Donnerstag , 20. September 2018
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Gerade erst in den Sparclub eingetreten, und jetzt droht schon wieder das Aus: Shumway und Agnes Lechleitner machen sich Sorgen, wie es mit dem fröhlichen Beieinander weitergeht. Foto: lz/t&w

Das leise Sterben einer Tradition

Lüneburg. Im Gasthaus Nolte können sie ein ganz besonderes Jubiläum feiern, vielleicht zum letzten Mal: Seit 111 Jahren besteht in dem Lokal an der Dahlenburger Landstraße ein Sparclub. Er dürfte der älteste in der Region und wahrscheinlich weit darüber hinaus sein. Doch nun droht dem Methusalem das Ende. Denn neben den beiden grauen Kästen hängt ein Schreiben der Sparkasse mit der Überschrift „Kündigung des Versicherungsschutzes für Spar-Einrichtungen sowie Schenkung der Spar-Einrichtung“.

Um die Tragödie zu erkennen, muss man ein bisschen ausholen. Sparclubs haben eine Tradition, die meistens über Jahrzehnte andauert. Regelmäßig stopfen die Mitglieder in Lokalen, Kleingarten- und Sportlerheimen klein gefaltete Geldscheine oder Münzen in die Schlitze und Fächer. Kassenwarte leeren die Metallboxen, notieren die Summe fein säuberlich in Kladden, bringen das Geld zur Bank. Die zahlt zwar nur noch einen Hauch von Zinsen. Doch in der Regel wird der Überschuss dazu verwandt, am Jahresende ein gemeinsames deftiges Grünkohlessen zu veranstalten. Inzwischen zahlen die Sparer etwas dazu. Bei der Party gibt es das Angesparte zurück, in vielen Vereinen steht dann auch fest, wer die größten Taschen hatte – er ist Sparkönig. Prost.

Eben dieses, wie soll man es nennen, besondere Gefühl von Kneipe, Kommerz, Kumpels und Königswürde fasziniert auch Gordon „Shumway“ Lechleitner und seine Frau Agnes. „Mich begleitet das seit meiner Kindheit“, sagt der 46-Jährige. Männer, ein Bierglas in der Hand, stopfen Bares in den Kasten. Noch deutscher und gemütlicher kann Gastwirtschaft nicht sein. Doch nie habe es geklappt, Mitglied in so einer Sammler-Gemeinschaft zu werden. Vor zwei Monaten seien bei Nolte Fächer frei geworden. Shumway und Agnes griffen zu.
„Endlich geschafft!“, sagt der Mann, dessen Spitzname aus der 80er-Jahre-Serie Alf herrührt. Er fügt traurig dazu: „Und gleich wieder vorbei.“ Dabei hatte er ein klares Ziel: „Ich wollte nächstes Jahr Sparkönig werden. Da habe ich einen Wettkampf mit meiner Frau.“

Doch nun könnte der hochbetagte Club, der 1906 das Licht der Welt erblickte, still entschlummern. Die Sparkasse schreibt: Es habe in den vergangenen Jahren „eine sehr starke Zunahme von Aufbrüchen und Zerstörungen von Sparclub-Schränken gegeben. Die Kosten für die Regulierung von Einbruch-Diebstahlschäden an Spar-Einrichtungen von ­Sparclubs sind dadurch für die Sparkasse stark gestiegen“. Die Versicherungen finanzierten keine neuen Sammelkästen, sie kämen auch nicht mehr für das gestohlene Geld auf. Deshalb kündige das Kreditinstitut zum Jahreswechsel Verträge mit der Versicherung und biete keinen Schutz mehr an. Die Kästen dürften die Vereine gern behalten.

Wirt Hans-Walter Nolte, dessen Großvater den Verein einst gründete, bedauert das sehr. Doch er stellt auch klar, dass er keine Verantwortung für die Sparkästen übernehmen will. Das Risiko für die Einlagen in den 95 Fächern sei ihm zu groß.

Nun bietet die Sparkasse an, dass Mitglieder per Dauerauftrag weiter auf das Konto einzahlen können. Doch ist das eine Alternative? Kein Geld falten, ins Fach stopfen, kein Schnack mit den Jungs und Mädels am Tresen, kein Bierchen. Offen, wie viele Clubs das überleben.

Von Carlo Eggeling