Dienstag , 25. September 2018
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Sie kommen, um zu helfen, und werden doch oft selbst zum Ziel zunehmender Gewalt. Für die Rettungsassistenten Holger Grubbe (l.) und Lars Bähr gehört das fast schon zum Alltag. Foto: lz/phs

Beleidigung gegen Rettungskräfte: Mittelfinger statt „Danke“

Lüneburg. Holger Grubbe liebt seinen Beruf. Doch manchmal kommen dem Rettungsassistenten Zweifel – vor allem samstagabends, wenn am Stint die Stimmung überkocht , das letzte Bier das eine zu viel war – und bei der DRK-Wache am Schnellenberger Weg der Notruf eingeht: „Schlägerei mit Verletzten“. Dann springt Grubbe in den Rettungswagen und fürchtet das Schlimm­ste. Denn immer öfter sind er und seine Kollegen selbst Zielscheibe ungehemmter Gewalt. Grubbe überrascht es schon lange nicht mehr, wenn Glasflaschen knapp an seinem Kopf vorbeifliegen, wenn er ankommt, um zu helfen. „Der Respekt vor unserer Arbeit ist verloren gegangen“, stellt er frustriert fest.

Anstieg von Aggressivität

Diese Entwicklung verfolgt auch Polizeisprecher Kai Richter mit Sorge. Seit Jahren nimmt er in den Landkreisen Lüneburg, Lüchow-Dannenberg und Uelzen einen erheblichen Anstieg von Aggressivität wahr. „Immer wieder werden Polizisten angegriffen“, sagt er. Körperverletzung, Widerstand oder versuchter Mord und Totschlag gehören für die Beamten zur Tagesordnung. Allein im Jahr 2015 wurden 231 Polizisten Opfer von Gewaltdelikten, 2016 waren es bereits 316. Nicht erfasst werden Beleidigungen und Bedrohungen, „denn die können wir schon gar nicht mehr mitzählen“, sagt Richter.

„Der Stressfaktor ist heute so groß, dass schon ein parkender Rettungswagen als Behinderung gesehen wird.“
Christian Köller, Rettungsdienstleiter

„Der Ton wird immer rauer“

Seit Jahren beobachtet der Polizeihauptkommissar einen gesellschaftlichen Wandel: „Der Ton wird immer rauer“, sagt er, „Ehrgefühl und Distanz werden immer häufiger verletzt.“ Erziehung, Akzeptanz, Toleranz, Rücksichtnahme, Frust – all das spiele eine Rolle. Eine Beobachtung, die auch Holger Grubbe und seine Kollegen vom DRK machen. Mit Schrecken müssen sie immer wieder feststellen: Gewalt nimmt generell in der Gesellschaft zu.

„Wir werden immer öfter zu Messerstechereien, Schießereien und häuslichen Gewalttaten gerufen“, erzählen die Rettungskräfte. Kritisch seien vor allem Einsätze wegen Gewalt in den eigenen vier Wänden, erklärt Rettungssanitäter Kai Fischer. „Man kommt in irgendwelche Wohnungen rein und weiß gar nicht, was einen erwartet.“ Das, was sie zu sehen bekommen, sei „manchmal unvorstellbar und einfach nur krass“, sagt der 27-Jährige.

Einsätze sind Zumutung

Es sind Einsätze, die die Rettungskräfte an ihre Grenzen bringen: mit Fäkalien verschmierte Fahrstühle, zugemüllte Wohnungen, bestialischer Gestank, aggressive Hunde, Wurfsterne, Macheten und andere Waffen an den Wänden. Die dazugehörigen Besitzer? Meistens alles andere als entspannt. Bei solchen Einsätzen müssen sich Grubbe und seine Kollegen nicht nur um das Leben ihrer Patienten, sondern immer häufiger auch um ihr eigenes sorgen. Rettungsdienstleiter Christian Köller aber betont: „Zu helfen ist zwar unsere Aufgabe – aber nicht um jeden Preis. Die eigene Sicherheit geht vor.“ Doch immer häufiger sei diese gefährdet – durch „viele unberechenbare Menschen“.

