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In der Bennerstedt findet am Sonnabend eine revierübergreifende Bewegungsjagd statt. Mit diesem Banner werden Autofahrer um besondere Aufmerksamkeit gebeten. Foto: landesforsten

Drückjagden gegen Seuchengefahr

Scharnebeck. Autofahrer müssen am morgigen Sonnabend auf der Kreistraße 29 zwischen Brietlingen und Scharnebeck besondes aufmerksam unterwegs sein. Der Grund: Das Forstamt Sellhorn wird in der Bennerstedt eine großräumige Bewegungsjagd durchführen, an der 70 Jäger und mehr als 50 Treiber mit zahlreichen Hunden teilnehmen werden. „Da ist es durchaus möglich, das aufgeschrecktes Wild, aber auch Jagdhunde, unvermittelt über die Straße laufen“, warnt Revierförster Burkhard von List.

Deshalb werde der Kreis das Tem­polimit auf der K 29 in der Zeit zwischen 8.30 und 13.30 Uhr auf maximal 50 km/h reduzieren. „Diese Tempo-Reduzierung dient der Sicherheit der Verkehrsteilnehmer“, erinnert der Revierförster, der davon ausgeht, dass die Behörde auch dieses Jahr wieder die Einhaltung des Tempo-Limits überwachen wird.

Wildbestände gesund erhalten

„Die revierübergreifende Jagd ist notwendig, um die Wildbestände gesund zu erhalten und im Einklang mit den land- und forstwirtschaftlichen Belangen zu bringen“, heißt es in einer Pressemitteilung der Landesforsten.

Im vergangenen Jahr wurden alleine bei der Jagd in der Bennerstedt 65 Sauen erlegt. „Das war schon eine ungewöhnlich große Strecke“, sagt Revierförster von List. Gewöhnlich seien es sonst 30 bis 35 Sauen, die bei so einer Jagd erlegt würden. Für die Rekordstrecke 2016 hat der Förster eine Vermutung. „Der frühe Wintereinbruch im vergangenen Jahr mit dem extrem nassen Schnee hatte den Ölrettich auf den Feldern niedergedrückt“. Dadurch sei die Deckung für die Wildschweine verloren gegangen und die Tiere flüchteten sich in die Bennerstedt, glaubt von List. Doch selbst die hohe Abschusszahl in der Bennerstedt ist noch nicht der Rekord: Bei einer revierübergreifenden Jagd in Einemhof waren sogar 121 Sauen zur Strecke gebracht worden.

Umwelteinflüsse begünstigen rasante Vermehrungsrate

An der rasanten Vermehrungrate des Schwarzwildes ist der Mensch nicht unschuldig: Denn vor allem für Biogasanlagen, aber auch für Futtermittel wird immer mehr Mais angebaut – und damit der Tisch für die Schwarzkittel mit ihrer Leibspeise reich gedeckt. Damit zählen die Wildschweine zu den größten Nutznießern unserer Kulturlandschaft, finden sie in den Maisschlägen doch nicht nur genügend Futter, sondern auch ideale Rückzugsbedingungen. Weitere Ursachen für die hohen Bestände sind günstige klimatische Bedingungen wie das fast gänzliche Ausbleiben überdurchschnittlich kalter Winter und die hohe Anpassungsfähigkeit des Schwarzwildes.

Bedroht werden die Schwarzkittel jetzt allerdings von einer tödlichen Seuche – der Afrikanischen Schweinepest. Mecklenburg-Vorpommern ruft bereits zur gezielten Jagd auf Wildschweine auf, die die für Hausschweine tödliche Krankheit übertragen. Laut aktuellen Meldungen des Internationalen Tierseuchenamtes gab es seit Anfang September neue Ausbrüche in Ostpolen, in der Ukraine, in Lettland, Litauen, Tschechien und Russland. Ebenfalls von der Afrikanischen Schweinepest betroffen ist seit Langem das Tourismusziel Sardinien. In Deutschland ist noch kein Seuchenfall aktenkundig. Lüneburgs Kreisjägermeister Hans-Christoph Cohrs hofft, dass das so bleibt.

Afrikanischen Schweinepest bekämpfen

Da die Krankheit hauptsächlich bei Frischlingen, Tieren im ersten Lebensjahr, auftritt, fordert der Kreisjägermeister, Sauen mit allen jagdlichen Möglichkeiten intensiv zu bejagen und vorzugsweise Frischlinge ins Visier zu nehmen. Eine mögliche Maßnahme, um der Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest entgegenzuwirken.

Und genau das haben sich die Jäger am Sonnabend in der Bennerstedt zum Ziel gesetzt: „Wir werden versuchen, den Sauenbestand so gut es geht zu dezimieren“, kündigt Förster Burkhard von List an: „Das bedeutet, dass außer führenden Bachen alle Sauen geschossen werden dürfen, zudem Frischlinge und Keiler.“ Schließlich seien gerade die Frischlinge zu 70 Prozent an der Reproduktion der Sauenbestände beteiligt, erklärt von List, der vor allem eines nicht erleben möchte: „Dass die Afrikanische Schweinepest auch Deutschland erreicht und bei uns im Wald überall tote Wildschweine herumliegen.“

Von Klaus Reschke

Hintergrund zur Schweinepest: Länder und Behörden proben den Ernstfall

Voraussichtlich noch im Herbst wird in Niedersachsen eine gemeinsame Übung stattfinden von Bund und Ländern zur Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest. Das bestätigt Leonie Steger, stellvertretende Sprecherin des Landwirtschaftsminsteriums. Die Übung habe zum Ziel, die Kommunikation zwischen den Akteuren im Fall eines Ausbruchs zu proben.

Informationen der Länder sollen in ein Lagebild für ganz Deutschland zusammenfließen. Auch der Landkreis bereitet sich vor: Dazu gehören u.a. die Trichinengebühren-Befreiung für Frischlinge, um einen Anreiz zur Jagd auf Wildschweine zu schaffen und die Einrichtung einer Arbeitsgruppe mit der Unteren Jagdbehörde, der Jägerschaft und dem Veterinäramt.

Außerdem wurden auf Bitte des Kreises an Parkplätzen an den wichtigen Durchgangsstraßen Hinweisschilder aufgestellt. „Ein Notfallkoffer mit Probenmaterial für das Veterinäramt ist gepackt, so dass der Amtstierarzt bei einem Verdachtsfall sofort richtig ausgestattet losfahren kann“, sagt Kreissprecherin Katrin Holzmann. Zudem werden vorsorglich geeignete Orte für Wildsammelstellen gesucht.

Bislang gibt es keinen Impfstoff gegen die Seuche. Als größte Gefahr für die Einschleppung gilt der Mensch, der den Erreger über nicht durchgegarte, kontaminierte Schweineprodukte nach Westen tragen könne. lz