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Für Marisa Herr ist es praktisch, an der Uni als studentische Hilfskraft zu arbeiten. Leben kann sie von dem Gehalt aber längst nicht. Sie wird finanziell von ihren Eltern unterstützt. Foto: t&w

Kellnern ist nicht mehr gefragt

Lüneburg. Kellnern? Das gibt gutes Trinkgeld. Für viele Studenten war das ein Argument, in einer Lüneburger Kneipe zu arbeiten. Überall waren junge Leute mit Schürze und Tablett unterwegs. Das ist heute anders. Hiesige Gastronomen haben große Probleme, Studenten für Kellnerjobs zu gewinnen. Und: Viele, die hier jahrelang in einem Café oder Restaurant gearbeitet haben, hören auf, um sich ihrem Studium zu widmen. Die LZ hat sich unter den Wirten und Studenten umgehört.

Heiko Meyer , Inhaber des „Coffee Shop No. 1“ am Schrangenplatz, musste kürzlich drei seiner Aushilfen gehen lassen. „Ihre Professoren hatten ihnen eine Stelle angeboten. Das lehnt man natürlich nicht ab.“ Er steht noch in regelmäßigem Kontakt zu seinen ehemaligen Angestellten, weiß daher, dass sie finanziell jetzt wesentlich schlechter dastehen. „An der Uni erhalten sie eine feste Summe für einen flexiblen Stundensatz, insgesamt rund 300 Euro. Bei mir gab es 450 Euro plus Trinkgeld.“ Zu Hochzeiten hat Meyer, der bereits 15 Jahre in der Gastronomie unterwegs ist, 26 Studenten beschäftigt, zurzeit sind es gerade mal vier.

Studenten sind zeitlich nicht mehr so flexibel

Er glaubt, dass Universitäten heutzutage höhere Anforderungen an ihre Studenten stellen. Zudem würden viele pendeln, demnach direkt nach Seminaren und Vorlesungen nach Hause fahren, um zu lernen. „Und auch am Wochenende stehen mehr Veranstaltungen an. Deshalb sind die Studenten zeitlich auch nicht mehr so flexibel.“

Die Einschätzung teilt auch Christoph Meyer , der kürzlich die „Meyerei“ Am Sande eröffnet hat. Vor elf Jahren, da war er noch Betreiber einer Bar, beschäftigte er fast ausschließlich Studenten. „Damals fand ein anderes Studieren statt. Studieren hieß nicht nur, Uni-Stoff unter einem immensen Zeitdruck auswendig zu lernen, sondern auch Leben lernen und nebenbei arbeiten.“ Die aktuelle Entwicklung sehe er als kritisch an. Für seinen neuen Laden sei es momentan „fast unmöglich, studentische Aushilfskräfte zu finden. Es meldet sich kaum ein Student auf unsere Suchanzeigen, und wenn doch, passen die von uns gewünschten Arbeitszeiten zum großen Teil nicht mit den Vorstellungen der Studenten überein.“

Marisa Herr ist jemand, die sich bewusst gegen das klassische Kellnern entschieden hat. Sie studiert an der Leuphana und wohnt auch direkt am Campus. Deshalb wollte sie sich beruflich dort einrichten, seit einigen Jahren arbeitet die 22-Jährige am Infotresen der Uni-Bibliothek. Zwei Mal in der Woche stellt sie von 17 bis 21 Uhr zurückgegebene Bücher wieder in das System, bestückt Seminarapparate oder führt Regalüberprüfungen durch. Gemeinsam mit zwölf weiteren studentischen Hilfskräften fängt sie vor allem die Abendschichten auf, um die Festangestellten zu entlasten. Ihr Vertrag umfasst acht Stunden die Woche, der Lohn: 9,51 Euro pro Stunde. Von dem Gehalt, insgesamt rund 330 Euro, kann die Studentin allerdings nicht leben, sie wird zusätzlich von ihren Eltern unterstützt. Und wenn sie Zeit hat, nimmt sie Gelegenheitsjobs an. Bei vier Agenturen ist Marisa Herr im Verteiler, die Anfragen kommen per Mail. Der Lohn ist besser: Bis zu zwölf Euro erhält sie für Gästelisten- und Garderobenservice.

