sich ein Pferd frei bewegen können? Wie muss es betreut und gepflegt werden? Wie müssen die unterschiedlichen Haltungssysteme gestaltet sein, welche Bedingungen Ausläufe, Böden und Ställe erfüllen? Auch die Beschaffenheit von Zäunen sind darin klar geregelt. „Stacheldraht zum Beispiel ist defintiv verboten“, sagt Struck, „und trotzdem sieht man ihn auf vielen Pferdeweiden in Deutschland nach wie vor.“

Die Referentin für Pferdezucht und -haltung sieht in vielen Ställen Handlungsbedarf. „Doch das liegt auch daran, dass die meisten Stallplätze einfach viel zu billig sind.“ Zu Preisen von 200 Euro monatlich lasse sich schwer jede Anforderung an eine tiergerechte Pferdehaltung bezahlen. „Auch das muss sich dringend ändern.“

Von Anna Sprockhoff

5 Kommentare

  1. Wunderbar. Endlich gibt es Aussichten, dass die Leitlinien für Pferdehaltung kontrolliert und umgesetzt werden. Es bedeutet, dass die Ämter auch Veterinäre schicken, die erkennen, dass Allein- und Boxenhaltung qualvoll sind. Aber auch unsolide Matschflächen mit Bretterbude oder ganz ohne Dach, Zäune aus Litzen mit wackeligen Stöcken und Gammelheu

    • Glauben sie das wirklich? Auch dieser Ämterbereich ist doch hoffnungslos unterbesetzt, es wird wieder nur Alibi- und Kosmetikpolitik betrieben. Ich glaube nicht das sich irgendetwas spürbar verbessert.

  2. Nach meinem Eindruck ist es schon länger „in“ ein Pferd sein Eigen nennen zu können. Pferdebesitz ist zu einem Statussymbol geworden. Ob damit immer auch „Pferdeverstand“ verbunden ist wage ich zu bezweifeln.Wichtiger ist dann eher der auf Pump gekaufte SUV der den Pferdeanhänger zieht. Die artgerechte Haltung ist dann oft zweitrangig.

    • SUV, ich vergaß: vor einiger Zeit sollte eine Gesetzesvorlage dafür sorgen, dass Pferd und Anhänger nur mit entsprechenden Fahrzeugen transportiert werden dürfen. Aber nicht jeder, der sein Pferd transportieren möchte oder muss, hat neben einem Pkw für andere Fahrten noch so einen Klotz auf dem Hof stehen. Es ist also nicht immer freiwillig, einen Geländewagen zu fahren (und das Geld fehlt dann vielleicht noch im Stall und direkt am Pferd?). Ein sicheres Zugfahrzeug ist mir persönlich aber auch lieber als Leute, die mit einem Golf oder ähnlichem Auto ein Pferd ziehen möchten, das ggf. unterwegs ins Treten kommt und den Wagen vorn von der Straße wuppt. Artgerechte Haltung sollte immer den Vorrang haben, ja, aber da immer mehr Weideflächen fehlen und nicht mehr bezahlbar sind, ist ein Transport zu weiter entfernten Flächen wie bei uns manchmal durchaus notwendig. Sie können mir glauben, dass wir nicht zum Spaß herumfahren

  3. Ja, das mag alles stimmen. Aber ich hoffe, dass alleine die Möglichkeit einer Kontrolle etwas bewirkt. Das Pferd ist vielen Statussymbol, aber auch Gefährte. Welche Haltung und welcher Pferdeverstand artgerechter ist, wage ich nicht zu sagen. Aber mit dem Amt im Rücken kann jeder die zweifelhaften Zustände anzeigen. Ich würde mir wünschen, dass das AZL mit gutem Beispiel voran geht, bisher habe ich dort keinen Kurs besucht, weil meine Pferde keine Boxenhaltung ertragen müssen, keine Eisen haben und gebisslos geritten werden. All das wird in FN Ställen selten gern gesehen