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Nicht nur laut: Laubbläser sind auch eine Gefahr für Insekten – behaupten jedenfalls die Grünen. Foto: A/lz/t&w

Technik versus Insekten: Kommt ein Verbot für Laubbläser?

Lüneburg. Sie kommen, wenn die Blätter fallen und das Laub sich auf Gehwegen, in Parks und Gärten tummelt. Und sie nerven bisweilen gewaltig. Mehr als 100 Dezib el können motorbetriebene Laubbläser erzeugen, ein Schallpegel, der etwa den Lärmdimensionen eines Presslufthammers entspricht. Ihr Einsatz ist dennoch erlaubt, wenn auch in Grenzen. Nun wollen die Lüneburger Grünen zurück zum herkömmlichen Harken. Nicht wegen des Lärms, sondern zum Schutz der Insekten.

Verbot oder Appell an die Vernunft

„Wir müssen prüfen, ob ein Verbot möglich ist oder ob wir an die Vernunft appellieren müssen“, sagt Ulrich Blanck. Der Fraktionschef der Grünen im Lüneburger Stadtrat will endlich Schluss machen mit den lärmenden Pustern und Saugern, die inzwischen nicht nur im Herbst, sondern auch im Sommer ihr Unwesen treiben. Denn auch der in den Sommermonaten anfallende Grasschnitt wird von der städtischen Abwasser, Grün und Lüneburger Service GmbH (AGL) längst nicht mehr per Hand zusammengekehrt. Das erledigen PS-starke Maschinen, die den Grünabfall auch gleich für die anschließende Kompostierung kleinschreddern.

Genau darin sieht Blanck das Problem. „Bei diesem Vorgang wird den ohnehin stark bedrohten Insekten endgültig der Garaus gemacht“, behauptet der Grüne. Ganze Kulturen der Klein- und Kleinstlebewesen würden bei den besonders gründlich arbeitenden Motorbläsern nicht nur von ihrem Lebensraum einfach weggeblasen, „sie werden mitsamt Laubabfällen anschließend auch noch gehäckselt“.

AGL-Chef hat seine Zweifel

Dass seine Mitarbeiter mit ihren Laubbläsern und -saugern angeblich Insekten vernichten, kann AGL-Chef Lars Strehse indes nicht nachvollziehen: „Von dem Thema habe ich noch nichts gehört.“ Zwar sei es richtig, dass die AGL regelmäßig Laub mit Kehrmaschinen aufnehme und für die Kompostierung verwende – „das ist gute Biomasse!“ –, dass hierbei aber Insekten vernichtet würden, mag er nicht glauben. „Das Laub wird von uns auch gar nicht gemahlen, wozu auch?“, sagt Strehse. Das geschehe mit kräftigerem Grünschnitt. Er fragt sich, wie, wenn nicht mit entsprechendem Gerät, das Laub stattdessen entfernt werden sollte. Ulrich Blanck sieht hier die traditionelle Harke wieder gefordert, „das ist deutlich schonender“. Entsprechende Verbote gäbe es bereits in einigen Kommunen.

Rückendeckung für sein Vorpreschen bekommt der grüne Fraktionschef vom Lüneburger Nabu-Vorsitzenden Thomas ­Mitschke: „Gartenbesitzer und Stadtgärtner sollten da, wo es möglich ist, das Laub liegen lassen, vor allem aber auf Laubsauger oder -bläser verzichten.“ Klinisch saubere, laubfreie Gärten und Grünanlagen entzögen vielen Tieren die Lebensgrundlage. Käfer und andere Kleintiere hätten gegen den Turbo-Blas- und Saugstrom keine Chance, der selbst Frösche oder Molche verletzten und verschlingen könne. „Daher besser Besen und Rechen benutzen“, empfiehlt Mitschke. Neben dem Gehörgang werde die Umwelt vor Abgasen geschont.

