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Das ehemalige Gärtnerhaus soll künftig Teil der Gedenkstätte der Psychiatrischen Klinik werden. Das Vorhaben unterstützen (v.l.) Rolf Sauer, Chef der Gesundheitsholding, Dr. Carola Rudnick, und Dr. Sebastian Stierl vom Trägerverein. Foto: lz/ca

Psychiatrische Klinik Lüneburg: mehr Platz für die Geschichte

Lüneburg. Die Gedenkstätte in der Psychiatrischen Klinik soll wachsen. Neben den rund 1500 Besuchern, die jedes Jahr an Führungen teilnehmen, kommen 500 bis 600 Interessierte, die an bis zu drei Tagen dauernden Seminaren teilnehmen. Im ehemaligen Wasserturm, in dem eine Ausstellung das Schicksal der während des Nationalsozialismus‘ ermordeten Patienten zeigt, geht es beengt zu. Nun wollen Klinikleitung und Trägerverein das alte, marode Gärtnerhaus sanieren und mit Leben füllen. Die Kosten sind mit mehr als 700 000 Euro veranschlagt, rund die Hälfte davon ist nun durch zugesagte Zuschüsse und Spenden zusammen.

Psychiatrische Klinik Lüneburg im Dritten Reich

Zwischen 1933 und 1945 ging es in der damaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalt nicht darum, Menschen zu helfen. Nach Lesart der Nationalsozialisten waren Männer, Frauen und Kinder mit Behinderungen „minderwertig“. Ärzte und Pfleger wurden zu Mördern: Sie setzten Todesspritzen oder ließen die Kranken verhungern.

Die Leiterin der Gedenkstätte, Dr. Claudia Rudnick, hat das Los von Betroffenen erforscht, ihre Geschichten finden sich in der Ausstellung. Doch ihr und dem Trägerverein geht es auch darum, wie die Gesellschaft heute mit Schwachen umgeht. Eben das ist Thema etwa in Seminaren mit angehendem Pflegepersonal und Schulklassen. Dafür braucht es mehr Platz.

Steine von St. Nicolai

Den soll das Gärtnerhaus bieten, das seit den 80er Jahren nicht mehr von der Klinik genutzt wird. Nachdem der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt (ALA) im vergangenen Jahr den Verfall des 1832 als Königlich-Hannoversche Baumschule gebauten Hauses, übrigens mit Steinen des damals abgetragenen Kirchturms von St. Nicolai, beklagt hatte, griffen der Chef der Gesundheitsholding, Rolf Sauer, und für den Trägerverein Dr. Sebastian Stierl die Kritik auf. So entstand die Idee, das Haus als Tagungsstätte zu nutzen. Rund 150 Quadratmeter auf zwei Ebenen stehen zur Verfügung. Neben Schulungsräumen, sollen Büros und eine kleine Bibliothek entstehen.

Für den Ausbau des künftigen Bildungszentrums haben laut Initiatoren die Gesundheitsholding einen Zuschuss von 200 000 Euro und die Klosterkammer mehr als 50 000 Euro zugesagt. Nun will sich auch die renommierte Hamburger Hermann-Reemtsma-Stiftung mit 100 000 Euro beteiligen. Das Trio ist optimistisch, weitere Unterstützer zu gewinnen. So hoffe man unter anderem auf Bundesmittel, auch mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sei man im Gespräch. Wenn alles klappt, könnte das Haus von 2020 angenutzt werden.

Für Sauer wäre es ein Gewinn: Lag das Haus lange Zeit abseits, ist es nun quasi „mittendrin“, denn einen Steinwurf entfernt entsteht ein Neubau des PKL. Zudem nutzen externe Sportler eine nahe Turnhalle, auch ein Baugebiet ist an die Klinik herangerückt. So passt das Motto der Arbeit gut zum Angebot: „Menschenrecht, Sozialpsychiatrie und Begegnung“.

Von Carlo Eggeling

Ein grausames Kapitel: Ärzte als Täter

Die Patienten galten als „minderwertig“, also sollten sie sich auch nicht fortpflanzen: Hunderte wurden in der NS-Zeit in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt am Wienebüttler Weg zwangssterilisiert. Doch wer waren diese Menschen? Studenten und Lüneburger Pflegeschüler haben gemeinsam mit der Leiterin der Gedenkstätte, Dr. Claudia Rudnick, Hunderte Akten ausgewertet, den Vergessenen eine Geschichte zu geben.

Parallel zur Ausstellung ist ein Katalog entstanden, der die Geschichten einiger Patienten erzählt, aber auch das Projekt vorstellt und die Arbeit der Gedenkstätte beleuchtet. Der Titel: „Schwachsinn wurde hier nicht festgestellt – Zwangssterilisation in Lüneburg“.