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Marina Krohn (l.) und die anderen Kursteilnehmer dürfen ihr neues Wissen über den Baumschnitt gleich praktisch anwenden. (Foto: phs)

Mit Baumschnittkursen mehr Licht und Luft fürs Obst

Amt Neuhaus. Es ist ein nebliger Novembermorgen, der das Wochenende am Sonnabend einläutet. Draußen sind es wenig mehr als null Grad Celsius. Trotz der Kälte ist Marina Krohn schon früh aus ihrem warmen Bett gekrochen. Sie hat sich dicke Arbeitsklamotten angezogen und sich dann pünktlich auf den Weg gemacht von ihrem Heimatort Schwanheide in Mecklenburg-Vorpommern in das rund 30 Kilometer entfernte Dellien im Amt Neuhaus. Denn dort findet an diesem Morgen ein rund vierstündiges Baumschnitt-Seminar statt, für das sich die 26-Jährige schon vor Wochen angemeldet hatte. Für die junge Frau keine ungewöhnliche Wochenendbeschäftigung. Sie hat in ihrem eigenen Garten viele Bäume, darunter Äpfel-, Birnen-, Kirschen-, Pflaumen- und Walnussbäume. Und sie findet: „Die selbst zu schneiden, gehört zum Handwerkszeug. Das muss man ­können.“

Verein pflegt Alleen der Gemeindestraßen

Das Baumschnitt-Seminar ist eines von zehn, die der Verein „Konau 11 – Natur“ im Amt Neuhaus in den Wintermonaten anbietet. „Wir möchten dadurch Interessierte miteinbinden, sich in der Natur aufzuhalten und mit uns dafür zu sorgen, die landschaftsprägenden Bäume unserer Region zu erhalten“, erklärt der geprüfte Natur- und Landschaftspfleger Dieter Schröder. Seit 2013 trägt der Verein Konau 11 zum Erhalt der rund 60 Kilometer langen Obstbaumalleen und diversen Streuobstwiesen auf der rechtselbischen Seite des Landkreises Lüneburg bei. Er pflegt die Alleen an den Gemeindestraßen, erntet an einigen ausgewählten Strecken und verwertet die Früchte.

„Der Obstbaumschnitt ist oft einfach Gefühlssache. Das entwickelt man durch Beobachtung und viel Übung.“
Petra Pauli, Verein „Konau 11 – Natur“

Wichtig für die Pflege ist der „Erziehungsschnitt“ an den Jungbäumen. Dieser muss besonders früh erfolgen, um Standfestigkeit, Wüchsigkeit und Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Rund 3000 Obstbäume haben die Vereinsmitglieder im Amt Neuhaus zu pflegen – eine Menge Arbeit. Daher können Teilnehmer nach dem Baumschnitt-Kurs als „Baumwart“ den Verein unterstützen und selbst Obstbäume auf bestimmten Strecken ehrenamtlich pflegen. 22 Baumwarte gibt es bereits.

Mehr Praxis als Theorie

Neben Marina Krohn haben sich vier weitere Seminarteilnehmer an diesem Morgen auf der Spurbahn in Dellien versammelt. Allesamt dick eingepackt und ausgestattet mit Arbeitshandschuhen, Sägen und Gartenscheren. Gespannt verfolgen sie, was Dieter Schröder und Petra Pauli von Konau 11 ihnen erklären – über Werkzeugkunde, Schnitttechniken und verschiedene Obstgehölze. Dann geht es ans Praktische – ein wichtiger Aspekt für den Verein. „Ich habe schon von Schnittkursen gehört, da wurde den Teilnehmern anhand von Wäscheklammern an bestimmten Stellen am Baum gezeigt, wo man schneiden könnte. Aber wir schneiden hier tatsächlich Bäume“, sagt Schröder.

Abwechselnd steigen die Aktivisten schließlich die Leiter hoch, um ihr neues Wissen anzuwenden. Welcher Ast muss ab? Welcher darf noch ein paar Jährchen dranbleiben? Wann schneide ich zu viel ab? Wo ist die richtige Stelle? Die Antwort ist nicht immer offensichtlich. „Oft ist das einfach Gefühlssache“, erklärt Dieter Schröder. „Das entwickelt man, vor allem durch Beobachtung und viel Übung.“ Und genau darauf komme es an, betont Petra Pauli. „Immer wieder dranbleiben.“ Das haben die fünf Teilnehmer vor. Sie alle haben sich schon für den nächsten Kursus im Dezember angemeldet.

So wird‘s gemacht

Geschnitten wird, damit der Baum eine gesunde und stabile Krone entwickelt (der Teil, ab dem sich der Baum ab dem Stamm teilt), die gut zu pflegen und zu beernten ist. Licht und Sonne sollen in die Baumkrone kommen können, damit diese nach Regen gut trocknen kann und die Früchte Aroma entwickeln. Würde alles zu eng zusammenwachsen, würden Schorf oder Pilze an den Früchten entstehen. Der obere Teil der Krone darf also den unteren nicht verschatten. Im Inneren der Krone soll es genügend Platz geben, daher wird das Fruchtholz weggeschnitten.

Weiter oben kann es bleiben. Für den Baumschnitt relevante Baumteile sind Stamm, Stammverlängerung und Leitäste. Diese drei Elemente bilden das Kronengerüst. Abhängig von Sorte und Standort müssen junge Obstbäume in den ersten zehn Jahren regelmäßig geschnitten werden. Ziel ist es, nach dem Baumschnitt maximal drei bis vier Leitäste (Äste, an denen dann die Früchte hängen) zu haben, die um den Stamm herum im Winkel von 45 bis 60 Grad gut verteilt wachsen. Konkurrenzäste zur Stammverlängerung müssen weg, weil diese sonst um ihre Länge konkurrieren – andernfalls würde der untere Kronenbereich zurückbleiben.

Unerwünschte Triebe im Kroneninneren werden abgeschnitten. Dabei gilt: Je stärker ich schneide, desto stärker der Neutrieb. Daher wichtig: Nicht zu viel und nicht an der falschen Stelle abschneiden, sonst gibt es im darauffolgenden Jahr unkontrollierten, unerwünschten Neutrieb. Ein junger Baum kann Schnittwunden von bis zu zehn Zentimeter Durchmesser gut verkraften.

Von Patricia Luft