Ganz will der Nabu-Experte dem Grünen beim Thema Harken nicht folgen: „Da, wo Sicherheitsaspekte eine Rolle spielen, wird das so nicht möglich sein.“
Ob die Grünen mit einem entsprechenden Antrag in den Rat gehen wollen, ließ Blanck noch offen. „Wir werden uns mit dem Thema beschäftigen, für dieses Jahr ist es ohnehin zu spät.“

Von Ulf Stüwe

18 Kommentare

  1. Kultivierter Gärtner

    Liebe Volksvertreter.
    Danke für diese bahnbrechende Initiative.
    Die Bewirtschaftung, Pflege und Reinigung der öffentlichen Flächen erfolgt vermutlich doch wohl durch den Einsatz von bestimmten Geräten und bestimmmter Technik, weil….
    es auch eine Frage des Personaleinsatzes ist. Wenn die kommunalen Betriebe und für die kommunen beschäftigte Betriebe zukünftig diese Aufgaben mit Besen, Rechen, Fugenkratzer vornehmen werden, dann werden sie vermutlich das Fünffache an Personal und Zeit benötigen.
    Oder wir lassen die Arbeit gleich sein. Ist doch auch schön, wenn die Natur das alles selbst regelt.
    Das wäre dann so, wie die bei der Bahn – wo die Bäume auch nicht mehr zurückgeschnitten werden.
    Wie sich diesen Herbst gezeigt hat, ein sehr besonderer Ansatz…
    Ich hatte mal einen Nachbarn, der diese Ideologie in seinem eigenen Garten auch vertrat. Dort haben sich die Insekten sichtlich wohl gefühlt.
    Ach so: Verbietet doch auch gleich die Motorsägen, die Motorhacken, Freischneider usw. gleich mit.
    Das möchte ich an dieser Stelle noch vorschlagen….

    • „In Deutschland sind über zwei Millionen Kinder von Armut betroffen“, heißt im Weihnachtsbrief des Deutschen Roten Kreuzes. „Die Wohnungsnot ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, hieß es letztens in der Zeitung. In Nordrhein-Westfalen ist der Feldhamster, las ich andernorts, ausgestorben; immer mehr heimische Vogelarten verschwinden oder sind längst verschwunden, der Kuckuck zum Beispiel wird die Klimaerwärmung wohl nicht überleben; und wegen Insektensterben, Klimawandel und monokultureller Idiotie wird der Apfelanbau, am Bodensee und anderswo, in näherer Zukunft in ernste Schwierigkeiten geraten. (In Kalifornien und China werden die Blüten bereits von Hand bestäubt.) Derweil ist der Absatz von Sportgeländewagen ungebrochen und sehen selbst Leute mit Kindersitz keinen Widerspruch darin, den Nachwuchs in Autos durch die Welt zu kutschieren, die nicht nur diese Welt ruinieren helfen, sondern anderen Kindern bei einem Unfall keine Chance lassen; und tun moderne Eltern für ihre Kinder alles, sind aber, sofern der morgendliche Ausflug in die Stadtteilbibliothek irgendwas besagt, nicht in der Lage, auch nur für zwei Minuten ihre elenden Daddelphones im Parka zu lassen.

      Shampoos und Cremes, sofern nicht aus dem Bioladen, sind randvoll mit Mikrokunststoff, der die Gewässer versaut und irgendwann wieder auf dem Teller landet; der Fernsehbericht darüber ist von der Erheblichkeit dieser Tatsache aber so wenig überzeugt, dass er mit Hochgeschwindigkeitsmontage und völlig sinnlosen Zooms (bei Interviews!: rein ins Gesicht, raus ausm Gesicht) um die Aufmerksamkeit der Leute buhlt, die ihr Daddelphone nicht aus der Hand legen können und deren Sprachschatz sich so rasant auf die Hauptbestandteile „alles gut“ und „lecker“ reduziert; derweil kopiert ein ARD-Fernsehfilm, ohne es wohl selbst zu merken, fugenlos die Bild- und Musiksprache der Margarinewerbung, und die Morgenzeitung – wo, wer’s aushält, verfolgen kann, wie das Plusquamperfekt aus der Sprache verschwindet, das totaler, verhältnisloser Gegenwart halt auch im Weg steht – hat gleichzeitig keine Schwierigkeiten mit der Schlagzeile: „O Pannenbaum“.

