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Archäologe Attila Dézsi steht im Lüchower „Gorleben Archiv“ neben Fotos vom Hüttendorf, welches Atomkraftgegner 1980 unweit vom Erkundungsbergwerk Gorleben bauten. Foto: lni

Artefakte aus dem Hüttendorf

Trebel. Eigentlich denken Archäologen eher in Zeitabschnitten von Jahrtausenden. Was gerade mal vor 40 Jahren geschah, lässt Altertumsforscher in der Regel kalt . Anders bei Attila Dézsi. Sein Ausgrabungsgebiet im Landkreis Lüchow-Dannenberg wurde vor 37 Jahren ein Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung und des Widerstands. 33 Tage gab es dort die „Freie Republik Wendland“ und der Archäologe stieß auf dem von Wald umgebenen Gelände des früheren Protestcamps auf zahlreiche Artefakte. Das öffentliche Interesse ist schon jetzt groß, wie auch der aus Hamburg stammende Wissenschaftler ein wenig verwundert feststellt. Dabei sind die Arbeiten gerade mal im ersten Jahr.

Konservenbüchsen und Cola-Dosen

„Wir haben Konservenbüchsen und Cola-Dosen gefunden“, berichtet der 29-Jährige, der das Projekt im Rahmen seiner Doktorarbeit in Angriff nimmt und ein zweijähriges Promotionsstipendium der Graduiertenschule Geisteswissenschaften der Universität Hamburg bekam. Die Dosen sind eindeutig dem Camp zuzuordnen. „In der Archäologie ungewöhnlich, aber praktisch: Sie tragen Stempel mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum aus den Jahren 1980 und 1981.“

Zu seiner Überraschung und Freude wurden auch Reste von Hütten entdeckt. Zudem alte Tassen und Besteck, das die Bewohner vergaßen oder liegen lassen mussten, denn sie gingen am 4. Juni 1980 nicht freiwillig.

Ein Demonstrant sitzt essend im Juni 1980 auf einer selbstgezimmerten Bank im Runddorf der Republik Freies Wendland.

Mehrere tausend Polizisten und Bundesgrenzschutzbeamte räumten damals das Dorf, Bagger und Planierraupen rollten. Es war einer der größten Polizeieinsätze der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte – später kamen noch größere, wenn die Castor-Transporte mit ihrer strahlenden Fracht ins Zwischenlager Gorleben rollten. Auch vom 4. Juni 1980 zeugen Fundstücke: „Wir haben Gasmasken und Kabelbinder gefunden“, sagt der Archäologe. Vermutlich können sie den Einsatzkräften zugeordnet werden.

Die Arbeiten rühren an einem Thema, das damals die Wellen hoch schlagen ließ. Lange war Gorleben die einzige Option zur dauerhaften Lagerung von hoch radioaktivem Atommüll. Am 22. Februar 1977 schlug der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) den Salzstock als mögliches Endlager vor. Ein ganzes nukleares Entsorgungszentrum sollte an der damaligen innerdeutschen Grenze entstehen.

„Es gab biedere Besucher, die haben sich das am Wochenende angeschaut.“
Gabi Haas, Atomkraftgegnerin

Viele Lokalpolitiker in Lüchow-Dannenberg waren damals für das Projekt, dem strukturschwachen Zonenrandgebiet winkten Jobs und eine sprudelnde Steuerquelle. Doch es formierte sich erbitterter Widerstand. Noch im Frühjahr 1977 gab es eine erste große Demonstration bei Gorleben, am 3. Mai 1980 riefen sie ihre Republik aus – „Atomkraft? Nein danke“. „Bei der Besetzung waren wir rund tausend, niemand weiß es mehr so genau“, erinnert sich Gabi Haas. Sie ist Atomkraftgegnerin der ersten Stunde, war damals vom ersten bis zum letzten Tag dabei.

Polizisten und Angehörige des Bundesgrenzschutzes räumen am 4. Juni 1980 das Anti-Atom-Dorf auf der Bohrstelle 1004 in Gorleben).

Geschichte des Standorts Gorleben

„Wir hatten ein Frauenhaus, einen Friseur, eine Gemeinschaftsküche, eine Krankenstation, eine Sauna, eine Mülldeponie und eine Passstelle“, erinnert sich die heute 68-Jährige. Bioprodukte habe es im Dorf gegeben, Strom nur aus Solarzellen und Windenergie. „Außerdem hatten wir ein reichhaltiges kulturelles Programm mit Musik und Dichterlesungen, auch Wolf Biermann war da“, sagt sie. „Es gab ganz biedere Besucher, die haben sich das am Wochenende angeschaut.“

Durch die archäologische Spurensuche bekommt die Geschichte des Besetzerdorfes eine weitere Perspektive. Archäologie forsche nicht nur für sich alleine, betonte Dézsi. „Sie ist immer im gesellschaftlichen Kontext der Gegenwart verortet und zu verstehen.“ Der Widerstand im Wendland ist schon heute genau dokumentiert und archiviert. Dafür sorgt seit 2001 das Gorleben-Archiv, dessen Vorsitzende Gabi Haas ist. Dort arbeitet auch Birgit Huneke, die das Archiv in Lüchow leitet. Auf 200 Quadratmetern Fläche lagern 460 Gorleben-Plakate – das erste von 1977 –, etwa 60 000 Fotos und Dias sowie zahllose Flugblätter und andere Dokumente.

In dem Archiv geht es um die Geschichte des Standortes Gorleben. „Aber der Schwerpunkt ist die Protestgeschichte, die einzigartig und einmalig ist und viel über Demokratie erzählt“, sagt Huneke. „Diese Geschichte hat den Landkreis Lüchow-Dannenberg geprägt, und sie ist noch nicht zu Ende“, sagt sie mit Blick auf die in Deutschland weiter laufende Suche nach einem Atommüll-Endlager. Das Auswahlverfahren soll erst 2031 abgeschlossen sein.

Von Peer Körner

One comment

  1. Sehr geehrter Herr Körner,

    Den Artikel zur freien Republik Wendland

    war lehrreich. – Wussten Sie das es nach

    nur 40 J. nun einen echte Planung gibt ?

    Mit freundlichen Grüssen

    Ing. Goebel