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Oft sitzen die ehrenamtlichen Helfer in gemütlicher Runde mit den Geflüchteten zusammen, dann geht es mal nicht um Deutschunterricht oder Übersetzungshilfe. Foto: lz/t&w

Nach der großen Flüchtlingswelle: Ein Besuch im „Welcome and Learning Center“

Lüneburg. 1000 Flüchtlinge kamen pro Tag nach Niedersachsen, 30 bis 40 von ihnen wurden wöchentlich nach Lüneburg gebracht. Im September vor zwei Jahren entstand quasi über Nacht eine Notunterkunft in der Theodor-Körner-Kaserne, 100 Flüchtlinge reisten mit Bussen aus Celle an. Bis Ende Januar 2016 sollten weitere 1200 Menschen im Landkreis unterkommen, mehr als 500 allein in der Hansestadt Lüneburg. Genau zu dieser Zeit ging an der Bleckeder Landstraße eine Einrichtung an den Start: das „Welcome and Learning Center“ – ein Ort der Begegnung für Lüneburger und Geflüchtete.

Genau zwei Jahre ist es nun her, dass dieser Treffpunkt eingerichtet wurde. Der Flüchtlingsstrom ist abgeebbt, viele Menschen wurden umverteilt, auch haben sich hier in der Zwischenzeit etliche Projekte entwickelt. Es gibt Sprachkurse, Freizeitangebote, Programme an der Leuphana.

Braucht es da eine Einrichtung wie das Welcome and Learning Center überhaupt noch? Wie viele Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, verbringen da noch ihre Zeit? Gibt es nicht längst zu viele Angebote in Lüneburg? Die LZ hat nachgefragt – bei Studenten, die von Tag eins an dabei sind, und bei Geflüchteten.

„Es nützt doch nichts, wenn jemand ein Jahr lang einen VHS-Kursus belegt und dem nichts nachfolgt.“
Rainer Junker

Antonia Mohr, sie studiert Politikwissenschaften und Wirtschaftspsychologie an der Leuphana, fällt nur ein Satz ein, wenn sie an die letzten Monate im Jahr 2015 zurückdenkt: „Das war eine ganz krasse Zeit.“ Mehr als 40 Geflüchtete hätten täglich vor der Tür gestanden, Möbel und Materialien seien erst nach und nach über Spenden zusammengekommen. „Wir mussten Orientierungshilfen in Lüneburg geben, ihnen allererste Wörter beibringen“, erzählt die 21-Jährige. Heute seien die Aufgaben andere: Arztbesuche, Hilfestellungen bei der Wohnungs- und Jobsuche, Sparkassen-Briefe, die übersetzt werden müssen. „Viele sind in der Ausbildung, wir helfen auch dabei, Berichtshefte zu schreiben.“

An den Nachmittagen bieten Rainer Junker (l.) und Timo Fahlbusch Deutschkurse an, diese sind immer gut besucht. Soltan Karimi (r.) kommt gern: „Mein Deutsch wird immer besser, man hat mir hier sehr geholfen.“

Noch immer sind es bis zu 15 Geflüchtete, die ihre Nachmittage in dem Zentrum verbringen. So groß ist in etwa auch das Kernteam, das auf freiwilliger Basis Hilfe leistet und jeden Nachmittag Deutschkurse anbietet. Längst gibt es auch Angebote für Fortgeschrittene. Der Freitagnachmittag ist allein Frauen und Kindern vorbehalten. „Wir wollten ein Angebot schaffen, wo sie mal ganz für sich sind.“

Dass Einrichtungen wie das Welcome and Learning Center weiterhin wichtig sind, begründet Mohr so: „Es fehlt immer noch an vielem.“ Das sieht auch Rainer Junker so, der seit einem Jahr Deutschkurse anbietet. „Es nützt doch nichts, wenn jemand ein Jahr lang einen VHS-Kursus belegt und dem nichts nachfolgt.“ Dass der „große Schritt“ noch bevor steht, verdeutlicht auch der angehende Berufsschullehrer Timo Fahlbusch (31). „Wir leisten hier einen wichtigen Beitrag zur Integration. Die Menschen sind jetzt hier und der Bedarf ist noch immer riesig.“

Rami Shrabe stammt aus Palästina, er ist vor über drei Jahren mit einem Boot nach Jordanien gereist und dort in einen Flieger gestiegen. „Im Welcome and Learning Center konnte ich sofort an einem Deutschkursus teilnehmen“, erzählt er. „Heute ist das meine Familie.“ Geflüchtete hätten es in Lüneburg nur wegen der vielen hilfsbereiten Menschen so gut. Zurzeit ist der 30-Jährige auf Jobsuche, in seiner Heimat hat er in einem Baumarkt gearbeitet. Auch dabei unterstützen ihn engagierte Menschen wie Antonia Mohr.

▶ Im Frühjahr verlässt die Anlaufstelle ihren Standort: Das Team zieht mit der Wilkommens­initiative ins „Mosaique – Das Haus der Kulturen“. Mehr Infos: www.mosaique-lueneburg.de.

Von Anna Paarmann

Zwei Jahre: Feier lockt mit buntem Programm

Heute, Sonnabend, feiert das Welcome and Learning Center seinen zweiten Geburtstag. Um 13 Uhr steht ein Workshop von der No Border Academy an, um 15 Uhr verschiedene Redebeiträge, außerdem Kinderschminken und Basteln.

Videos und Fotos aus zwei Jahren werden gezeigt, Gedichte vorgetragen. Um 18 Uhr startet ein Hip-Hop-Konzert, um 19 Uhr sind sudanesische Trommler zu hören. Gäste werden gebeten, einen Beitrag zum Buffet zu leisten.