Donnerstag , 13. Dezember 2018
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Der Betrieb in der Bardowicker Windmühle hat Scott Philip Hennigfeld vom ersten Besuch an fasziniert. Schnell war für ihn klar, dass er dort eine Ausbildung machen möchte. Foto: lz/t&w

Ausbildung zum Müller: Einer der letzten der Zunft werden

Bardowick. Scott Philip Hennigfeld (19) ist auf dem Weg, einer der Letzten seiner Zunft zu sein. Außer ihm werden dann nur Lexikon-Einträge daran erinnern: „Müller, Lehrberuf des Handwerks und der Industrie mit dreijähriger Lehrzeit, Gesellen- und Meisterprüfung“, heißt es etwa in Meyer‘s Großem Universal-Lexikon. Mit der Überarbeitung der Ausbildungsverordnung aber wird der Beruf Müller seit August nicht mehr gelehrt, die neue Fachbezeichnung lautet „Verfahrenstechnologe in der Mühlen- und Getreidewirtschaft.“ Doch Bardowicks Müllermeister Eckhard Meyer setzt sich für den Erhalt des traditionellen Berufes ein und hat seinen neuen Lehrling einen Tag vor Inkrafttreten der Reform angestellt.

Traditionsberuf wird abgeschafft

Meyer ist mit der Novellierung zum 1. August dieses Jahres alles andere als glücklich. „Die Neubenennung klingt viel zu kompliziert und würde das Ende einer jahrhundertelangen Tradition bedeuten.“ Als Inhaber der mehr als 200 Jahre alten Windmühle in Bardowick betreibt Familie Meyer in sechster Generation eine der letzten fünf Mühlen, die als „historisch produzierende technische Denkmäler“ bundesweit noch auf traditionelle Weise Getreide mit Windkraft verarbeiten. Neben der Mühle verkaufen sie Tierfutter und Gartenbedarf, führen einen Bio-Laden sowie ein Mühlen-Café, für das Ehefrau Ilka Meyer-Telschow zuständig ist.

Insgesamt beschäftigte Meyer bislang drei Lehrlinge, die das Handwerk mit allen nötigen Arbeitsabläufen erlernten. Erst in diesem Sommer schloss Dennis Berger mit Auszeichnung seine Lehre ab, und drei Unternehmen wollten ihn direkt von der Freisprechungsfeier abwerben. Eckhard Meyer ist stolz: „Aber er hat sich für uns entschieden und arbeitet hier als Müller weiter.“ Als jüngster Neuzugang ist auch Scott Philip Hennigfeld froh, in Bardowick die traditionelle Form des Müllerberufs noch erlernen zu können.

Produktnähe und körperliche Aktivität

„Mein Onkel aus Lüneburg hat mich mal hierher gebracht, als ich zu Besuch war“, sagt Henningfeld, der eigentlich aus dem Raum Minden stammt. Bei der Mühlenbesichtigung kam er mit Müller Meyer ins Gespräch. „Das hat mich alles sehr fasziniert“, sagt der heute 19-Jährige. Es folgte ein erstes Praktikum im Herbst 2016 und ein zweites in diesem Frühjahr. An dem Müllerberuf schätzt er: „Dass es ein traditioneller Beruf ist, der noch sehr produktnah ist und auch sehr viel auf körperliche Aktivität hinausgeht.“

Mit der neuen Berufsbezeichnung „Verfahrenstechnologe in der Mühlen- und Getreidewirtschaft“ sind hingegen weitere, industriebezogene Aufgaben wie Labortätigkeiten gekoppelt. „Das Handwerk wird von der Industrie ausgetrickst“, sagt Meyer. „Denn einerseits wollen sie weg vom Image ,Säcke schleppen und Zipfelmütze tragen’ und zweitens passen sie die Ausbildungsinhalte immer mehr den industriellen Produktionsformen an.“ Dem hofft auch Henningfeld mit seiner vorzeitigen Anstellung zumindest teilweise zu entgehen.

Theorie nach neuer Verordnung

Allerdings wird er wohl den theoretischen Teil der Ausbildung auch nach der neuen Verordnung absolvieren müssen. Zwei mal für sechs Wochen pro Jahr im Blockunterricht in Wittingen, gemeinsam mit angehenden Verfahrenstechnologen in der Mühlen- und Getreidewirtschaft. Henningfeld hingegen hofft, dass er sich nach der Ausbildung noch offiziell Müller nennen darf.

Um sich noch stärker für seinen Berufsstand einsetzen zu können, gründete der 50-jährige Eckhard Meyer mit drei weiteren Kollegen vor einigen Monaten „Die Müllergilde“ – eine Interessengemeinschaft für das traditionelle Müllerhandwerk und historische Mühlen (siehe auch Bericht unten). Auch Ehefrau Ilka Meyer-Telschow ist überzeugt: „Mühlen haben in der Gesellschaft noch immer ihren Platz, tauchen als Klassiker in vielen aktuellen Kinderbüchern auf.“ Und wenn Grundschulklassen im Landkreis das Thema Getreide durchnähmen, „findet der Unterricht häufig ergänzend in der Mühle Bardowick statt“.

Von Ina Freiwald und Dennis Thomas