      Nennen wir’s ruhig Krise: ökologisch, geistig, sittlich, und selten genug, daß ich mit der Zeitung mal d’accord bin: „Daß in Deutschland gerade etwas schiefläuft, das gilt vielen als der einzig sichere Befund in diesen unsicheren Zeiten … So viel Ungewißheit, die Republik im Stillstand, das Land in der Schwebe. Wer hat da Angst? Wer hat nun Hoffnung? … Siemens schmeiße raus, und die Politik schmeiße hin. Dafür habe man nicht gewählt … Was darf eine Demokratie den Bürgern zumuten? Oder, andersherum: Was müssen die Bürger auch einmal aushalten können? … So eine Krise prüft ein Land … Hört man [Herfried Münkler, der jüngst ein Buch zum Dreißigjährigen Krieg veröffentlicht hat] zu, erscheinen Mißlichkeiten wie der Rückzug eines FDP-Chefs aus der Jamaika-Runde im Vergleich zur Auslöschung Magdeburgs 1631 als Fliegenschiß der Geschichte.“

      Allerdings nur dann. Ein Satz, der nach dem Nannen-Preis geradezu schreit.

      Wer solch krisenfesten Journalismus hat, muß sich vor dem Weltuntergang jedenfalls nicht fürchten. Er mag ihn fast herbeisehnen.

  2. Wie bei vielen technischen Neuerungen fasst man sich verwundert an den Kopf und fragt sich:“Was haben die Menschen früher nur ohne gemacht?“.

    • So ist es, Eratosthenes. Eine besondere Form von Egoismus stellt sich in der Zukunftsvergessenheit dar, in der fehlenden Verantwortung für künftige Generationen. Laubbläser & Co. bedrohen auch deren Lebensgrundlage. Bei unseren Eltern und Großeltern gab es stets die Zuversicht, zumindest aber die Hoffnung: den Kindern soll es mal besser gehen. Und heute? – Harald Welzer weist auf eine Umfrage der Boston Consulting Group hin, wonach nur noch 13 Prozent aller befragten Eltern glauben, dass es ihren Kindern einmal besser gehen würde als ihnen selbst. Und er stellt die berechtigte Frage: »Wo nehmen die restlichen 87 Prozent die entspannte Haltung her, dagegen nichts zu tun?«* Vielleicht liefert uns Erich Fromm die Antwort, wenn er feststellt, »dass der einzelne die sich am Horizont abzeichnende Katastrophe den Opfern vorzieht, die er jetzt bringen müsste.«**

      Wenn dem so ist, steht aber unweigerlich die Frage im Raum, inwieweit der Einzelne selbstbestimmt über sein Konsumverhalten entscheiden darf. Wie lauten die Argumente für und gegen staatliche Regulierung? Jedenfalls verlangt das immer deutlicher werdende Auseinandertriften von Lebensstandard und Lebensqualität, dass sich die Gesellschaft mit dieser Frage auseinandersetzt und sie nicht den Ideologen überlässt. Einer der letzten großen Humanisten, Erhard Eppler, hat schon vor vierzig Jahren auf den drohenden Konflikt hingewiesen:

      »Die Zigarette des einen ist doch der Kopfschmerz des anderen, das Auto des einen die Atemnot des anderen, der Motormäher des einen die Nervensäge des anderen. Schon weil dem so ist, können Lebens­standard und Lebensqualität nicht parallel laufen. Und sie tun dies umso weniger, je höher der Konsum ist.«***

      Nur wenn die Gesellschaft klar Position bezieht, wird auch der Einzelne vernunftbereit. Unsere Zeit offenbart ja ein geradezu tragisches Phänomen: der Mensch hält fest an seinem Wohlstandsprodukt, verteidigt es vehement gegen jeden Angriff. Doch wenn es nicht mehr verfügbar ist, vermisst er es kaum noch, ist unter Umständen sogar erleichtert durch dessen Verlust; jedoch immer unter der Voraussetzung, dass es jeden trifft. In Graz wurde in diesem Jahr der Einsatz von Laubbläsern verboten, und – siehe da, das Verbot traf auf Verständnis und Wohlwollen der Bürger. Weshalb? – weil nicht Einzelne verzichten mussten, sondern Alle.
      ________________

      * Harald Welzer „Selbst denken“ Frankfurt: S. Fischer 2013

      ** Erich Fromm „Haben oder Sein“ Stuttgart: DVA 1976

      *** Erhard Eppler „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“ München: dtv 1976

  3. „Verbietet doch auch gleich die Motorsägen, die Motorhacken, Freischneider usw. gleich mit.“
    Eine gute Idee, die Dinger nerven in Wohngebieten nämlich auch gewaltig!