Ein Beruf, der viel Stress mit sich bringt

Für Isabell Kohls kommt es dagegen nicht infrage, als studentische Hilfskraft zu arbeiten. Sie kellnert. „An der Uni würde ich zu wenig verdienen. In der Gastronomie ist es das Trinkgeld, das mich schon oft gerettet hat“, erzählt die Master-Studentin, die kein BAföG erhält und mit dem Kellnern ihren Lebensunterhalt bestreitet. Sie arbeitet in einem Lokal in der Heiligengeiststraße, übernimmt zurzeit zwei bis drei Schichten in der Woche. „In meinem jetzigen Betrieb arbeiten fast gar keine Studenten, und auch in meinem Uni-Umfeld kenne ich kaum jemanden, der kellnert“, sagt die 29-Jährige. Begründungen, die sie oft hört: zu anstrengende Spätschichten, ein Beruf, der viel Stress mit sich bringt.

Tatsächlich ist die Zahl der studentischen Hilfskräfte in den vergangenen Jahren auch gestiegen: Waren Ende 2015 noch 735 junge Menschen an der Leuphana tätig, lag die Zahl ein Jahr später schon bei 786. Zurzeit beschäftigt die Universität 804 studentische Hilfskräfte. Und etliche Stellen sind noch unbesetzt, das zeigt ein Blick auf die Jobausschreibungen: Gesucht wird sowohl ein Student, der drei bis fünf Stunden pro Woche in der Professional School unterstützen kann, als auch jemand, der sich 30 Stunden pro Monat um internationale Austauschstudenten kümmert. Zehn Stellen sind auf der Uni-Homepage zurzeit zu finden.

Pierangelo Maset , Professor am Institut für Kunst, Musik und ihre Vermittlung, arbeitet seit Jahren an der Leuphana mit studentischen Hilfskräften zusammen. Einen solchen Job hält er im Vergleich zum Kellnern schon deshalb für interessanter, „weil er das Studium bereichert und sogar Gestaltungsmöglichkeiten im Fach bietet“. Das Interesse sei groß, stets würden sich deutlich mehr Studenten bewerben als Stellen zur Verfügung stünden.

In der Klausurenphase ist der Aufwand noch größer

Die gleichen Erfahrungen macht auch der Allgemeine Studierendenausschuss der Leuphana, kurz AStA . Sprecherin Linda Macfalda sagt, dass studentische Hilfskräfte zum Teil „sehr verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen und entscheidend für das Funktionieren der Universität sind“. Die Entwicklung weg vom Kellnern begründet die AStA-Sprecherin so: „Hilfskraftstellen an der Universität sind oft besser mit dem Studium vereinbar und somit attraktiver.“

Isabell Kohls bekommt Studium und Gastro-Job auch nur deshalb unter einen Hut, weil ihre Woche genau getaktet ist. 14 Stunden verbringt sie in Seminarräumen und Hörsälen, für Gruppenarbeiten und Aufgaben, die sie zu Hause am Schreibtisch erledigen kann, investiert sie zusätzlich nochmal 15 Stunden. In der Klausurenphase ist der Aufwand noch größer, „da kann ich nur noch die allernötigsten privaten Dinge erledigen“. Gern würde Kohls mehr Zeit ins Kellnern investieren. „Dann würde aber mein Studium darunter leiden. Gerade im Master muss ich nochmal richtig Vollgas geben.“

Von Anna Paarmann

Neue Stundenlöhne

Was verdienen Hilfskräfte?

