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Gärtner Albert Holst (l.) und Lukas Wagner vom „WirGarten“ haben mit anderen Mitstreiter die Gewächshäuser der Genossenschaft aufgebaut. Hier sollen schon in wenigen Monaten die ersten Salatblätter sprießen. Foto: lz/

Solidarischer Spinat: Gemüse-Genossenschaft baut an

Lüneburg. Der eiskalte Wind weht so kräftig über das Feld, dass Albert Holst die Stehleiter gut festhalten muss, damit sie nicht umkippt. Seine vier Mitstreiter und er stehen unter einem Gerippe aus Metallrohren, das bald mal ein Gewächshaus sein soll. Auf der Leiter arbeitet ein Monteur mit einem Akkuschrauber in der Hand. Er befestigt gerade ein weiteres Rohr, für die Lüftungsanlage. „Damit entsteht hier ein angenehmes, mediterranes Klima“, sagt er. Das wirkt auf dem acht Hektar großen Acker in Ochtmissen noch weit entfernt – drei Grad Celsius zeigt das Thermometer.

Doch das Aufbau-Team ist froh, dass es nicht schneit, wie noch wenige Tage zuvor. Unter den drei 22,5 Meter langen und 9,30 Meter breiten Tunneln sollen schon in wenigen Monaten die ersten Salatblätter und Radieschen sprießen. Und vielleicht sogar schon junger Spinat, wie der 29-Jährige Holst verrät. Er ist Gärtner und voller Vorfreude auf seinen neuen Job: Er wird für den „WirGarten“ arbeiten, Lüneburgs erster Gemüse-Genossenschaft. „Wir können 2018 mit dem Gemüseanbau beginnen“, sagt Holst. Denn der „WirGarten“ hat jetzt genügend Mitglieder – mehr als 260 – und genügend Kapital – etwa 250 000 Euro – um loszulegen.

WirGarten steht in den Startlöchern

Alternativer Weg zu Kohl und Kürbis

Erst im März hat sich die Genossenschaft gegründet, damals noch mit rund 30 Mitstreitern (LZ berichtete). Schon da wussten die Initiatoren, dass sie etwa 300 Mitglieder und eine Viertelmillion Euro brauchen werden, um das Projekt zum Laufen zu bringen. Viel Geld, das zum großen Teil in die Gehälter der Gärtner und Investitionen in die Infrastruktur fließen soll. Das Konzept hinter „WirGarten“ ist das der solidarischen Landwirtschaft: Eine Gruppe Menschen trägt gemeinsam einen landwirtschaftlichen Betrieb und wird im Gegenzug mit den erzeugten Lebensmitteln versorgt (zur Funktionsweise siehe Infobox).

„Auf diese Weise wird das Risiko auf alle Mitglieder verteilt“, sagt „WirGarten“-Sprecher Lukas Wagner. Auch er hilft mit beim Bau der Gewächshäuser. „Während viele Landwirte in Abhängigkeit von den Marktpreisen leben, ein großes unternehmerisches Risiko tragen – beispielsweise bei Ernteausfällen – liegt die Last bei der Genossenschaft auf vielen Schultern.“ Sollte „WirGarten“ Insolvenz anmelden müssen, haften die Genossenschaftsmitglieder auch nur mit ihren Anteilen, nicht darüber hinaus.

Anbau so vielseitig wie möglich

Für den Gemüseanbau sind zwei Gärtner zuständig – in Vollzeit. Auch sie werden von der Genossenschaft bezahlt. „Mir gefällt das Konzept von ‚WirGarten‘ gut“, sagt Holst in einer Zigarettenpause im Aufbau. Ein weiterer Reiz für den Schweriner ist, dass er hier mehr Verantwortung tragen kann als bei seinen vorherigen Arbeitsstellen. „Wir wollen hier so vielseitig wie möglich anbauen, um damit den Mitgliedern eine bunte Auswahl anbieten zu können.“ Sowohl auf dem Acker als auch in den Gewächshäusern wird nur regional und saisonal angebaut. Auf Erdbeeren im November müssen die Gemüse-Genossen dann verzichten, können aber dafür auch beim Anbau selbst Hand anlegen: „Alle Mitglieder können gerne mithelfen, wenn es in den Betriebsablauf passt“, sagt Lukas Wagner.

Die Mitglieder haben ohnehin ein großes Mitspracherecht, findet der 31-Jährige Nachhaltigkeitswissenschaftler. Zum einen können sie mitbestimmen, welche Gemüsesorten in welchem Ausmaß angebaut werden sollen – natürlich unter Berücksichtigung der Saison – zum anderen aber auch eigene Ideen und Visionen für die Zukunft der Genossenschaft einbringen. „Eine unserer größten Visionen ist zum Beispiel, hier einen Waldkindergarten aufzubauen“.

Es geht aber auch ein paar Nummern kleiner: In jedem Fall sollen Kinder an den Gemüsebau herangeführt werden und selbst mitgärtnern dürfen. „Sie sollen lernen, wo ihr Essen wächst.“ Wachsen wollen die „WirGärtner“ aber auch als Gemeinschaft. Neue sind immer herzlich willkommen, sagt Wagner. „Unser jüngstes Mitglied ist erst ein paar Monate alt, unser ältestes schon über 80.“
Nach knapp einer Woche harter Arbeit bei frostigem Wetter können die „WirGärtner“ sich aber ein weiteres mal freuen. Die drei Gewächshäuser stehen. Bald kann geerntet werden.

Von Robin Williamson