Donnerstag , 20. September 2018
Aktuell
Home | Lokales | Schläft die Stadt, rollt der Ball
Sie alle eint die Begeisterung für den Sport: Zwischen 10 und 80 junge Erwachsene sind dabei, wenn mit dem Projekt „Moonlightsports“ nachts die Turnhallen geöffnet werden. Foto: lz/t&w

Schläft die Stadt, rollt der Ball

Lüneburg. Wenn Kaltenmoor schläft, dann tief und fest. An einem Novembermontag ab 22 Uhr fährt der Stadtteil seine Funktionen auf das lebensnotwendige Maß zurüc k – auf den kontinuierlichen Verkehr, der durch seine nassen Straßen fließt, das kühle Licht der Fernseher, das vor den Fenstern auf den Fußwegen zuckt, den Schlag seines Herzens im Takt eines dribbelnden Fußballspielers.

Das ist Mahmoud Darwish. Sein dunkles Haar klebt auf der Stirn, Schweißperlen tropfen auf die bebende Brust. Der 20-Jährige beginnt dem Ball hinterherzujagen, als es draußen bereits stockfinster ist – in der Sporthalle des Johanneums, einem leuchtenden Vakuum in der nächtlichen Tristesse. Mahmoud rennt. Um ihn herum eine Traube weiterer Spieler – Bruder, Cousins, Freunde, die er sonst abends auf dem Fußballplatz trifft, wenn es nicht regnet, schneit oder die Studenten des Projekts „Moonlightsports“ ihnen die Hallentür öffnen.

Kein Schiedsrichter, eher ein Vermittler

Man nennt sie auch „Moonlight-Menschen“. Sahin Uzun ist einer von ihnen. Oft steht er nachts am Spielfeldrand – gibt Bälle und Trikots heraus, kontrolliert, ob alle Schuhe sauber sind, weiß, wo der Verbandskasten liegt, albert mit den Jugendlichen herum, aber verliert nie das sportliche Treiben aus dem Blick. „Ruuuhig“, raunt er den 14 Spielern fast beiläufig entgegen, wenn Worte oder Techniken zu grob zu werden drohen, und prompt kehrt Ruhe ein.

Ein Schiedsrichter? „Nein, eher Vermittler“, korrigiert Uzuns Ehrenamtskollegin Caro Dreßler. Sie vermitteln, wenn es Streitigkeiten gibt, genauso die acht Hausregeln sowie bei Missachtung Konsequenzen. „Das kann schon hitzig werden beim Fußball“, weiß Sahin Uzun. Zoff und verbale Entgleisungen kämen vor, „aber dann geht man dazwischen, und es ist wieder gut“. Alle 16 Projektbetreuer haben Kurse für Gewaltprävention und Erste Hilfe besucht.

Die nächtliche Initiative entstand vor 20 Jahren in Kaltenmoor. „Da gab es damals sehr viel Vandalismus und mehr Gewalt“, weiß Caro Dreßler. „Moonlightsports“ ist der Versuch, dem etwas entgegenzusetzen – und zwar Bewegung. Daraus erwachsen ist seit dem Zuzug vieler Flüchtlinge auch ein Integrationsprojekt. „Ich habe mitbekommen, dass es auch hier erst einmal Vorurteile gab“, erinnert sich Caro Dreßler, „dass es Lager gab: Alteingesessene gegen Geflüchtete.“ Zu den sechs Terminen pro Woche träfen oft viele Nationalitäten aufeinander, auch am Kreideberg und am Bockelsberg, wo inzwischen ebenfalls Turnhallen zu später Stunde geöffnet werden – manchmal für zehn, manchmal für 80 Sportler. Heute ist Caro Dreßler sehr zufrieden mit der Entwicklung: „Es haben sich da richtige Freundschaften gebildet.“

Darauf hoffte auch Ayaz Darwish, als er vor zweieinhalb Jahren aus Syrien nach Deutschland kam. Seit einem Jahr lebt er in Kaltenmoor, spielt Fußball im Verein und ist trotzdem noch regelmäßig abends mit am Start. „Die Leute sind alle nett“, sagt er, und: „Das hat mir geholfen, deutsch zu lernen.“ Klar könne man zu dieser Uhrzeit auch auf dem Sofa relaxen, „aber zu Hause ist es doch langweilig“, beschließt Magd Othman seinen Satz. 17 Jahre ist er alt, Berufsschüler und mit seinem Bruder da. „Das sind alles meine Freunde“, erklärt der fröhlich grinsende Junge im neongrünen Sportshirt. Und die haben, wie er, nur eines im Sinn: sich auszupowern.

An diesem Abend fast zwei Stunden am Stück. Es ist Mitternacht, als die Männer das Feld verlassen. Darunter Ahmad Makso, der nach zwei schweren Fußverletzungen vier Jahre lang nicht trainieren konnte. Heute stand er erst das dritte oder vierte Mal wieder im Tor. „Das Hobby ist für mich sehr wichtig“, sagt der 27-jährige Syrer. Dann lächelt er und verschwindet mit den anderen in Richtung Ausgang, hi­naus auf die Straßen des schlafenden Kaltenmoor.

Von Anna Petersen