Der Stundenlohn ist vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur festgelegt und richtet sich nach dem erreichten Abschluss des jeweiligen Studierenden: Studentische Hilfskräfte ohne abgeschlossene Hochschulbildung erhalten seit Beginn des Wintersemesters 2017/18 eine Vergütung von 9,70 Euro und ab Beginn des Sommersemesters 9,93 Euro. Wissenschaftliche, künstlerische und studentische Hilfskräfte mit Fachhochschulabschluss oder Bachelor erhalten 11,29 Euro (11,55 Euro). Masterabsolventen werden mit 15,32 Euro (15,68 Euro) vergütet.
Quelle: Ministerium für Wissenschaft und Kultur

7 Kommentare

  1. Das Arbeiten an der Universität mag sich positiv aufs Studium auswirken, jedoch erleben die Arbeitgeber dann ihr blaues Wunder, da die Studenten zu „Fachidioten“ ausgebildet werden.
    Ich selber habe während des Diplomstudiums sowohl an der Uni als auch nebenbei gekellnert. Sicher wurde mein Studium dadurch verlängert, jedoch habe ich ungemein gute Menschenkenntnis mir aneignen können, die mir jetzt im Berufsleben hilft.

    • Maddis, diese ungemein gute Menschenkenntnis, die du dir während deines verlängerten Diplomstudiums hast aneignen können, wird auch wieder in der pantherhaften Geschmeidigkeit deutlich, mit der du hier davon Mitteilung machst, wie du dich vor dem „Fachidiotentum“ retten konntest. Sie hilft dir also offenbar nicht nur im Berufsleben sondern auch beim Schreiben von LZ-Kommentaren.

      Dolle Sache das!

      • Hallo Jo, warum „bellen“ Sie so laut !? Fühlen Sie sich etwa angesprochen ?!

        • Hallo Ron,

          ich habe vorbehaltlos gelobt. SIE, der Weltenfahrer, der in vielen Häfen auf allen Kontinenten tiefschürfende Gespräche führt, die stets auch eine kleine Lehre für Lüneburger enthalten, sind es, der meint, Schärfe aus meinem Kompliment destillieren zu sollen. Ich gebe die Frage also zurück. Weshalb der Eifer Ron? Fühlten SIE sich angesprochen?

    • Maddis
      jedoch habe ich ungemein gute Menschenkenntnis mir aneignen können,
      so so. wer kann diese aussage bestätigen? kennen sie das sprichwort: eigenlob stinkt?

  2. Sowas, Student*inn*en studieren neuerdings und verdienen sich ihr Geld als studentische Hilfskräfte? Gehört das nicht verboten? Woher soll die Lüneburger Gastronomenszene um Heiko Meyer künftig ihre billigen Arbeitssklaven nehmen? Schießen jetzt die Verzehrpreise durch die Caféhausdecken? Wird das Kneipensterben in der Schröderstraße nun pandemisch? Müssen Förderkulissen her? Subventionen fließen? Sollte der Oberbürgermeister einmal bei Herrn Spoun intervenieren („Du Sascha, die neue Allee-Auffahrt plus Kreuzungsanlage an der Uelzener gibt’s erst, wenn du wieder Kellnerinnen schickst“)? Hieß es nicht, vom Bau der Libeskind-I-Vent-Halle würden die Biertrinker ganz Europas profitieren?

  3. Ron, es gibt auch Erfahrungen, in denen Kellnerinnen nicht als das unbedingt zu glorifizierende Lehrfräulein weiterleben. Neulich bekam ich folgende tragische Geschichte mit, die ein blinder Fahrgast seiner Begleiterin erzählte. Beim Einstieg in einen Bus nach Deutsch Evern bot sich ihm eine junge Frau als Hilfe an. Den angebotenen Arm nicht sehend, griff er aus Versehen, wie er glaubhaft schilderte, an ihre wogende Brust. Noch bevor er dies gut oder schlecht finden konnte, verpaßte ihm die Frau eine Ohrfeige, nur um sich gleich darauf zu entschuldigen: Sie sei Kellnerin, und als solche habe sie gewisse Reflexe entwickelt.