Donnerstag , 20. September 2018
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Birgit von Paris bietet mit ihren Mitstreitern auch einen Mittagstisch an. Jetzt verabschiedet sie sich von der christlichen Einrichtung, die selbstverständlich auch muslimische Kinder nutzen können. Foto: a/lz/t&w

Kindertafel Lüneburg: Ein Abschied mit Folgen

Lüneburg. Nach mehr als 20 Jahren verabschiedet sich Birgit von Paris aus der Leitung der Kindertafel der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Neu Hagen. Sie hat jede Woch e ungezählte Stunden in die Organisation des Projekts gesteckt. Ehrenamtlich. Lohn gab es nicht. Im Gegenteil, sie hat für Telefongespräche und Fahrten quasi eigenes Geld mitgebracht. Wenn sie geht, hinterlässt sie eine riesige Lücke. Da sind sich Pastorin Dorothee Kanitz und Oberbürgermeister Ulrich Mädge einig. Doch wie geht es weiter? Eine neue „Ehrenamtliche“ ist seit Jahren nicht in Sicht. Nun soll eine Leitung eingestellt werden. Das Projekt wird voraussichtlich auf andere Füße gestellt.

Kommissarisch übernimmt Ulrike Butenschön die Leitung. Sie ist seit 2014 mit einer halben Stelle für die Hausaufgabenbetreuung angestellt. Pastorin Kanitz und der Kirchenvorstand wollen sie unterstützen.

Trotzdem dürften erst einmal große Herausforderungen auf die Gemeinde und die Kindertafel zukommen. Das sieht auch die Geistliche so. Die Einrichtung im Haus an der Bunsenstraße finanziert sich ausschließlich über Spenden. Zwischen 100 000 und 120 000 Euro hat Birgit von Paris mit ihrem Team jedes Jahr zusammenbekommen, um den Betrieb zu gewährleisten. Dorothee Kanitz ist sich bewusst: „Das Spendenaufkommen könnte einbrechen, denn das Gesicht der Kindertafel fehlt.“ Es werde dauern, „bis sich das erholt“. Doch sie sei optimistisch, dass es gelingt: „Sinn und Zweck der Arbeit bleiben ja erhalten.“ Deshalb appelliert sie an Unterstützer – das sind Unternehmen, Organisationen, aber auch viele Bürger –, dem Projekt weiterhin gewogen zu bleiben.

Die Gemeinde ist zudem mit der Stadt im Gespräch. Das bestätigen beide Seiten. Es geht um eine Kooperation, also auch um Geld. Über erste Ergebnisse will Sozialdezernentin Pia Steinrücke am 7. Dezember im Sozialausschuss berichten. Im Rathaus hält sich Sprecher Daniel Gritz zu Einzelheiten bedeckt, sagt lediglich: „Es wird weitergehen, Ende des ersten Quartals 2018 werden wir eine Lösung haben.“

Pastorin Kanitz ergänzt, neben der Stadt sei auch eine Zusammenarbeit „mit der Diakonie denkbar, aber die Gemeinde möchte gerne die Trägerschaft behalten“.
Birgit von Paris will sich mit Beginn der Weihnachtsferien von der Kindertafel verabschieden: Mit 70 sei es Zeit, sie wolle mehr Zeit für Tochter und Enkelkind haben – und für das geliebte Cornwall.

Sie blickt auf eine aufregende Zeit zurück. Aus einer Handvoll Kinder aus der Nachbarschaft zu Beginn wurden zeitweilig 50. „Durch die Ganztagsschule ist die Zahl auf jetzt 35 gesunken“, sagt sie. Kamen damals auch Jugendliche, seien es heute vor allem Mädchen und Jungen im Grundschulalter. Alle stammen aus Familien in schwierigen Situationen oder besitzen einen Flüchtlingshintergrund. Neben Hausaufgabenhilfe und Mittagessen gehe es um mehr: Auch die Familien suchen Hilfe etwa beim Umgang mit Behörden und Schule.
Immer wieder sitzt Birgit von Paris deshalb in Klassen- und Schulkonferenz mit am Tisch, um sich für ihre Schützlinge einzusetzen. „Viele der Kinder haben eine Menge durchgemacht“, sagt sie. Die Kindertafel bedeute da auch ein Stück Geborgenheit.

Ohne ihren Mann Peter hätte sie vieles nicht hinbekommen. Der arbeitet selbstverständlich ehrenamtlich mit. So wie auch andere. Doch es sei nicht einfach, Menschen zu finden, die sich langfristig engagieren wollen und können. Aber das sei nicht mehr ihre Aufgabe. Sie wolle sich ganz aus ihrem Amt verabschieden. Es sei nicht gut, sich später einzumischen.
Im Januar plant die Gemeinde ein großes Abschiedsfest. Da werden einige kommen, die Danke sagen – auch Erwachsene, die als Kinder Gast der Tafel waren. Ihnen kam das zugute, was Oberbürgermeister Mädge ganz passend zur Arbeit von Birgit von Paris in der christlichen Gemeinde sagt: „Ihre Arbeit ist segensreich.“

Von Carlo Eggeling