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Stadtwächter Claas (Klaus Niclas) steht auf dem Markt, wo sich einst der Schandpfahl befand, er raunt: „Der Lügner wird durchs Ohrläppchen hindurch am Balken festgenagelt.“ Foto: lz/be

Schauriges für kleine Schlitzohren

Lüneburg. Luise ist ein Schlitzohr. Zumindest, wenn man der beschrifteten Wäscheklammer an ihrem Kragen Glauben schenkt – einer fehlerhaften Angabe aus einem längst vergangenen Jahrhundert, die Stadtwächter Claas am Montag schnell aufdeckt: Ein Blick aufs rechte und aufs linke Ohr der Sechsjährigen, dann steht fest: „Dich haben sie noch nicht beim Lügen erwischt.“
Da steht der Mann in langem Gewand – im Hier und Jetzt genannt Klaus Niclas – auf dem Rathausplatz, wo sich einst der Schandpfahl befand, klopft mit seiner Stangenwaffe auf den Boden und raunt: „Der Lügner wird durchs Ohrläppchen hindurch am Balken festgenagelt.“

Neugierige Gesichter lugen ein Stockwerk tiefer unter ihren Kapuzen hervor. Lauter kleine Schurken und Halunken, steht auf ihren Wäscheklammern. Zehn Kinder, die wissen wollen, was in ihrer Stadt im 16. Jahrhundert mit Gaunern angestellt wurde. Vom Schandpfahl aus vorbei am Gericht, zur Stadtmauer bis ans Gefängnis – die Stadtführung mit Claas und Kräuterfrau Marie (Verena Fiedler) zur Lüneburger Kinder- und Jugendbuchwoche verspricht schon bald ein schauriges Erlebnis zu werden.

„Verbrechen zahlen sich nie aus“

Dabei mag die zehnjährige Jana eigentlich lieber sanftere Abenteuer: die von „Conni & Co“ zum Beispiel, oder Pferdegeschichten. „Wenn es so sehr gruselig wird, dann mag ich nicht hinhören“, verrät sie, als sich die Gruppe im Dämmerlicht dem alten Gefängnis nähert. Mäuse, Flöhe, Wanzen: „In so einem Gefängnis ist damals immer etwas los“, erklärt Claas mit Blick auf die vergitterten Luken im Fachwerk.

Und an eine Heizung sei da nicht zu denken gewesen, ergänzt Marie. Jana hört aufmerksam zu, die siebenjährige Constanze will sich das Ganze sogar am liebsten von innen ansehen – allerdings: „Nur, wenn ich wieder raus darf.“

Nach draußen, wo es am Montagnachmittag nass und dunkel ist. Wo es in den engen Gassen nur so vor kriminellen Geschichten zu wimmeln scheint – von echten Gaunern und Betrügern der Stadt, ohne Nasenspitze oder Mittelfinger, weil man sie ihnen früher zur Strafe gewaltsam entfernt hat. Nein, ein Verbrechen habe sich nie ausgezahlt, weiß Marie. Damals nicht und heute genauso wenig.

Von Anna Petersen