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Ulf-Michael Matthees lebt seit 20 Jahren ohne Alkohol. Diese Zeit hat er auf einem Zeitstrahl als grüne Linie eingezeichnet, blau ist jeder Zentimeter, den er berauscht erlebte. (Foto: ape)

20 Jahre trocken

Melbeck. Otto kommt meist, wenn es gerade gar nicht passt. „Ich sach‘ dann: ,Verpiss dich, Otto‘“, sagt Ulf-Michael Mat­thees, grinst und schnippt wie beiläufig etwas von seiner linken Schulter. Dann geht Otto. Widerwillig. Otto ist das Synonym für den Ruin. Die personifizierte Sucht, die Matthees Kontakt zu Frau und Kinder nahm und später fast alle seine Träume. Nur ist Otto ist nicht wegzuschnippen, er muss bekämpft werden – immer wieder, wenn Ulf-Michael Matthees das Verlangen nach Alkohol überkommt.

Die Jahre der Sucht ziehen sich in feinen Furchen durch sein Gesicht, über die spitzen Wangenknochen bis zu den klaren, grauen Augen. In seinem Lächeln, das in Melbeck fast jeder beim Namen kennt, liegt die Errungenschaft der siegreichen letzten 20 Jahre. Trockene Jahre. Als grüne Linie sind sie auf dem zerknitterten Zettelchen aus seiner Handyhülle eingezeichnet, blau ist jeder Zentimeter, den er in Jahren berauscht erlebte. Ein Extra-Strich für jeden Rückfall, zwei Hochzeiten und zwei Scheidungen.

Sucht begann bei der Bundeswehr

Jetzt sitzt der 59-Jährige im Dorfcafé und beobachtet die Autos, die draußen über die B 4 rauschen. Heute wird weder repariert noch gemäht. Der Gemeindemitarbeiter hat Urlaub. „Morgens gleich die erste Flasche Bier. Die war schon aufgestellt in meinem Spind“, erzählt er, unbeirrt der übrigen Cafégäste, die der Erinnerungen lauschen könnten. So war das beim Bund, wo seine Sucht begann. An seinem letzten Diensttag, im Dezember 1982, kam sein erster Sohn zur Welt. „Ich wollte bei der Geburt dabei sein. Nur, danach konnte ich kein Auto mehr fahren.“ Das neue Leben „wurde gefeiert“, wie Matthees es formuliert.

„Als sie sagte: ,Entweder ich oder der Alkohol‘, da bin ich wach geworden.“
Ulf-Michael Matthees

Überfordert mit der Vaterrolle, hin- und hergerissen zwischen Frau und Alkohol, folgte bald die erste Scheidung. Matthees reibt sich nachdenklich das Kinn, nippt am Kaffee. Wer der Abwärtsspirale entkommen wolle, der müsse „im Dreck wühlen“, sagt er dann. Der stoße zwangsläufig „auf Leichen im Keller“, die unter jeder Menge Schutt vergraben liegen. Die eigenen Ursachen fand Matthees rückblickend in seiner Kindheit. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, der Stiefvater war Berufssoldat. „Da hieß es alle vier Jahre mit jedem Umzug: ,Tschüss!‘ „
Auf dem Melbecker Campingplatz hat er Wurzeln geschlagen.

In seinem Wohnwagen und Anbauten lebt er mit Hund Grinch und seiner Partnerin. Sie hatte er kennengelernt, als er mangels Geld in einem „Sechs-Mann-Zelt“ lebte, die Kälte im Winter nicht spürte, wenn der Pegel gleichmäßig bei zwei Promille lag, mit den abgezählten Münzen in der Tasche fünf Kilometer durch den Schnee zum nächsten Supermarkt stapfte, damit das auch so blieb. „Das Einzige, das einen rauslockt, ist Nachschub holen“, sagt er. Seine heutige Lebensgefährtin sprach ihn in der Kneipe an. „Pass auf Mädel, ich bin Alkoholiker“, habe er sie gewarnt, doch sie blieb hartnäckig. Das war sein Glück, wie er heute weiß, denn bald stand er vor der Wahl. „Als sie sagte: ,Entweder ich oder der Alkohol‘, da bin ich wach geworden.“

Mittlerweile ausgebildeter Suchtkrankenhelfer

Die Bienenbütteler Selbsthilfegruppe half ihm durch die ersten Monate, in denen sich jeder Gang in den Supermarkt wie einer durchs Minenfeld anfühlte. Er bat alle Geschäfte im näheren Umkreis, seine Partnerin zu kontaktieren, sollte er Alkohol kaufen, hatte immer nur so viel Geld dabei, dass es für ein Notfallanruf in der Telefonzelle reichte, aber nicht für eine Dose Bier.

Die Stimmungslampe vor dem Fenster taucht alles in warmes Licht. Ulf-Michael Mat­thees kommt auf seine zwei Söhne zu sprechen. Die hat er inzwischen als Erwachsene wiedergetroffen, den Ältesten erst vergangenes Jahr. „Ich bin jetzt Opa“, sagt Matthees und lächelt. Noch ist es ein vorsichtiger Kontakt. „Wir drücken da nicht auf‘s Gaspedal.“ Gelassenheit sei das, was ihm durchs trockene Leben helfe. Etwas, das er als ausgebildeter Suchtkrankenhelfer bei Infoabenden und Selbsthilfegruppen versucht, weiterzuvermitteln. „Wenn nur ein Mensch durch mein Zutun trocken wird und bleibt, dann hat sich der ganze Aufriss gelohnt“, erklärt er. Vor ihm auf dem Tisch liegt der grün-blaue Zeitstrahl. Beim sechzigsten Lebensjahr endet er und wird als gestrichelte, trockene Linie fortgesetzt. Otto taucht immer mal wieder auf, doch Ulf-Michael Matthees weiß: „Wer sich mit Otto einlässt, verliert.“

Angebote in der Region

Selbsthilfegruppe für Alkohol- und Medikamentenabhängige: jeden Freitag, 19.30 Uhr, Psychiatrische Klinik, Tel. (04131) 407661

Selbsthilfegruppe „Ins Boot“: jeden zweiten Mittwoch im Monat, 18 Uhr, Stralsunder Str. 7, Tel. (04131) 86 05 99

Alkohol- und Drogenberatung (drobs): Heiligengeiststr. 31, Tel. (04131) 68 44 60 (Diakonieverband)

Guttempler e.V.: Lüneburg: Wallstraße 42, offene Gesprächsgruppe: Montag 19.30 Uhr und Donnerstag 18.30 Uhr; Offene Frauengesprächsgruppe: jeden zweiten Dienstag im Monat, 19.30 – 21 Uhr;

Gemeinschaft „Immer bereit“: Dienstag 19.30 Uhr; Gemeinschaft „Lüneburg“: Donnerstag 19.30 Uhr

Selbsthilfegruppe „Ohne Sucht leben“ für Alkoholiker und Angehörige: jeden Dienstag, 19.30 Uhr, im Bienenbütteler Gemeindehaus (Gruppenzimmer)

Selbsthilfegruppe „Die Basis“ für Alkoholiker und Angehörige: jeden Mittwoch, 19.30 Uhr, Pfarrhaus Medingen

Von Anna Petersen