Donnerstag , 20. September 2018
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Ein kleines Gläschen voll Müll - mehr landet bei Erdmuthe Seth nicht im Eimer. Foto: privat

Alle Plastik-Sünden in einem Glas

Lüneburg. Der Mülleimer quillt über, das Gewissen beißt zu: Wie Ressourcenschonung und verantwortungsvolles Handeln im Alltag funktionieren kö nnen, darum geht es noch bis Sonntag, 26. November, in Deutschland sowie 33 weiteren Ländern während der Europäischen Woche der Abfallvermeidung (EWAV). Auch in Lüneburg finden Veranstaltungen zum Thema statt (siehe Info-Kasten). Eine, die der Müllflut im eigenen Haushalt die Stirn bietet, ist Erdmuthe Seth. Der Abfall, den die 32-Jährige pro Monat produziert – Glas-, Papiermüll und Kompost ausgenommen –, passt in ein kleines Aufstrichgläschen. Wie ein weitestgehend müllfreies Leben gelingen kann, erklären sie und ihre Mitstreiterin Vanessa Riechmann auf ihrem Blog alternulltiv.de Followern auf der ganzen Welt. Auch die LZ war neugierig.

Interview

Frau Seth, kann ich mein Leben komplett „entmüllen“ – im rein materiellen Sinne?

Erdmuthe Seth: Vielleicht geht das nicht zu 100 Prozent, aber sicherlich ist das zu 99 Prozent möglich. Ab und an bekommt man ja doch einen Kassenzettel in die Hand gedrückt, oder es gibt mal nur Obst mit Stickern drauf. Und selbst Bea Johnson, die seit vielen Jahren müllfrei lebt, füllt mit ihrer Familie jährlich ein Einmachglas mit den unvermeidbaren Dingen. Doch wer wirklich will, kann seinen Müll schnell drastisch reduzieren. Man denkt oft, dies oder jenes gehe nicht, aber wenn man es versucht, ist es plötzlich doch möglich.

Was ist diesen Monat denn bereits in Ihrem eigenen Müll-Gläschen gelandet?

Es ist Mitte November und in meinem Glas sind ein, zwei Sticker und die Verpackung einer Handyhülle, die ich mir kaufen musste.

Und wie bekommen Sie Ihre Teller und Gläser sauber?

Im Moment mit Spülmittel, das wir im Stückgut beim Unverpackt-Laden gekauft haben. Zwischendurch hatte ich aber auch schon ein Spülmittel aus Kernseife, Natron und Wasser hergestellt. Das funktioniert ebenso gut.

Womit schrubbt man Boden, Fenster und Toilette plastikfrei?

Die Fenster reinigt man am besten mit klarem Wasser und Zeitungspapier. Klingt seltsam, funktioniert aber streifenfrei und besser als jeder Fensterreiniger. Den Boden mit Wasser und ein wenig Natron, das ist auch garantiert ungiftig. Was die Toilette betrifft: Ich empfehle Zitronensäure und Waschsoda. Zur Desinfektion kann man Alkohol in eine Sprühflasche geben, statt Hygienesprays zu kaufen.

An kaum einem Ort sammelt sich so viel Plastik und Metall wie in der Drogerieabteilung. Womit zum Beispiel putzen Sie Zähne?

Mit Natron, manchmal auch mit einer selbstgemachten Zahnpasta aus Natron und Kokosöl, eventuell mit etwas Spearmintöl.

Lässt sich auch der Deodorant durch eigene Rezeptur ersetzen?

Natürlich! Das Deo, das ich selbst herstelle, ist übrigens das Wirkungsvollste, das ich je besaß – zudem ganz ohne Aluminium. Das kann ich dann auch sonntags im Schlafanzug machen und zwingt mich nicht, extra in den Drogerie-Markt zu laufen. Darin sind enthalten: Nur Natron, Kokosöl, Sheabutter und Speisestärke mit etwas ätherischem Öl als Duft.
Sie haben ein kleines Kind. Das muss doch den müllfreien Alltag erschweren.Nein, erstaunlicherweise gar nicht. Man hat ja mit Kind viel weniger Zeit, um überhaupt Müll zu produzieren (lacht). Unser Sohn trägt Stoffwindeln und diese auch nur wenig, da wir uns mit der natürlichen Säuglingspflege beschäftigen. Außerdem braucht ein Kind ja in erster Linie Liebe und Nähe seiner Bezugspersonen und nicht furchtbar viele Sachen.

Funktioniert das alles ohne Verzicht? Was, wenn es da diesen einen Schokoriegel gibt – in Plastik, aber dafür besonders lecker?

Gelegentlich findet sich bei mir im Glas das eine oder andere Papier eines Schokoriegels, den ich auf einer Party nicht ablehnen wollte. Wenn man auf etwas absolut nicht verzichten möchte, dann sollte man es kaufen – und genießen. Kleiner Tipp: Ich habe auf unserem Wochenmarkt einen Stand entdeckt, wo es unverpackte Süßigkeiten gibt, die besser sind als jeder Schokoriegel aus dem herkömmlichen Supermarkt-Regal.

Wie reagieren denn Ihre Mitmenschen überhaupt auf Ihre Prinzipien?

In der Regel sehr positiv. Viele sagen zwar sofort, dass sie nicht so leben könnten, aber die meisten lassen sich auch ein wenig inspirieren und nehmen zum Beispiel einen Beutel mit zum Einkaufen oder nutzen einen Thermobecher, um die To-Go-Becher zu vermeiden.

Kann ich meine eigene Dose von zu Hause eigentlich an der Käsetheke befüllen lassen?

Jein. Es ist nicht erlaubt, dass der Mitarbeiter die Dose hinter die Theke nimmt, denn das könnte die Ware kontaminieren. Es wird aber geduldet, die Dose auf den Tresen zu stellen und der Verkäufer kann den gewünschten Käse dort mit seinem Servierbesteck hineinlegen. Oft geht es allerdings nur darum, einen möglichst kooperativen Käseverkäufer zu finden.

Von Anna Petersen