    Ich finde es ziemlich traurig, das die Lebensqualität immer mehr der reinen Effizienz Platz machen soll.

  4. Komischerweise ist der Laubbläsereinsatz der einzige Wirtschaftbereich, indem erfolgreich mit Arbeitsplatzabbau argumentiert wird und alle das ganz besonders toll finden sollen. Dabei geht es hier auf Kosten der Umwelt, der Gesundheit der unmittelbar Anwesenden und Ungestörtheit hunderter Anwohner (Wenn man von Benzinern ausgeht. Bei den Akkugeräten fällt wenigstens dieser Faktor weg). Und das auch noch für eine „Gründlichkeit“, die niemand gefordert hat, bzw. in dem Maße eher kontraproduktiv ist: also unter Hecken und Büschen alles herauszublasen und somit gleichzeitig Lebensraum für Tiere zerstören und länger als notwendig die Anwohner nerven. Also hier hat WIRKLICH nur der Betreiber einen finanziellen Vorteil, für alle anderen entsteht ein Schaden – gegenüber den „althergebrachten“ Methoden.

  5. laubbläser sind überflüssig wie ein kropf. verpesten die luft, machen einen höllen lärm und schneller wird man dadurch auch nicht mit der arbeit fertig.

  6. Eingeschränkter Realist

    Fußwege und öffentliche Räume sind zu räumen!
    Die Rutsch- und Unfallgefahr ist nicht zu unterschätzen.
    Was jeder privat machen möchte, sei bitte ihm überlassen. (Zeitliche Einschränkung würde gehen)
    Definitiv gibt das öffentliche Personal, in heutiger Anzahl, diesen händischen Aufwand nicht her.
    Kumumen werden wieder zur Kasse gebeten usw.
    Macht gern eine Freiwilligen Aktion – aber bleibt bitte stets realistisch wieviel ihr machen wollt und überhaupt könnt!
    Bestimmt gibt es andere Aktionen diesen Tieren einen Raum zum Leben einzuräumen und trotzdem saubere Plätze zu gewähren.

  7. Stadtratmitglied Ulrich Blanck hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Diese Laubbläser sind ein evidentes Problem in Lüneburg und in der restlichen Welt. Warum hat er nur die Taxen vergessen. Diese Russschleudern und Luftverpester. Ursprünglich hießen sie Droschken. Also Verbannung aller Taxis in Lüneburg und zurück zu den Droschken mit echtem Pferdeantrieb. Ein oder zwei PS. Die Pferdeäpfel auf den Strassen werden vielen Insekten große Freude bereiten. Und auch die lauten Kehrmaschinen der Stadt. Naja – früher waren sie noch lauter. Aber warum die Rinnsteine nicht wieder mit Binsenbesen reinigen – wie früher. Also zurück in die Jahrhundertwende zwischen 1890 und 1910. Ich bin sicher. Die Grünen werden Lüneburg, Deutschland, Europa und die übrigen Kontinente noch retten. Die Menschen leben wieder glücklich ohne Technik, vielleicht nicht mehr so wohlhabend wie Heute aber zufrieden unter einer grünen Monarchie. Aber mal ernsthaft Herr Blanck. Gibt es nicht ganz andere Probleme und Aufgaben die es viel dringender zu lösen gilt als Laubbläser ab zu schaffen.