Schuld daran ist in Holger Grubbes Augen unter anderem Alkohol. „Immer mehr Menschen trinken und suchen dann Stunk, darunter viele junge Erwachsene“, sagt der 39-Jährige. Doch auch nüchtern ist die Hemmschwelle immer niedriger – sowohl von Jung als auch Alt. Vor allem Frauen stellt das vor Herausforderungen, weiß Elena-Celine Cleuvers. Die 26-Jährige ist eine von 13 Sanitäterinnen beim Lüneburger DRK. „Als Frau ist man oft körperlich unterlegen“, sagt sie. Cleuvers und ihre Kollegen sind sich einig: „Wir würden uns manchmal wohler fühlen, wenn die Polizei dabei wäre.“ Die aber treffe häufig erst nach ihnen ein.

Störungen während der Arbeit

Ein weiteres Problem: Die Rettungskräfte werden immer häufiger bei ihrer Arbeit gestört. Wütende Autofahrer, weil der parkende Rettungswagen aufgrund eines Notfalls den Weg blockiert, sind auch in Lüneburg ebenso wenig eine Seltenheit, wie neugierige Gaffer, die Unfälle mit ihrer Handykamera filmen. Eine Entwicklung, über die sich Christian Köller ärgert. „Die Leute zeigen kein Verständnis. Sie denken nicht daran, dass sie selbst auch mal in eine Situation geraten könnten, in der sie auf Hilfe angewiesen sind.“ Sein Eindruck: Das liegt an der heutigen Schnelllebigkeit der Gesellschaft. „Niemand hat mehr Zeit, alle haben es eilig. Der Stressfaktor ist heute so groß, dass schon ein parkender Rettungswagen als Behinderung gesehen wird.“

Lüneburgs Rettungssanitäter sind täglich für andere im Einsatz – zum Dank bekommen sie Mittelfinger und nackte Hinterteile gezeigt, werden beschimpft, bespuckt, beworfen, getreten und geschubst. Sie werden mit Messern attackiert oder gewürgt. Manchmal, da wird Holger Grubbe und seinen Kollegen erst nach dem Einsatz bewusst, was alles hätte passieren können. Meistens habe er zwar „ein dickes Fell und lacht darüber“, sagt Grubbe, „aber es gibt auch Tage, an denen ist es ganz schön hart.“

Trotz der zunehmenden Gewalt ist es für Grubbe und seine Kollegen noch immer der Job, „den wir immer machen wollten“. Zwar kriegen die Rettungssanitäter immer seltener ein „Danke“ zu hören, aber „wenn eins kommt, dann ist es das, was zählt“, findet Kai Fischer. Bisher mache er sich keine Sorgen vor dem Beginn einer neuen Schicht. Doch eines steht für ihn fest: „Der Tag, an dem ich mit Angst zur Arbeit gehe, ist der Tag, ab dem ich diesen Job nicht mehr mache.“

Von Patricia Luft

Auch andere betroffen: Smartphone treibt Entwicklung

Bestätigen kann den Anstieg von Gewalt gegenüber Rettungskräften auch Harald Kreft vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), Kreisverband Lüneburg. Er sagt: „Gewalt, Behinderungen und Gaffer sind für uns Alltag geworden.“ Schuld für die zunehmende Behinderung von Rettungskräften sei vor allem das Smartphone. „Die Leute sind neugierig. Jeder kann fotografieren oder filmen und es gleich ins Internet stellen.

Eine grausige Entwicklung.“ Daher hoffe er auf verschärfte Gesetze gegen Gaffer und alle, die Rettungskräfte behindern. Keine Probleme mit Angriffen oder Behinderungen haben hingegen die Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis Lüneburg. Kreisbrandmeister Torsten Hensel sagt: „Zumindest ist mir in dieser Hinsicht nichts anderes bekannt.“

2 Kommentare

  1. Ich arbeite als Krankenschwester und erlebe mit meinen Kollegen immer öfter, dass Patienten immer unfreundlicher und grober werden. Seien es verbale Attacken, die unterste Gürtellinie sind aber auch körperlich. Ins Gesicht spucken, treten und mit Gegenständen nach einem werfen ist nur ein kleiner Teil von dem, was ich alles so berichten könnte.

  2. Wilfried Bergmann

    „Gewalt nimmt generell in der Gesellschaft zu.“ Soso, nun bin ich aber beruhigt, wenn das so ist….! P. S.: Meine Gewaltberetischaft als Teil dieser Geselsschaft hat nicht zugenommen.