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Die Umweltfilmtage beginnen: Organisator Ewin Germer mit Scala-Chefin Ruth Rogée und Referent Prof. Dr. Peter Pez (v.l.). (Foto: phs)

Eine Stadt auf zwei Rädern

Lüneburg. Der Oberbürgermeister hatte es gerade erst im Interview mit der LZ gesagt: Ulrich Mädge plädierte am Sonnabend für den Ausbau der B ahnstrecke nach Bleckede, eben um so auch in der Fläche Wohngebiete mit Mietwohnungen entstehen zu lassen und an Lüneburg anzubinden. Bei der Eröffnung der Umweltfilmtage stieß Referent Prof. Dr. Peter Pez am Sonntag im Scala-Kino ins gleiche Horn – mit einer ähnlichen Begründung: In der Stadt gebe es bald kaum noch Platz für Wohnungsbau, bei anhaltender Zuwanderung unter anderem von „Hamburg-Flüchtlingen“ müsse man schauen, im Umland Quartiere zu schaffen. Da böten sich Orte an Bahnlinien nach Bleckede, Amelinghausen und Lauenburg an. Langfristig könnte auch die stillgelegte Buchholzer Bahn wieder eine Rolle spielen.

Peter Pez begleitet Lüneburger Verkehrsfragen seit 1990, also im Prinzip seit der Umsetzung des Verkehrsentwicklungsplanes, der der Innenstadt mehr Fußgängerzonen bescherte, dazu gehören beispielsweise Heiligengeist- und Schröderstraße. Daher war er für Edwin Germer, er organisiert die Umweltfilmtage, der richtige Mann, um seine Version für eine Stadt mit weniger Autoverkehr zu entwickeln. Rund 40 Gäste waren gekommen, kaum junge Leute, eher ein Publikum in reiferen Jahren.

Auto weniger Statussymbol als früher

Eine Kernthese des Geografen, der an der Leuphana lehrt: In den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war das Auto ein Zeichen des Wohlstandes, da fuhr man sonntags spazieren – „furchtbar“. Für Jüngere sei das Auto heute ein „Sachgegenstand“. Man nutze es, wenn man es brauche, aber dazu auch Rad oder Bahn. Dementsprechend müssten letztere Angebote attraktiver werden.

In Sachen Rad könne Lüneburg noch eine Menge machen. Pez kritisierte verkehrsarme Einbahnstraßen, die Radler nicht in Gegenrichtung passieren dürften. Er monierte Wege auf dem Kreideberg und in Kaltenmoor, die eigentlich nur für Fußgänger freigegeben sind, obwohl sie breit genug für ein Velo sind – und in Wirklichkeit seit jeher auch von Zweirad-Fans genutzt werden. Dazu kommen Sperrgitter, die für Lasten- und Transporträder für Kinder oder Behinderte zu kaum überwindbaren Barrieren werden und zu Umwegen zwingen. Auch Sackgassenschilder seien oft eine Zumutung, weil sie aus „Windschutzscheiben-Perspektive“ aufgestellt worden seien – Radler und Fußgänger kämen etwa am Lüner Weg mühelos voran in Richtung Innenstadt oder Lüne.
Bereits im Sommer hatte Pez gemeinsam mit der LZ ein Netz von schnellen und bequemen Radverbindungen aus den Umlandgemeinden in die Stadt vorgestellt. Abseits der Hauptstraßen und ohne viele Ampeln kommt man strampelnd zügig ans Ziel. Doch davon gebe es viel mehr, dazu Ringverbindungen um den inneren Kern, die aber die Stadtteile bestens verknüpfen. All das sei zu wenig bekannt und werde zu wenig gefördert.

Hoffnung: Mehr mit dem Rad zur Arbeit

Der Wissenschaftler beschreibt, was viele erleben: Mehr Baugebiete bedeuten mehr Verkehr. Immer öfter stehen Autofahrer im Stau. Daraus folgt für ihn, dass diese Gebiete bereits so angelegt werden, dass in ihnen selbst wenig Verkehr fließt. Zentrale Stellplätze, am besten auf zwei Ebenen, um Platz zu sparen. Kein Carport mehr vor der Tür. Die Hoffnung: Wer so lebt, fährt eher mit dem Rad zur Arbeit oder zum Bummel in die Stadt.

Die Politiker im Rat und die Planer in der Bauverwaltung müssten sich dabei viel stärker auf einen Satz besinnen, den sie bereits 1990 im Beschluss zum Verkehrsentwicklungsplan weit vorne festgeschrieben haben: „Es gilt Fahrrad vor Auto.“ Den scheinen manche nicht zu kennen oder vergessen zu haben.

Von Carlo Eggeling