    • Ach so!
      Also ist Umweltschutz für Sie nur „Hipster-Spinnerei“?!
      Denken Sie an das altbekannte Sprichwort:
      „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

  8. Hallo Heidi und Eratosthenes, ich kenne die Problematik. Zu meiner ersten eigenen Bude gehörte ein Eierschneider. Aus Plastik. In Orange. Dazu ein Eipick. Aus Plastik. Unten orange, oben weißlich. Ich installierte ihn so, daß orange oben, weißlich unten war, indem ich ihn mit Superkleber unter dem Tassen-und-Teller-Hängeschrank befestigte. Die Idee fand ich super: Ei aus der Pappe nehmen, von unten gegen den Eipick drücken, damit hoffentlich das Aufplatzen des Eis im Kochwasser verhindern, mich sehr gut organisiert fühlen. Der Eipick war immer am selben Platz, mußte also nicht mühsam in Schubladen gesucht werden, er konnte nicht verstauben, und wenn jemand zu Besuch kam, konnte ich nach dem nie ausbleibenden »Was ist das denn?« den Eindruck eines sehr cleveren Bürschchens machen. So richtig clever, stellte sich ziemlich schnell heraus, war die Idee aber doch nicht. Die fettigen Kochschwaden legten sich auf den Eipick, und es bildete sich um ihn herum auch eine unschöne Schicht aus Eimasse. Die Eimasse war dort durch Eier gelandet, die eine viel zu dünne Schale und deswegen das Anpieksen nicht gut vertragen hatten. Ich habe meine Feinmotorik seitdem erheblich verbessert. Für den Eierschneider im selben undezenten Orange hatte ich keine feste Installation vorgesehen. Ich kann mich nicht erinnern, das Plastik-Draht-Maschinchen jemals, außer mißbräuchlich, nämlich als Harfe, verwendet zu haben. In einem Einpersonenhaushalt sind die Anlässe, zu denen man zwölf Eier kochen, schneiden und legen müßte, selten. Meine Mutter hatte mir das Ding (»Ist doch praktisch!«) für meine erste eigene Bude gekauft, weil sie dachte, daß ich meine Freunde, so wie sie es zu tun pflegte, gerne mit Häppchen und Schnittchen bewirten würde. Häppchen und Schnittchen waren in meinem Freundeskreis aber schon damals nicht sehr beliebt. Ich selbst lud nie jemanden ein, weil ich alle Tage und Nächte mit Selbstfindung vollauf beschäftigt war und nicht auch noch Zeit mit Häppchenzubereitung verplempern wollte. Statt dessen klimperte ich hochkonzentriert auf meiner Eierschneiderharfe und kam so schon im fünfundzwanzigsten Semester auf die Lösung: Laß deine Eltern sich nicht in deine Wohnungsausstattung einmischen!

  9. Dieter Birnbacher

    Es gibt zwar das Prinzip der Nächstenliebe, wir wissen aber, dass es mit der Fernstenliebe schon schwieriger wird. Auch der gedankenlose Einsatz des benzingetriebenen Laubbläsers unterstreicht das große Problem, das man das Motivationsproblem nennen kann. Was uns nicht auf den Nägeln brennt und als eigene Belastung spürbar wird, motiviert uns nur sehr schwer zum Handeln, vor allem dann, wenn es uns selber Einschränkungen in unserem persönlichen Lebensstil auferlegt. Das ist das Hauptproblem, dem wir uns moralisch und politisch gegenübersehen. Bei der Umweltverschmutzung im engeren Sinne: schlechte Gerüche, dreckiges Wasser, Vernebelung der Stadtlandschaft durch Smog sind wir sensorisch konfrontiert. Wir empfinden es als Störung, es schränkt uns ein. Bei den Fernwirkungen, die an anderen Stellen des Globus oder in der weiten Zukunft anfallen, empfinden wir das nicht. Daher haben wir hier eine Motivationslücke, die auch durch die noch so lebhafte Darstellung der Folgen in den Medien nicht geschlossen wird. Eine mögliche Gefahr, die wir heute schon sehen, ist allerdings die verstärkte Migration aus durch den Klimawandel beeinträchtigten Gebieten der Welt. Der Druck der Migration wird mit dem Klimawandel erheblich zunehmen. Davon bekommen wir schon jetzt einen Vorgeschmack. Insofern sind wir mit den ferneren Folgen zu einem Teil auch heute schon konfrontiert. Das schärft vielleicht nicht unser moralisches Bewusstsein, aber die Betroffenheit. Unsere Moral ist ja weitgehend in Ordnung. Die Frage ist eher, warum es für uns so schwierig ist, unsere Moral in die Tat umzusetzen und daraus praktische Schritte werden zu lassen. Es ist leicht, Moral zu proklamieren, wie das Pariser Abkommen zu schließen, aber es ist schwierig, daraus Konsequenzen zu ziehen. Und für alle Beteiligten, ob Politiker, Produzenten oder Konsumenten ist es schwer, sich von liebgewordenen Handlungsweisen zu verabschieden. Aber es ist immer besser, moralisch zu handeln. Es ist nicht immer besser für einen selbst. Das Moralische hat nun einmal eine vom Eigennutz absehende Komponente. Das ist das Eigentümliche der Moral, dass sie das Ganze im Blick hat. Das Prinzip der Universalität, wie es sich auch in den Menschenrechten dokumentiert, können wir nicht überspringen. Das universale Moment bedeutet, von dem, was uns selbst wichtig ist, ein Stück weit abzusehen.

