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Die Herberge am Kalkberg ist Anlaufstelle für viele, die ihre Wohnung verloren haben. Die Zahl der Betroffenen steigt - bundesweit und auch in Lüneburg. Foto: a/lz/be

Jung, psychisch krank, obdachlos

Lüneburg. Der Trend setzt sich fort: Immer mehr junge Menschen landen auf der Straße, und sie leiden oftmals unter psychischen Problemen und Sucht. Zudem nimmt die Zahl der Wohnungslosen generell zu. Was sich bundesweit zeigt, spiegelt sich auch in Lüneburg wider. Michael Grünwald, neuer Leiter der Herberge am Benedikt, und seine Kollegin Daniela Faber, Leiterin ambulante Hilfen beim Herbergsverein, sehen in ihren Einrichtungen immer mehr Menschen, die ihre Bleibe verloren haben.

Die Zahlen Betroffener steigen stetig

In der Beratungsstelle „Wendepunkt“ an der Salzstraße zählte Sozialarbeiterin Faber 2015 zwanzig sogenannte mobile Durchreisende, ein Jahr später waren es 24 und in diesem Jahr bereits 34. Das klingt nicht viel, doch dazu kommen aktuell 36 „örtliche Wohnungslose“ sowie 23 „chronisch mehrfach beeinträchtigte Meschen“.

Auch die 50 stationären und 35 Akut-Plätze in der Herberge seien fast ständig belegt, manchmal darüber hinaus. Zudem biete der Herbergsverein 209 Mietern in einzelnen Wohnungen und Wohngemeinschaften eine Unterkunft.

Gerade erst hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe Zahlen vorgelegt. Die Prognose: Galten im Jahr 2016 rund 860 000 Menschen in Deutschland als wohnungslos, könnten es 2018 bereits 1,2 Millionen sein. Darunter seien 440 000 Flüchtlinge, die in Gemeinschaftsunterkünften leben.

Selbst wenn man deren Zahl vernachlässigt, da die Zuwanderer zumindest ein Dach über dem Kopf haben, nennt die BAGW dramatische Werte: 2014 lebten bundesweit 39 000 Menschen auf der Straße, 2016 waren es 52 000. In prekären Wohnverhältnissen harren zudem 32 000 Kinder und Jugendliche aus.

Jugendliche haben oft eine Karriere hinter sich

Grünwald berichtet, dass knapp ein Fünftel seines Klientels in der Herberge zwischen 21 und 25 Jahren alt ist, zusätzliche zehn Prozent sind 26 und 27. Deren Weg sei oft ähnlich: „Die Leute verlieren aufgrund von Mietschulden ihre Wohnung. Jugendliche haben eine Karriere hinter sich: Sucht, kein Job, Betreuung durch die Jugendhilfe.“

Aber auch „Hartz IV-Sanktionen“ spielten eine Rolle: Wer jünger als 20 sei, dürfe in der Regel keine eigene Wohnung beziehen oder müsse Auflagen erfüllen. Wer aber großen Ärger mit den Eltern habe, ziehe dann zu Freunden. Es ist eine andere Form des bei jungen Weltenbummlern beliebten Couch-Surfings – denn wer nicht bei Kumpels unterkommen kann oder sich mit ihnen verkracht, steht vor der Tür.

So ein Schicksal habe mehrere Facetten: keine Wohnung, kein Einkommen, zumeist keine geregelte Krankenversicherung, keine Ausbildung in Sicht. Allerdings könne man manchem helfen, sind sich Daniela Faber und Grünwald einig. Wer etwa Drogen nehme, den versuche man, zum Gang in eine Entgiftung zu bewegen. Auch bei psychischen Erkrankungen vermittele man: „Mancher kann dann wieder Fuß fassen.“

Kooperation mit der Drogenberatungsstelle Streetwork

Dass das allerdings nicht immer klappt, ist am Sand und im Clamartpark zu beobachten. Dort bietet der Herbergsverein in Kooperation mit der Drogenberatungsstelle Streetwork an. Für manchen, der da sitzt, scheint es kein Entkommen aus dieser Situation zu geben. Die Sozialarbeiter räumen ein: „Wir können Hilfestellungen geben und beraten, aber wir können Menschen nicht verändern.“

Doch was könnte helfen, bevor jemand den Boden unter den Füßen verliert? Die Sozialarbeiter plädieren dafür, zu reagieren „bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Wohnungsgesellschaften und Vermieter könnten in Zusammenarbeit mit sozialen Organisationen einen Sozialdienst anbieten“. Der könnte eingreifen, wenn es zu Problemen komme, etwa wenn Mieter sich auffällig verhalten, weil sie trinken, verdrecken oder andere durch ständigen Lärm stören. Das sei im Interesse aller. Grünwald: „Wohnraumverlust ist für Kommunen teuer ohne Ende.“ Denn Städte und Gemeinden müssen bei Wohnungslosigkeit einspringen und helfen. Die Stadt Lüneburg hat diese Aufgabe an den Herbergsverein übertragen.

Anders als in Großstädten wie Hamburg sind Winter-Notunterkünfte an der Ilmenau kein Thema: Niemand brauche im Freien zu übernachten, sagen Grünwald und Daniela Faber unisono. Allerdings gebe es Menschen, die nicht in die Herberge wollen. Ihnen könne man im Zweifel mit warmer Kleidung, Iso-Matten und Schlafsäcken helfen.

Von Carlo Eggeling

Hintergrund: Zur Person
Michael Grünwald hat die Leitung der Herberge übernommen, er tritt die Nachfolge von Britta Kämpfer an. Der 43-Jährige hat damals an der Fachhochschule in Lüneburg Sozialpädagogik studiert. Er war in Hamburg tätig und vor seinem Wechsel nach Lüneburg sechs Jahre in der Wohnungslosenhilfe im Kreis Harburg.