  10. Ist Laubbläser eigentlich ein Ausbildungsberuf?

    • Das Kunsthandwerk effektvoller Laubbläserei kann man sich derzeit nur im zuchtvoll disziplinierten Selbststudium aneignen. Der geplante zweisemestrige Intensivlehrgang zu musikalischen, technischen, sozialpsychologischen und rechtlichen Aspekten des verbrennungsmotorgetriebenen Verwirbelns im Vergleich zu der traditionellen Methode des Zusammenharkens mittels eines sogenannten Laubrechens soll aber, sofern ich richtig informiert bin, an der Fernuniversität Hagen im März 2019 an den Start gehen. Übrigens können viele Laubsauger durch Luftstromumkehr auch als Laubbläser (Laubpuster) arbeiten.

  11. Liebe Heidi, der Laubbläser ist ein gutes Beispiel dafür, wie Mensch und Maschine im 21. Jahrhundert eine Einheit bilden können. Der mechanische Teil des Laubbläsers dient dazu, herbstliche Verunreinigungen von Laubbäumen nicht nur unter diesen zu belassen, sondern mittels energieintensiver Verbrennungsmotorentechnik und Druckluft auch auf benachbarte Grundstücke und öffentliche Verkehrsräume zu verteilen. Der biologische Teil des Laubbläsers bringt den mechanischen Teil in Position, übernimmt seine Bedienung und hält die Kommunikation mit anderen Laubbläsern oder Nachbarn aufrecht. Auch er besitzt einen Druckluftausgang.
    Der mechanische Teil des Laubbläsers besteht aus einem dem Körper des biologischen Wirts angepassten Trägersystem, welches an Schultern und Taille parasitär angeflanscht wird, ferner einem Metallgehäuse und einem langen Blasrüssel oder Blasrohr, ähnlich eines Elefanten. Dieser Fortsatz soll an das am Boden liegende Laub möglichst nah herangeführt werden um es aufzuwirbeln. Die Energie dazu entstammt einem Verbrennungsmotor, dessen großzügige Lautstärke und Vibrationsfähigkeit ein Kaufkriterium und nachbarliches Neidpotential darstihlstellt.
    Der menschliche Teil der Laubbläsereinheit wird aus einem meist männlichen Individuum mittleren Alters mit exzessiv ausgeprägter Ordnungsveranlagung und starker Willenskraft gebildet. Beides erlangt häufig Einfluss auf sein weibliches Gegenstück. Dieses hat ihn stolz und ehrfürchtig aufgrund seiner technischen Versiertheit und seinem Fleiß durch das Küchenfenster zu bewundern und Getränke und Mahlzeiten bereitzuhalten. Der männliche Laubbläser zieht daraus Bestätigung und Selbstvertrauen, die er anderen männlichen Laubbläsern gegenüber mit balzhafter Gestik gerne zum Ausdruck bringt.
    Die Außenhülle des menschlichen Laubbläserteils besteht aus leger sportlicher Kleidung und im Idealfall aus Cordhut und Ohrschützer, um nicht durch den Lärm anderer Laubbläsereinheiten oder seiner quengelnden Frau irritiert zu werden. Diese Ohrschützer werden nur abgenommen, wenn an beide oder den sich beschwerenden Nachbarn verbale Attacken zu verteilen sind. Gerade nachbarliche Querelen entstehen meist durch die mangelnde Zielgenauigkeit der Laubbläsereinheit, die das ihr anvertraute Laubproblem meist nur verlagert, aber nicht beseitigt.
    Um eine Laubbläsereinheit artgerecht einsetzen zu können, ist das abgeworfene Blattmaterial blatttragender Laubbäume notwendig. Dieses florale Abfallphänomen tritt vorwiegend im Herbst auf. Ungeduldige Laubbläser versuchen allerdings schon im Sommer durch intensives Anblasen von Laubbäumen Falllaub zu erzeugen, welches dann zusammengeblasen werden kann.
    Die meisten Laubbläser sind tagaktiv. Mittäglicher oder gar nächtlicher Einsatz ruft nämlich oftmals starken Protest unbelaubtbläster Nachbarn hervor und kann die Ankunft von blasierten Beamten, bekleidet mit laubgrünen Blazern, in laubgrün-weißen Fahrzeugen mit Blau-Laser in Blinklichtform auf dem Dach bedeuten.
    Eine Laubbläsereinheit wird aber stets ebenso aktiv, wenn in Hörweite der Brunftschrei einer weiteren Laubbläsereinheit zu vernehmen ist. Gerade in den Vorgärten der Vorort-Einfamilienhäuser kann ein einzelner Laubbläser innerhalb kürzester Zeit einen vielstimmigen Laubbläserchor hervorrufen, der den menschlichen Erfindungsreichtum ebenso preist, wie die Gewitztheit der Werbeabteilungen von Baumärkten oder Verbrennungsmotorenherstellern.
    Der natürliche Feind des Laubbläsers ist die Ölkrise und der Wind. Dessen destruktive Verhaltensweise kann die Arbeit eines samstagnachmittäglichen Laubblasens vollständig zunichte werden lassen. Der Wind neigt nämlich dazu, selbst Laubhaufen an topografisch ungünstiger Stelle zu gestalten, die vom Laubbläser in privilegierteren Bereichen zwar angestrebt, aber objektiv kaum erzielt werden.
    Die Verbrennungsmotorenhersteller begegnen dem Naturphänomen mit immer noch stärkeren Antriebsaggregaten, die mit Orkanstärke Orkanen Stand halten, Baumärkte gewinnoptimieren und die Ölschieferförderung in nordkanadischen Nationalparks rentabel gestalten.
    Laubbläser werden zur Zeit dahingehend getestet, ob sie nicht auch im Winter als Schneeflockenbläser eingesetzt werden können. Dabei treten sie aber in Konkurrenz zu den noch leistungsstärkeren Schneefräsen. Beide mechanisch-biologischen Einheiten sollen zukünftig als Schneelaubbläserfräsen konzipiert werden, die zudem als Küchenmaschinen fähig sind, leckere Smoothies herzustellen.
    Der Schritt zum fahrbaren Laubbläser mit Wetterschutz indes wurde von der Marke Smart längst vollzogen.

  12. Was mag der Laubfrosch vom Laubbläser halten?

  13. Volkmar Björnsen

    Wie Alexander Schwake die Laubbläserproblematik wohl sieht? Dazu würde ich mir von der LZ-Redaktion ein ausführliches Interview mit dem Mann wünschen, der den Lüneburgern ein okey-dokey, supi-dupi, megabequemes Leben ermöglichen will.

    • Lieber Alexander Schwake

      Immer wieder hört man von begeisterten Gärtnern mit Hang zur Esoterik, daß es dem Pflanzenwachstum ungemein zuträglich sei, wenn man regelmäßig mit den lieben Gewächsen spreche. Zwar bin ich solchen Anwandlungen gegenüber recht skeptisch, doch die Kürbisse eines derart verfahrenden Bekannten waren dieses Jahr überdurchschnittlich groß. Auf der Fensterbank begann ich also, einige Kräuter zu züchten und seine Methode zu überprüfen. Den Kräutern täglich zu erklären, daß ich sie auf dem Kompost verrotten lasse, wenn sie nicht bald wachsen, hat bisher jedoch keine Wirkung gezeigt.
      LG, Karl Franz